KVNO aktuell Letzte Änderung: 20.10.2021 00:00 Uhr

Fachkräftemangel: Praxen fehlen qualifizierte MFA

Wenn in den vergangenen Jahren über Fachkräftemangel im Gesundheitswesen diskutiert wurde, ging es in der Regel um Pflegepersonal oder Landärzte. Inzwischen ist der Fachkräftemangel auch bei Medizinischen Fachangestellten (MFA) zu beobachten. Eine Umfrage des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) hat das nun belegt. Langfristig wird dies negative Auswirkungen auf die ambulante Versorgung haben.

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Jede zweite Praxis suchte in den Jahren 2019 und 2020 qualifiziertes, nicht ärztliches Personal – oft ohne Erfolg. Das ist das Ergebnis einer Sonderbefragung des Zi zur „Personalsituation in Praxen der vertragsärztlichen und -psychotherapeutischen Versorgung“. Rund 5300 Praxen beteiligten sich deutschlandweit an der Befragung. Die Ergebnisse wurden Anfang August vorgestellt.

Dr. med. Ralph-Detlef Köhn aus Essen kennt das Problem. „Ich bin seit 30 Jahren niedergelassen und weiß aus eigener Erfahrung, dass es seit rund fünf Jahren immer schwieriger wird, qualifizierte MFA zu finden“, sagt der hausärztlich tätige Internist – und das trotz der Zusicherung übertariflicher Bezahlung, strukturierter Praxisabläufe, abwechslungsreicher Aufgaben und einer persönlichen und familiären Arbeitsatmosphäre.
Ähnlich wie Köhn bieten viele Niedergelassene Anreize zur Anwerbung und Bindung von Praxispersonal. In der Zi-Studie gaben fast drei Viertel der Praxen an, in den Jahren 2019 bis 2020 Sonderzahlungen und Zuschläge geleistet zu haben. Über die Hälfte zahlt in Anlehnung an den Tarifvertrag, fast die Hälfte der Praxen gewährt den Mitarbeitenden zudem Sachleistungen wie etwa die private Nutzung des Praxiswagens, Fahrkostenerstattung oder Erstattung von Kinderbetreuungskosten. Doch das scheint nicht auszureichen, um qualifiziertes Personal zu halten.

Abwanderung in den stationären Bereich

45 Prozent der MFA in Arztpraxen kündigten laut der Zi-Befragung in den Jahren 2019 und 2020 auf eigenen Wunsch. Große Konkurrenten zum ambulanten Versorgungsbereich sind der Öffentliche Gesundheitsdienst und der stationäre Sektor. Immer häufiger machen Krankenhäuser das Rennen um die gut ausgebildeten nicht ärztlichen Fachkräfte. Das bestätigt auch Internist Köhn. Neben einer unter Umständen noch besseren Bezahlung und geregelteren Arbeitszeiten böten Kliniken den MFA möglicherweise auch mehr Flexibilität und vermeintliche Sicherheit als kleinere Arztpraxen, so seine Vermutung.
Doch nicht nur Kliniken haben die Nase vorn, wenn es ums Geld geht. Verglichen mit ähnlichen Berufen im Gesundheitswesen rangieren MFA tariflich weit unten. Laut Bundesagentur für Arbeit lag beispielsweise das mittlere Bruttoentgelt einer MFA Mitte 2019 knapp 40 Prozent unter dem einer Sozialversicherungsfachangestellten einer allgemeinen Krankenversicherung. „Wir können nicht nachvollziehen, warum verantwortungsvolle Tätigkeiten von MFA am Patienten in der ambulanten Versorgung im Vergleich mit anderen Berufen so schlecht vergütet werden“, sagt Hannelore König, Präsidentin des Verbands medizinischer Fachberufe.

Wettbewerbsfähigkeit geht verloren

Um das Gehalt von MFA zumindest ein Stück weit anderen Bereichen anzugleichen und damit vor allem die Abwanderung in die Kliniken zu stoppen, haben sich bei den MFA-Tarifverhandlungen Ende Dezember 2020 die Tarifparteien darauf verständigt, die Vergütung in drei Stufen bis Ende 2023 um fast 12 Prozent anzuheben – ein Zeichen für Wertschätzung und Anerkennung der Leistungen von MFA in der ambulanten Versorgung. Doch es gibt ein Problem: Ohne entsprechende Gegenfinanzierung können viele Praxen solche Tariferhöhungen kaum zahlen. In Kliniken sieht das anders aus.

So steigt der Orientierungswert und damit der Preis pro Leistung für Krankenhäuser stärker als der für Vertragsarztpraxen: Zwischen 2016 und 2020 ist er für Krankenhäuser um 15,02 Prozent gestiegen, für Vertragsarztpraxen lediglich um 6,96 Prozent. Klar, dass es Krankenhäusern leichter fällt, höhere Tarifgehälter etwa für MFA zu zahlen. Ein ähnliches Bild ergibt sich für 2021: Bei Kliniken beträgt der Anstieg
2,6 Prozent, bei Kassenarztpraxen lediglich 1,25 Prozent. Damit können aber die höheren Personalkosten infolge der Tarifsteigerungen für MFA nicht berücksichtigt werden. Dieser Trend setzte sich auch bei den Honorarverhandlungen für 2022 fort. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung bedauerte dies.

Dabei sind eine attraktive Vergütung und die damit verbundene Wertschätzung gerade auch für MFA im ambulanten Bereich wichtig. „MFA sind das Aushängeschild einer Praxis“, sagt Allgemeinmediziner Dr. med. Peter Kaup. Seit 2008 ist er Teil einer großen Gemeinschaftspraxis in Oberhausen mit mehreren Ärzten, 17 MFA und vier Auszubildenden. „MFA managen den Praxisbetrieb und sind die erste Anlaufstelle für Patienten. Sie geben uns Ärzten oft wichtige Hinweise zu den Patienten, weil sie diese oft über Jahre mitbegleiten. Ihre Arbeit muss besser bezahlt werden“, betont Kaup.

Politik muss handeln

Durch den Fachkräftemangel ist die Belastung der MFA in den letzten Jahren ohnehin schon gestiegen. Die Corona-Pandemie hat das Problem noch verschärft. Einen staatlichen Corona-Sonderbonus wie etwa Pflegekräfte bekommen MFA jedoch nicht – obwohl 13 von 14 Corona-Patienten ambulant versorgt werden. Viele Vertragsärzte zahlten ihrem Personal trotzdem einen Corona-Bonus – aus eigener Tasche.
Seit 2019 zählen MFA laut der Agentur für Arbeit offiziell zu den sogenannten Engpassberufen. Über zwei Drittel der Vertragsarztpraxen erwarten laut der Zi-Befragung auch für die kommenden Jahre substanzielle Probleme, geeignetes Personal auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Schon jetzt gaben rund 15 Prozent der Praxen an, ihr Leistungsangebot aufgrund des MFA-Fachkräftemangels zeitweise eingeschränkt zu haben. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, kann das ernsthafte Folgen für die ambulante Versorgung haben. „Die Politik muss dringend handeln, damit der ambulante Sektor seine Wettbewerbsfähigkeit nicht verliert“, fordert Hannelore König.

  • Simone Heimann