Letzte Änderung: 03.05.2023 12:28 Uhr Lesezeit: 4 Minuten

KVNO: Zehn Punkte für eine nachhaltige und zukunftsfähige Versorgungsgestaltung

Statement des Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO), Dr. med. Frank Bergmann, zur Notwendigkeit einer nachhaltigen Finanzierung des ambulanten Sektors.

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© KVNO
Dr. med. Frank Bergmann (li.), Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein, beim Gesundheitskongress des Westens 2023

Um eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung auch in Zukunft garantieren zu können, müssten angesichts sich abzeichnender Engpässe sowohl strukturelle Ungleichheiten zwischen ambulantem und stationärem Sektor abgebaut als auch vorhandene Kapazitäten der Praxen besser gesteuert werden, erklärte Bergmann am heutigen Mittwoch im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung zum 17. Gesundheitskongress des Westens im Kölner Gürzenich. Für den KVNO-Chef sind es zehn Punkte, die dringend angegangen werden müssen, um eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung auch in Zukunft gewährleisten zu können.

„Mehr als 85 Millionen Arztfälle 2022 allein in Nordrhein sprechen eine deutliche Sprache: Garant der ambulanten Versorgung ist die Vertragsärzteschaft. Veränderte Rahmenbedingungen in der Ausübung der ärztlichen Tätigkeit sowie weitere Ambulantisierung stellen eine Herausforderung dar, die mit den tradierten Instrumenten wie bspw. der Bedarfsplanung, der Gestaltung und Finanzierung der Weiterbildung sowie der Finanzierung der vertragsärztlichen Tätigkeit im Budget nicht zu meistern sind.

Mehr Steuerung und Koordination

Mit rund 20 Arzt-Patienten-Kontakten pro Patient und Jahr ist die Frequenz der Arzt-Patientenkontakte in Deutschland derzeit rund doppelt so hoch wie im europäischen Ausland. Allein in Nordrhein ist die Zahl der Kontakte im vergangenen Jahr nochmals um drei Millionen angestiegen. Dabei könnten schon eine effizientere Steuerung und Koordination gepaart mit arbeitsteiligen Ansätzen – Stichwort: Delegation – einen wichtigen Beitrag zur Entlastung der Niedergelassenen leisten. So beispielsweise bei der Betreuung multimorbider Patientinnen und Patienten im Rahmen der DMP, die bis heute nicht sinnvoll miteinander verknüpft wurden. Auch müssen ergänzend hausärztliche und fachärztliche Behandlungszentren als Teampraxen ausgebaut und gefördert werden. 

Vorschläge, den ärztlichen Bereitschaftsdienst zu einem 24/7-Service auszubauen sind in meinen Augen völlig absurd – vor allem vor dem Hintergrund knapper Ressourcen. Es braucht ein ressourcenorientiertes gestuftes und gesteuertes Vorgehen, das nach dem telefonischen Erstkontakt über die 116 117 auch digitale bzw. telemedizinische Angebote wie beispielsweise Videosprechstunden und anderes mehr beinhaltet. Wie im stationären Sektor müssen die Vorhaltestrukturen auch im Notdienst und in der Regelversorgung finanziert werden.

Honorarsituation ist ein fatales Zeichen für den Nachwuchs

Den gestiegenen Anforderungen an die Praxen steht eine systematische Unterfinanzierung gegenüber, die die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen zunehmend vor existenzielle Probleme stellt. Bei einer Inflationsrate von derzeit gut sieben Prozent reicht die beschlossene Honorarsteigerung von nur zwei Prozent nicht einmal zum Ausgleich der Personalkosten. Schon jetzt besteht ein Defizit von rund acht Milliarden Euro. Es braucht schnell einen verbindlichen und langfristig angelegten Plan zur Beseitigung der seit Jahren herrschenden Unterfinanzierung und Benachteiligung der Praxen gegenüber dem stationären Bereich. Nicht zuletzt auch als positives Signal für den vertragsärztlichen Nachwuchs.

Fairer Wettbewerb bei Ambulantisierung

Ein Nachsteuern ist hier umso dringlicher geboten, als mit der Ambulantisierung tatsächlich ein wertvoller Beitrag zu einer hochwertigen, kosteneffizienten und schnelleren Patientenversorgung geleistet werden kann. Bestes Beispiel: ambulantes Operieren.  Hier wie für den Erfolg der Ambulantisierung insgesamt ist entscheidend, dass endlich faire Wettbewerbsbedingungen herrschen und dieselben Leistungen auch zu denselben Preisen entgolten werden.

Kooperative Modelle statt starrer Sektorengrenzen

Schließlich brauchen wir gestufte Versorgungsmodelle, die eine bessere Koordinierung zwischen hausärztlicher und fachärztlicher Praxis auf der einen Seite und den Krankenhaus-Ambulanzen auf der anderen Seite begünstigt. Das gilt nicht nur für den Notdienst im Besonderen, sondern für die Patientenversorgung überhaupt: Statt starrer Grenzen zwischen den Bereichen sind heute durchlässige bzw. transsektorale Ansätze erforderlich, um dem allgemein gestiegenen Versorgungsbedarf kooperativ begegnen zu können.

Dafür bedarf es einer Reihe struktureller Veränderungen, die nur in ihrer Gesamtheit eine nachhaltige Wirkung entfalten können. Ärztinnen und Ärzte sind ebenso wie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten selbständige Unternehmer. Für Investitionen in die Zukunft der Versorgung benötigen sie Planungssicherheit.

 

Zusammenfassung: 10-Punkte-Plan für einen nachhaltigen Wandel in der ambulanten Versorgung

1. Arzt-Patienten-Kontakte nachhaltig reduzieren

2. Hausärztliche und fachärztliche Behandlungszentren als Teampraxen fördern

3. Ambulantisierung fördern und gestufte Versorgungsmodelle Hausarzt–Facharzt–Krankenhausambulanz entwickeln

4. Versorgung zwischen den Sektoren durchlässig und kooperativ gestalten

5. Digitalisierung sinnvoll ausbauen und Bürokratie abbauen

6. Notdienst ressourcenorientiert und kooperativ gestalten

7. Finanzierung der Vorhaltestrukturen in der Regel-Versorgung wie auch im ambulanten Notdienst

8. Entbudgetierung des ambulanten Systems und nachhaltige Finanzierung der ärztlichen Leistungen sowie der Delegationsleistungen bzw. der Team-Leistungen

9. Völlige Überarbeitung und Neuorientierung der Vergütungsstruktur

10. Förderung und nachhaltige Umstellung des Finanzierungsmodells der ambulanten Weiterbildung im haus- und fachärztlichen Bereich wie in der Psychotherapie

 

 

 

Kontakt

Sven Ludwig

KV Nordrhein
Pressesprecher

Telefon +49 211 5970 8505
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Christopher Schneider

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stellv. Pressesprecher

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E-Mail presse@kvno.de

Thomas Petersdorff

KV Nordrhein
Pressereferent

Telefon +49 211 5970 8109
E-Mail presse@kvno.de