KVNO aktuell Letzte Änderung: 20.10.2021 00:00 Uhr

Zukunft der Notfallversorgung: In Köln arbeiten KVNO und Rettungsleitstelle Hand in Hand

Im Januar 2020 präsentierte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn einen Entwurf zum Notfallreformgesetz – viel mehr ist bei diesem Thema bis heute nicht passiert. Die Ad-hoc-Versorgung bleibt bundespolitisch eine Baustelle. Doch es gibt viele gute Ansätze, die wegweisend sein könnten, zum Beispiel in Köln, wo Rettungsdienst und Arztrufzentrale in einem Modellprojekt seit mittlerweile zwei Jahren erfolgreich kooperieren.

112 – die Rufnummer für Notfälle. 116 117 – die Nummer für Akutfälle. Die ärztliche Ad-hoc-Versorgung ist gut gedacht und ein optimales System, gäbe es nicht das Problem der Fehlinanspruchnahme. In einigen Fällen müssen Rettungsleitstellen Anrufer an den Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung verweisen und umgekehrt. „Eine Wurzel des Problems ist dabei auch die fehlende Gesundheitskompetenz in Teilen der Bevölkerung – das ist schwer anzupacken“, sagt Dr. med. Jürgen Zastrow, Kreisstellenvorsitzender der KV Nordrhein in Köln. Aber es gibt andere, gute Ansätze, um die Patienten in die richtige Versorgungsstruktur zu bringen, ohne die bestehenden Systeme grundlegend umzukrempeln.

Vernetzung schaffen

Zum Beispiel das Modell der komplementären Notfallversorgung in Köln – ein Projekt, das die KV Nordrhein 2019 gemeinsam mit der Feuerwehr angeschoben hat und bei dem eine enge Kooperation von Arztrufzentrale NRW und Kölner Rettungsleitstelle umgesetzt wurde. Ein Netz aus über 30 sogenannten Partnerpraxen dient zu den Sprechstundenzeiten als Anlaufstelle, um weniger schwere Fälle in die vertragsärztliche Versorgung zu steuern. Ziel: die Notfallversorgung effizienter gestalten, Rettungsdienst und Notaufnahmen entlasten. So wurde ein direkter Draht zwischen der 112 und der 116 117 geschaffen – ohne Warteschleife. „Es gibt gemeinsame Schnittmengen und es war dringend erforderlich, dass wir diese institutionalisieren. Es ist für uns ein Meilenstein, dass wir endlich einen Weg der Zusammenarbeit gefunden haben“, so Dr. Michael Klein, Geschäftsführer der Arztrufzentrale NRW. Die jeweiligen Zuständigkeiten und Strukturen der beiden Versorgungssysteme bleiben dabei unangetastet. „Entscheidend ist die direkte technische und inhaltliche Vernetzung im Bedarfsfall“, sagt Professor Alexander Lechleuthner, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Stadt Köln, der gemeinsam mit Dr. med. Frank Bergmann, KVNO-Vorstandsvorsitzender, die Idee zu dem Projekt hatte.

Die räumliche Zusammenlegung beider Anlaufstellen für eine Pilotphase war keine Option? Immerhin war das eine Vision im Gesetzentwurf Spahns zur Reform der Notfallversorgung. „Dafür war die ermittelte Schnittmenge einfach zu marginal“, erläutert Lechleuthner. Die Zahl der Fehlinanspruchnahmen bewegt sich bei Rettungsleitstelle und Arztrufzentrale in ähnlichen Dimensionen und liegt bei ein bis zwei Prozent. Bei der 116 117 sind das dann zehn bis 20 Anrufe in der Woche, bei der 112 etwa zehn pro Tag. „Die Notfallnummern zu einer Art Megaleitstelle zu vereinen, halten wir nicht für sinnvoll. Zielführend ist es, die vorhandenen, gut funktionierenden Systeme besser zu vernetzen“, so Klein.

Vom Pilot zur Regelversorgung

In Köln läuft das mittlerweile so gut, dass Alexander Abels, Leiter der Leitstelle, nicht mehr von Projekt, sondern von Regelversorgung spricht – allerdings mit Verbesserungspotenzial. Dazu zählt eine digitale Schnittstelle. „Wir haben zwar gleiche Prozesse, können aber erfasste Daten noch nicht untereinander austauschen“, sagt der Chef der Arztrufzentrale NRW. Das soll jedoch bald möglich sein. „Wir stehen kurz davor, eine Schnittstelle in Köln zu implementieren“, so Abels. Michael Klein befindet sich auch im engen Austausch mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die ebenfalls eine entsprechende Software auf den Weg gebracht hat. „Unser Ziel ist mittelfristig, die Kooperationen auszubauen und uns sukzessive auch mit den über 50 Leitstellen in NRW zu vernetzen“, erklärt er.

Beim Thema Transporte besteht ebenfalls noch Optimierungsbedarf im Kölner Modell, denn die reale Zahl der Fehlinanspruchnahmen bei der 112 liegt hier bei gut 15 Prozent. „Es ist häufig nicht möglich, dies bereits bei der Abfrage am Telefon festzustellen, denn Bagatellfälle sind schwer zu entlarven“, erklärt der Ärztliche Leiter der Feuerwehr Köln. Das bedeutet: Der Rettungswagen rückt aus und die Besatzung stellt vor Ort fest, dass der Patient nicht in die Notaufnahme, sondern in die Arztpraxis gehört. Die naheliegende Lösung: Die Person wird in eine Partnerpraxis gebracht. „Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass hierfür noch Weichen gestellt werden müssen“, erläutert Lechleuthner. Es gebe hier noch vieles, das ungeklärt sei.

 

eAU und eRezept im ärztlichen Notdienst – was gibt es zu beachten?

Die Telematikinfrastruktur (TI) rückt auch für den ärztlichen Notdienst näher. Eine Anbindung der Notdienstpraxen in Nordrhein ist für das kommende Jahr geplant und wird schrittweise an den einzelnen Standorten erfolgen. Nähere Informationen über die Umsetzung und die damit verbundenen Veränderungen im Notdienst folgen. Solange die zur Übermittlung von elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (eAU) und Rezepten (eRezept) notwendigen technischen Voraussetzungen in der Notdienstpraxis nicht zur Verfügung stehen, wird übergangsweise bis zum 31. Dezember 2021 weiter auf Restbeständen der AU-Bescheinigung (Muster 1) oder per Blankoformularbedruckung weitergearbeitet. Notdienstpraxen, die bereits das neue eAU-Update erhalten haben, benutzen die neuen Muster (Stylesheets), die auf normalem weißem Papier gedruckt werden. Die Übermittlung der AUBescheinigung an Krankenkasse und Arbeitgeber erfolgt, solange keine TI-Anbindung vorliegt, wie gehabt über den Patienten. Für das eRezept, welches ab dem 1. Januar 2022 verpflichtend wird, kann bis zur TI-Anbindung weiterhin mit Muster 16 weitergearbeitet werden. Diese Vorgehensweisen gelten auch für Hausbesuche.

Das Schaubild zeigt die Anzahl an Notdienst- und Portalpraxen in Nordrhein.
© KV Nordrhein
Aufteilung von Notdienst- und Portalpraxen in Nordrhein.

„Man könnte das Problem auch bei der Wurzel packen und Fahrten zum Arzt für immobile Patienten entbürokratisieren, denn oft wird der Rettungswagen gerufen, weil Menschen das Geld fürs Taxi nicht aufbringen können, selbst mit Krankenfahrtschein“, gibt Jürgen Zastrow zu bedenken. Auch er weiß, dass das System Notfallversorgung an vielen Akteuren hängt – und damit an vielen Interessen. Die Reform der Notfallversorgung kommt nicht ohne Grund schlecht in Gang. Zwar greift das aktuell die Notfallversorgung wieder auf, das aber gemessen an der ursprünglichen Vision recht kümmerlich. Im Wesentlichen verpflichtet der neue Paragraf 120 Absatz 3b im SGB V den Gemeinsamen Bundesausschuss dazu, innerhalb von zwölf Monaten Vorgaben zur Durchführung des Versorgungsbedarfs in den Notaufnahmen zu formulieren. Themen wie die gemeinsamen Leitstellen von KVen und Rettungsdiensten sowie die sogenannten Integrierten Notfallzentren (INZ) wurden ausgeklammert.

Weitere Notdienst-Projekte im Rheinland

Für die KV Nordrhein ist das kein Grund, das Engagement zurückzufahren, im Gegenteil: Sie tut einiges, um die Ad-hoc-Versorgung der Patienten im Rheinland zu verbessern – mit besonderem Blick auf enge Kooperationen der unterschiedlichen Akteure. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Umsetzung von Portalpraxen. Diese befinden sich entweder im Krankenhaus. Mithilfe eines gemeinsamen Tresens von ärztlichem Bereitschaftsdienst und Notfallambulanz der Klinik sollen die Patienten triagiert und so die Fehlinanspruchnahmen relativiert werden. Hier ziehen in NRW alle Akteure an einem Strang. Geregelt ist die flächendeckende Implementierung bis Ende 2022 in einer gemeinsamen Erklärung des Landes, der beiden KVen Nordrhein und Westfalen-Lippe sowie der Krankenhausgesellschaft, der Ärztekammern, der Apothekerkammern und der gesetzlichen Krankenkassen NRWs. In Nordrhein befinden sich alle 79 Notdienstpraxen am oder im Krankenhaus, 45 davon sind Portalpraxen.

Jüngst hat die KVNO eine neue, hochmoderne Portalpraxis in Bonn eröffnet, auch in Wuppertal soll im November eine Implementierung erfolgen. Der Grundgedanke solcher Portalpraxen entspricht in Ausgestaltung und Aufgaben weitgehend dem Konzept der INZ, die Spahn in seinem Gesetzentwurf Anfang vergangenen Jahres umrissen hat.

Anfang 2022 geht ein weiteres Projekt mit KVNO-Beteiligung, Optimal@NRW, im Kreis Aachen in die praktische Phase. Im Fokus: die Optimierung der Akutversorgung geriatrischer Patienten – rund um die Uhr. Im Rahmen des Projekts soll eine vorgeschaltete und integrierte telemedizinische Netzwerkstruktur zwischen Pflegeheimen, ambulanten Pflegediensten, Hausärzten und den Portalpraxen der KV Nordrhein, den Rettungsdiensten der Region Aachen und der zentralen Notaufnahme der Uniklinik RWTH Aachen etabliert werden. Als zentrale Anlaufstelle dient der sogenannte virtuelle digitale Tresen. Ab 1. November 2021 startet ein Modellvorhaben zur telemedizinischen Versorgung im Notdienst im Bereich Heinsberg. Die Ärzte in Bereitschaft sollen dann auch per Videosprechstunde konsultiert werden können.

  • Jana Meyer