KVNO aktuell Letzte Änderung: 28.11.2025 00:00 Uhr
„Wir wollen gestalten statt verwalten“
Digitalisierung, Steuerung, Notdienstreform: Im Interview berichtet der Vorstandsvorsitzende der KV Nordrhein, Dr. med. Frank Bergmann, wie er die ambulante Versorgung mit Teamgeist und Innovation weiter voranbringen will.
Wie blicken Sie auf das Jahr 2025 zurück? War es ein gutes Jahr für die ambulante Versorgung in Nordrhein?
Dr. med. Frank Bergmann: Es war ein Jahr mit Licht und Schatten. Die Entbudgetierung der Hausärztinnen und Hausärzte, für die wir lange gekämpft haben, bringt vielen Praxen eine spürbare finanzielle Entlastung. Auch bei der Digitalisierung sind wir mit der elektronischen Patientenakte vorangekommen. Noch gibt es Kinderkrankheiten, aber ich bin überzeugt, dass die ePA in der Versorgung einen wirklichen Unterschied machen wird. Herausforderungen bleiben: Die strukturelle Unterfinanzierung und der hohe bürokratische Aufwand belasten die Praxen und den Notdienst weiterhin. Trotzdem bin ich stolz, wie engagiert unsere Mitglieder und die KV Nordrhein diese Aufgaben angehen und wie viele innovative Projekte wir gemeinsam umsetzen.
An welche Projekte denken Sie dabei?
Bergmann: Zum Beispiel an unsere Startpraxis in Kleve, die im Frühjahr 2026 öffnet. Sie beschreibt ein zukunftsorientiertes Modell, wie wir die Niederlassung für junge Ärzte im ländlichen Raum attraktiver machen und somit gleichzeitig die Versorgung vor Ort langfristig stabilisieren können. Unser Modellprojekt Physician Assistants ist ein weiteres Beispiel: Hier schaffen wir neue Rollen in den Praxisteams, um Ärzte gezielt zu entlasten. Wir gestalten aktiv, übernehmen Verantwortung und liefern konkrete Lösungen für unsere Mitglieder und die Menschen in Nordrhein.
Die Notfallversorgung ist bundesweit ein großes Thema. Wie hat die KV Nordrhein hier eigene Akzente gesetzt?
Bergmann: Die Notfallreform ist für uns zentral. Wir haben die Neuorganisation des Notdienstes konsequent vorangetrieben. Im Fahrdienst starten wir 2026 mit dem Kooperationsarztmodell, das mehr Flexibilität und Planungssicherheit bringt. Es bedeutet für Ärzte de facto die Befreiung von der Dienstpflicht im Fahrdienst bei niedrigeren Kosten, weil die bisherigen Vertreterkosten dadurch entfallen. Daneben verbessert die digitale Vernetzung der Rufnummern 116 117 und 112, die wir als Pilotprojekt in Bonn gestartet haben, die Steuerung der Patienten und erhöht die Sicherheit. Unser Ziel: eine effizientere, patientenorientierte Notfallversorgung und weniger Belastung für die Praxen.
Wie steht es um die Primärarztversorgung? Was halten Sie von der Diskussion?
Bergmann: Bei den aktuellen Vorschlägen sehen wir bekannte Ansätze. Hausärztinnen und Hausärzte sind ja für die allermeisten Patienten bereits die erste Anlaufstelle und übernehmen wichtige Koordinationsaufgaben. Der Gedanke aber, dass sich alle Patienten künftig zuerst bei ihrem Hausarzt vorstellen sollen, wäre eine Überregulierung, von der am Ende niemand profitiert, am wenigsten die Patienten. Es muss Ausnahmen für Chroniker oder einzelne Berufsgruppen wie zum Beispiel die Gynäkologie, die Urologie, die Psychotherapie oder auch die Augenheilkunde geben, um nur einige Beispiele zu nennen. Auch die Steuerung über die 116 117 muss hier mitgedacht werden – nicht nur im Notdienst, sondern auch in der Regelversorgung.
Wir erleben derzeit viele Unsicherheiten. Ist unser Gesundheitssystem ausreichend auf Krisen oder gar einen möglichen Kriegs- oder Bündnisfall vorbereitet?
Bergmann: Die Vertragsärzte und Psychotherapeuten haben in der Pandemie gezeigt, dass sie Krise können. Für einen möglichen Bündnisfall braucht es aber klare Konzepte und enge Zusammenarbeit mit allen Akteuren. Im ambulanten Bereich fehlt bislang jegliche rechtliche Grundlage für den Verteidigungsfall. Auch beim Aufbau von Resilienzstrukturen gibt es noch viel zu tun: Praxen und Krankenhäuser müssen auch bei Ausfall digitaler Netze oder der Stromversorgung arbeitsfähig bleiben. Die Bevorratung von Arzneimitteln und Medizinprodukten ist essenziell – auch wenn wir hoffen, sie nie zu brauchen.
Was wird 2026 für die KV Nordrhein besonders wichtig?
Bergmann: Wir werden die begonnenen Projekte verstetigen und die Versorgung noch stärker an den Bedürfnissen der Praxen und Menschen ausrichten. Nachwuchsförderung bleibt zentral. Außerdem wird es darum gehen, Patientinnen und Patienten mithilfe von Digitalisierung und Ersteinschätzung künftig effizienter durch das Gesundheitssystem zu begleiten. In der Notfallversorgung müssen wir mit der 116 117 als digitale Akutleitstelle damit beginnen. Wir sind froh, dass der Gesetzgeber mit dem neuen Referentenentwurf dafür nun die Weichen gestellt hat.
- Das Interview führte Thomas Lillig.