KVNO aktuell Letzte Änderung: 27.04.2026 00:00 Uhr

„Wir leisten Entscheidungshilfe“

Seit 1. April 2026 ist die BWL-Beratung fester Bestandteil des Beratungsportfolios der KV Nordrhein. Wie Niederlassungsinteressierte davon profitieren können – darüber sprachen wir mit der Abrechnungsberaterin Olga Lykova und dem Niederlassungsberater Alexander Konrad.

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© Guido Schiefer | KV Nordrhein

Welches Ziel verfolgt die KVNO mit dem neuen BWL-Beratungsangebot?
Alexander Konrad: Wir brauchen mehr Nachwuchs in der ambulanten Versorgung und wollen Ärztinnen und Ärzten den Einstieg so leicht wie möglich machen. Gleichzeitig wissen wir als Kassenärztliche Vereinigung: Es gibt viele junge Medizinerinnen und Mediziner, die sich zwar grundsätzlich für die Tätigkeit in eigener Praxis interessieren, sich aber aus wirtschaftlichen Gründen unsicher sind. Hier wollen wir Entscheidungshilfe geben und zeigen: Es lohnt sich, in die Niederlassung zu gehen. Man kann hier mindestens so gut verdienen wie im Krankenhaus. Das aufzuzeigen, ist unser erstes Ziel.

Olga Lykova: Das heißt: Wir können ein möglichst genaues Bild davon vermitteln, wo die Niederlassungsneulinge wirtschaftlich wahrscheinlich jeweils stehen, wenn sie das erste Geschäftsjahr in der Praxis abgeschlossen haben.

Richtet sich die Beratung auch an etablierte Praxen?
Konrad: Stand jetzt liegt der Fokus zunächst auf Niederlassungsinteressierten. Für bestehende Praxen haben wir außerdem viele andere Beratungsangebote, mit denen wir unterstützen können: Es gibt ein BWL-Grundlagenseminar, ein Marketingseminar, die Abrechnungsberatung, Hilfe bei der Kalkulation von Praxisveränderungen oder Kooperationen. 

Lykova: Aber wir machen ausdrücklich keine Praxiswertermittlung, wie das vielleicht Unternehmensberatungen auf dem freien Markt machen, und auch keine Steuerberatung – das dürfen wir auch gar nicht.

Was können Niederlassungswillige von dem neuen BWL-Beratungsangebot erwarten?
Konrad: Wir möchten ihnen ein gutes Gefühl für ihre Entscheidung geben. Sie haben ja in der Regel bereits Kontakt mit Abgeberinnen oder Abgebern gehabt, haben sich die Praxen angeschaut – aber es fehlt oft noch die Bestätigung, ob sie sich ihren Lebensstandard weiter leisten können, wenn sie in die Selbständigkeit gehen. Und diese Entscheidungshilfe liefern wir mit unserer neu entwickelten Einnahmen-Ausgaben-Prognose.

Wie läuft die Beratung konkret ab?
Lykova: Die Interessenten bekommen von uns zuerst eine E-Mail, in der wir den Beratungsprozess kurz erklären und auflisten, welche Informationen und Unterlagen wir von ihnen benötigen. Grundlage ist ein eigens dafür konzipierter Fragebogen. Dann vereinbaren wir einen Termin für eine Abrechnungsberatung – das empfehlen wir dringend, damit die Ärztin oder der Arzt die Grundlagen des Honorarwesens und der Abrechnungssystematik kennenlernt. Dabei machen wir bereits eine erste Abrechnungsanalyse. Danach erstellen wir im Team aus allen vorliegenden Informationen eine konkrete Einnahmen-Ausgaben-Prognose, inklusive Abrechnungssimulation und unter Berücksichtigung der individuellen Qualifikationen. Das Ergebnis daraus besprechen wir in einem zweiten Beratungstermin und können dann sagen: So sieht es wirtschaftlich aus, wenn Sie diese Praxis übernehmen wollen.

Was ist, wenn es noch keine potenzielle Abgeberpraxis und dadurch keine betriebswirtschaftlichen Daten gibt?
Konrad: Dann berechnen wir die Kosten und Privateinnahmen anhand der Durchschnittswerte der Fachgruppe laut Zi-Praxis-Panel. Für die Simulation des Honorars setzen wir die Durchschnittswerte der Fachgruppe im Gebiet der KV Nordrhein oder im Postleitzahlengebiet an.

Wie sind die bisherigen Reaktionen?
Lykova: Unterm Strich kommt in der Regel heraus, dass die oder der Niederlassungsinteressierte mindestens das verdienen kann, was auch im Krankenhaus verdient werden kann – oft sogar mehr.

Und wenn nicht?
Lykova: Das ist in unserer Pilotgruppe tatsächlich in einem Fall vorgekommen. Die Person hat dann aber die Vorteile gegenübergestellt – die berufliche Freiheit, keine Krankenhaus-Notdienste mehr, also ein Zugewinn an Lebensqualität und die Möglichkeit, sich beruflich und wirtschaftlich weiterzuentwickeln. 
Konrad: Wir verheimlichen nichts – auch wenn unterm Strich etwas Negatives steht. Und auch wenn wir das Gefühl haben, dass die Selbständigkeit für den Interessierten nichts ist und er in der Niederlassung nicht glücklich werden würde, raten wir: Lassen Sie es sein.  

  • Thomas Lillig