KVNO aktuell Letzte Änderung: 20.10.2021 00:00 Uhr

Gesundheitskongress des Westens: „Wir können und wollen Versorgung gestalten!“

Regionale Versorgungsverbünde, Bürgerversicherung, Digitalisierung in den Praxen – mit Blick auf die neue Legislaturperiode mehren sich ambitionierte Vorhaben zur Runderneuerung des Gesundheitswesens. Doch: Wo steht die Versorgung heute und worin liegen die künftigen Heraus-forderungen? Diese Fragen erörterten die Diskutanten des Abschlusspanels im Rahmen des 15. Gesundheitskongresses des Westens im September.

© KV Nordrhein
„Die KVen waren immer maßgebliche Akteure und Mitgestalter in der Pandemie“, sagte der KVNO-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Frank Bergmann beim Abschlusspanel des 15. Gesundheitskongresses des Westens in Köln.

Im Superwahljahr 2021 steht Gesundheitspolitik hoch im Kurs. Überraschend ist das nicht, immerhin hat die Corona-Pandemie über die vergangenen anderthalb Jahre in aller Deutlichkeit vor Augen geführt, wie elementar wichtig eine gut funktionierende Versorgung ist. Und in der Tat, gut funktioniert hat sie – darin waren sich die Teilnehmer der abschließenden Podiumsdiskussion des 15. Gesundheitskongresses des Westens im Kölner Gürzenich einig. Ohne das Engagement der Vertragsärzte, so hieß es unisono, hätte die Pandemie wohl einen weit schlimmeren Gang genommen. Für Dr. med. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO), ein Zeichen der Leistungsfähigkeit der ärztlichen Selbstverwaltung: „Bei über 23 Millionen Impfungen in NRW, die - mit Ausnahme der Betriebsimpfungen - durch Vertragsärzte und von uns unter Vertrag genommenen Honorarärzten in Arztpraxen und Impfzentren erbracht worden sind, liegt die Stärke des KV-Systems wohl mehr als deutlich auf der Hand.“

Zwar tauge die Pandemie nicht als Blaupause für die allgemeine Regelversorgung, doch habe die ärztliche Selbstverwaltung in der Krise unter Beweis gestellt, dass sie flexibel und in Absprache mit ihren politischen Partnern von Bund, Land und Kommunen schnell zu tragfähigen Lösungen komme. Kann das erlebte Pandemiemanagement durch staatliche Stellen die Selbstverwaltung als Modell der Zukunft ablösen? Der Frage erteilte Bergmann vor diesem Hintergrund auch eine klare Absage: „Die Funktionsfähigkeit der Selbstverwaltung wird sicherlich nicht infrage gestellt, wenn es in einer so besonderen Situation wie der Corona-Pandemie staatliche Vorgaben gegeben hat und gibt. Das Denken in regionalen Versorgungsverbünden, das einige Parteien auch in ihre Programme für die Bundestagswahl aufgenommen haben, macht uns also keineswegs unruhig. Wir können und wollen Versorgung gestalten!“

Sektorenübergreifende Notfallversorgung

Dass sich dieser Anspruch in der Praxis bereits mit zahlreichen konkreten Maßnahmen verknüpft, zeigt allen voran die Notfallversorgung. Für den KVNO-Chef ist sie ein leuchtendes Beispiel dafür, dass sektorenübergreifende Versorgung gegenwärtig nicht nur ein Fall für politische Parteiprogramme, sondern in Teilen auch schon gelebte Realität ist. „Wir betreiben gemeinsam mit Kliniken Portalpraxen und schauen an einem Behandlungstresen: Ist das wirklich ein Notfall oder behandeln ab hier direkt die niedergelassenen Kollegen den Patienten? Das ist ein Beispiel zur Verbesserung der Versorgungsqualität und gleichzeitig können durch eine Kooperation wie diese auch Kosten gesenkt werden“, führte Bergmann aus.

Doch bleibt trotz der insgesamt positiven Entwicklung einiges zu tun – vor allem mit Blick auf die Digitalisierung und neue mit ihr einhergehende Versorgungsformen wie beispielsweise die Telemedizin. In seiner Einschätzung verwies der KVNO-Vorstandsvorsitzende auf die Fortschritte des letzten Jahres, machte aber auch mitunter Versäumnisse aufseiten der Politik aus: „Unsere Ärzteschaft übernimmt neue Versorgungsformen: Im vergangenen Jahr gab es rund 380.000 Videosprechstunden – 2019 waren es gerade einmal 500. Die KV Nordrhein informiert und schult ihre Mitglieder intensiv, damit sie an dieser Stelle auch weiter vorankommen. Sicherlich könnten sich manche niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte noch mehr einbringen – aber: Sie müssen das alles auch aus eigener Kraft tun.“ Dass die vom Bundesministerium für Gesundheit bereitgestellte Finanzierung in Höhe von drei Milliarden Euro allein den Kliniken zugutekomme und die niedergelassene Ärzteschaft vollkommen übergehe, sei so nicht nachvollziehbar und ein immenser Nachteil für einen so enorm wichtigen Berufsstand.

Herausforderung angenommen

Zuspruch kam von Professor Dr. med. Andrew Ullmann, selbst Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie, internistische Onkologie und Infektiologie sowie Mitglied der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag. Er verwies auf die enormen Potenziale der Digitalisierung unter anderem beim Abbau bürokratischer Hürden oder der Überführung medizinischer Modellprojekte in die Regelversorgung – allesamt Herausforderungen, derer sich die Ärzteschaft im Rahmen eines notwendigen Strukturwandels nun annehmen müsse. Die Bedingungen dafür seien insgesamt jedoch gut, betonte Ullmann. „Zum aktuellen Zeitpunkt befinden wir uns in der äußerst komfortablen Situation, aus einer Position der Stärke heraus agieren zu können, um neue Impulse zu setzen – und voranzugehen“, so der Politiker. Das gelte nicht nur für die sektorenübergreifende Versorgung, die vor dem Hintergrund reformbedingter Veränderungen im stationären Bereich immer dringlicher werde, sondern auch – auf lange Sicht – für eine notwendige Öffnung der gesundheitlichen Versorgung für mehr Wettbewerb.

Ähnlich sieht es Dr. med. Regina Klakow-Franck, vormals unparteiisches Mitglied beim Gemeinsamen Bundesausschuss, jetzt stellvertretende Leiterin des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen. Auch sie plädierte für wettbewerbsbegünstigende Reformen zugunsten neuer patientenzentrierter Ansätze in der Regelversorgung. Ein entscheidender Faktor in diesem Zusammenhang: die Finanzierung. „Solange das Gebot der Kostenneutralität gesetzlichen Krankenkassen verbietet, neue Versorgungsverträge abzuschließen – die zunächst eine Investition bedeuten –,
besteht der aktuelle Innovationsstau fort“, äußerte sie sich. Kritisch sieht Klakow-Frank aber auch den ordnungspolitischen Rahmen, insbesondere den Umstand, dass originäre Aufgaben staatlicher Daseinsvorsorge oftmals an die ärztliche Selbstverwaltung delegiert würden. Noch dringlicher als die aktuellen Herausforderungen im Bereich der digitalen Gesundheitspolitik, namentlich die elektronische Patientenakte oder digitale Gesundheitsanwendungen, müsse man bei den infrastrukturellen Voraussetzungen nachbessern, um einen durchgehenden digitalen Workflow für die Ärzte zu ermöglichen. „Erst dann kann das deutsche Gesundheitssystem, das dank des Engagements der Ärzteschaft grundsätzlich sehr gut aufgestellt ist, zur internationalen Spitze aufschließen“, konstatierte die Gesundheitsexpertin.

  • Thomas Petersdorf