KVNO aktuell Letzte Änderung: 20.10.2021 00:00 Uhr

STIKO-Empfehlungen zu Corona-Impfungen: Ärzte fordern mehr Evidenz statt Eminenz

Die Ständige Impfkommission (STIKO) stand in den vergangenen Wochen oft in der Kritik, bei ihren Entscheidungen zu zögerlich zu sein. Stattdessen preschte die Politik vor und verursachte damit in Praxen wie bei Patienten wiederholt Unsicherheiten. Die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) forderte für das weitere Impfgeschehen eine höhere medizinische Evidenz.

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ückblick: Am 2. August 2021 beschließt die gemeinsame Konferenz der Gesundheitsminister und -senatoren von Bund und Ländern (GMK) den Anspruch auf eine Corona-Schutzimpfung für Kinder und Jugendliche von zwölf bis 17 Jahren. Die STIKO empfiehlt die Impfung dieser Gruppe zu diesem Zeitpunkt lediglich für Kinder und Jugendliche mit Vorerkrankungen bzw. für diejenigen, die in ihrem Umfeld Kontakt zu Personen mit hohem Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf bei Infektion haben. Sie begründet dies mit der vorliegenden Datenlage. Die Politik ficht das nicht an. Sie lädt die Entscheidung pro oder kontra Impfung einfach bei den Praxen ab: Weil es noch keine allgemeine STIKO-Empfehlung gibt, soll die Impfung „nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und Risikoakzeptanz des Kindes oder Jugendlichen“ erfolgen.
Ebenfalls am 2. August und mit einer Erweiterung am 9. August ermöglicht die GMK ab September für bestimmte Personengruppen COVID-19-Auffrischungsimpfungen, wenn der Abschluss der ersten Impfserie mindestens sechs Monate zurückliegt. Eine entsprechende Empfehlung der STIKO steht zu diesem Zeitpunkt noch aus. Unter führenden Virologen und Immunologen ist zudem umstritten, ob eine Booster-Impfung bereits ein halbes Jahr nach Erhalt des Vollschutzes überhaupt sein muss. Auch als am 2. September die neue Corona-Impfverordnung des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) in Kraft tritt, mit der jeder Bürger Anspruch auf eine Auffrischungsimpfung erhält, ist die STIKO noch dabei, die vorliegenden Daten wissenschaftlich zu prüfen.

Für dieses Vorgehen der Politik fand die Vertreterversammlung der KBV am 17. September klare Worte: Sie forderte in einem von der KV Nordrhein eingebrachten Antrag, „dass das Impfgeschehen in Zukunft grundsätzlich nicht ohne eine Empfehlung der STIKO“ fortgesetzt werden soll. In der Erläuterung des Antrags sagte der Vorstandsvorsitzende der KV Nordrhein, Dr. med. Frank Bergmann: „Damit die Niedergelassenen sich auch weiterhin mit voller Überzeugung am Impfgeschehen beteiligen, benötigen wir als Richtschnur für Impfungen eine höhere medizinische Evidenz.“

„Die Politik entscheidet offensichtlich weniger evidenz-, sondern vielmehr eminenzbasiert“, kritisierte auch der stellvertretende KBV-Chef Dr. Stephan Hofmeister. Mit dem Vorpreschen bei den Auffrischungsimpfungen hätte das BMG für ganz Deutschland einen Blankoscheck ausgestellt, den die Praxen einlösen müssten: „Denn natürlich stehen dort die Versicherten und deklarieren ihren Anspruch, egal ob dieser medizinisch gerechtfertigt ist oder nicht.“

Jüngste STIKO-Empfehlungen im Überblick

Auffrischungsimpfungen: Inzwischen hat die STIKO eine Empfehlung für Booster-Impfungen ausgesprochen, und zwar für Patienten mit Immundefizienz sowie für alle Bürger ab 70 Jahren, Bewohner und Betreute in Pflegeheimen, Personal in Pflegeheimen und anderen Betreuungseinrichtungen und für Beschäftigte in medizinischen Einrichtungen mit direktem Patientenkontakt. Ihnen soll etwa sechs Monate nach der COVID-19-Grundimmunisierung eine zusätzliche Impfung mit einem mRNA-Impfstoff angeboten werden. Die STIKO beruft sich bei ihrer Empfehlung auf Studienergebnisse, die belegen, dass Immunschwache oftmals schlechter auf die Corona-Impfung ansprechen. Im höheren Alter fällt die Immunantwort außerdem nach der Impfung insgesamt geringer aus und Impfdurchbrüche können häufiger auch zu einem schweren Krankheitsverlauf führen.

Bei einer kleinen Gruppe schwer immundefizienter Patienten mit einer erwartbar stark verminderten Impfantwort, wie zum Beispiel bei Patienten nach Organtransplantation und bei Krebspatienten unter immunsuppressiver, antineoplastischer Therapie, kann die zusätzliche Impfstoffdosis als Optimierung der primären Impfserie bereits vier Wochen nach dieser Grundimmunisierung angeboten werden. Über eine Auffrischungsimpfung nach weiteren sechs Monaten soll im Einzelfall entschieden werden.

Schwangere und Stillende: Mitte September erfolgte die COVID-19-Impfempfehlung für bisher ungeimpfte Schwangere und Stillende. Nach einer systematischen Aufarbeitung von Daten zum Risiko von schweren COVID-19-Verläufen in der Schwangerschaft rät die STIKO Schwangeren ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel sowie stillenden Müttern nun zur Impfung mit zwei Dosen eines mRNA-Impfstoffs im Abstand von drei bis sechs Wochen (Comirnaty, Biontech/Pfizer) bzw. von vier bis sechs Wochen (Spikevax, Moderna). Darüber hinaus empfiehlt die Kommission ausdrücklich auch allen noch nicht oder unvollständig geimpften Frauen im gebärfähigen Alter die Impfung gegen COVID-19.

„Die Empfehlung ist komplett in unserem Sinne, die wissenschaftliche Begründung sehr faktengesättigt“, bewertet Professor Ekkehard Schleußer, Leiter der Impfempfehlungs-Autorengruppe der gynäkologischen Fachverbände, den STIKO-Beschluss. Mit einer Corona-Schutzimpfung werde aber nicht nur die werdende Mutter geschützt, sondern auch das noch ungeborene Kind. Ein Transfer mütterlicher Anti-SARS-CoV-2-Antikörper über die Plazenta sei nachgewiesen, wie die gynäkologischen Fachverbände mitteilen.

Koadministration: Rechtzeitig zum Start der Erkältungssaison hat die STIKO ferner die gleichzeitige Gabe von Corona- und Influenzaimpfstoffen befürwortet. Mittlerweile lägen umfangreiche Daten zur Sicherheit und Verträglichkeit der in Deutschland zugelassenen COVID-19-Impfstoffe vor, sodass der zuvor aus Vorsichtsgründen angeratene Mindestabstand von 14 Tagen zwischen der COVID-19-Impfung und der Applikation anderer Totimpfstoffe nicht mehr erforderlich ist. Die Injektion sollte aber möglichst an unterschiedlichen Gliedmaßen erfolgen.

  • Thomas Lillig