KVNO aktuell Letzte Änderung: 01.09.2021 00:00 Uhr

Corona-Pandemie: Reset-Taste für die Selbsthilfe

Die Selbsthilfe lebt von Gesprächen, direktem Austausch – und insbesondere von Begegnungen.

Die Corona-Pandemie erschwerte die Interaktion Betroffener in diesem wichtigen Unterstützungssystem enorm. Selbsthilfegruppen mussten neue Wege der Kommunikation und kreative Lösungen des Beisammenseins finden. Ein Rückblick.

Die COVID-19-Pandemie hat auch die gesundheitliche Selbsthilfe im Kern getroffen – kein Wunder bei einem System, das so von Interaktion, gemeinsamem Miteinander und Erfahrungsaustausch lebt. Die Krankheiten oder Problemlagen von Selbsthilfe-Engagierten bleiben trotz Virus bestehen, und gerade in Zeiten eingeschränkter Therapien und Behandlungen ist die Unterstützung durch Gleichbetroffene oft noch wichtiger. Einige Selbsthilfegruppen – zum Beispiel für Suchtkranke oder psychisch Kranke - benötigen die persönliche Begegnung, um Abstürze von Mitgliedern zu vermeiden. Für sie war der lange Verzicht auf Face-to-Face-Treffen besonders schwierig.

Umwälzungen und Umbrüche

Viele Gruppen haben erfolgreich auf digitale Austauschformate wie E-Mail, Social-Media-Kanäle oder Video-Konferenzen umgestellt und geeignete Mittel und Wege gefunden, um ihre Kontakte fortwährend zu halten. Für andere waren die technischen Hürden für virtuelle Treffen zu hoch oder diese verliefen unbefriedigend – und erwiesen sich nicht als brauchbarer Ersatz für ein reales Beisammensein in vertrauter Atmosphäre. Hier gingen einige Mitglieder verloren oder ganze Gruppen lösten sich auf.

Anders als in anderen Bundesländern erlaubte die Corona-Schutzverordnung in Nordrhein-Westfalen außer im ersten Lockdown Gruppentreffen unter strengsten Auflagen. Doch der Mangel an Räumlichkeiten war und ist eine große Schwierigkeit. Viele Gruppen, die sich treffen möchten, scheitern am Fehlen geeigneter Räume, in denen die Hygienekonzepte und der Mindestabstand eingehalten werden können.
Kerstin Lohmann, Koordinatorin der Gesundheitsselbsthilfe NRW, stellt fest: „Die Selbsthilfe wird verändert aus der Pandemie hervorgehen. Die Landesverbände der Gesundheitsselbsthilfe sind noch dabei, sich ein Bild davon zu verschaffen, wie die Selbsthilfelandschaft in den einzelnen Regionen jetzt aussieht und was es braucht, um Abläufe gegebenenfalls wieder in Gang zu setzen.“

Kreative Lösungen

Die herausfordernde Corona-Zeit hat aber auch viel Kreativität und neue Chancen mit sich gebracht:

  • Die Selbsthilfekontaktstelle Köln errichtete als Reaktion auf die Kontaktbeschränkungen das „Virtuelle Haus der Selbsthilfe“. Dies ist ein auf die Bedürfnisse von Selbsthilfegruppen angepasstes datenschutzkonformes Videokonferenzsystem, deutschlandweit das erste seiner Art. Das Digitalisierungsangebot wird von den Kölner Selbsthilfegruppen seither sehr gut und regelmäßig angenommen.
  • Auch die Selbsthilfeakademie NRW hat ein erfolgreiches „virtuelles Selbsthilfe-Café“ ins Leben gerufen.
  • Die Deutsche Depressions-Liga entwickelte ein digitales Diskussionsforum für Betroffene und Angehörige, um sich zu vernetzen und bei der Bewältigung einer Depression zu unterstützen.
  • Aktive der „Jungen Selbsthilfe“ aus ganz Deutschland treffen sich nun an mehreren Abenden pro Woche per Video-Meeting und widmen sich ihren gemeinsamen Anliegen.

Hohe Nachfrage

Die mit Abstand meisten Anfragen verzeichneten die Selbsthilfe-Kontakt- und Beratungsstellen in NRW in 2020 (wieder) zum Thema psychische Störungen und Erkrankungen. Neue Selbsthilfegruppen zu gründen, gestaltete sich in der Pandemie jedoch schwierig. Vermehrt kamen überregionale Online-Treffen zustande. Auch die ersten Selbsthilfegruppen zum Thema Corona selbst sind teilweise auf Bundesebene zusammengekommen. Es gibt mittlerweile Angebote für Corona-Genesene, die an Long-COVID leiden und noch physische oder kognitive Einschränkungen haben, oder auch eine bundesweite Gruppe für Angehörige von Corona-Toten.

  • Bianca Wolter