Service KVNO aktuell Letzte Änderung: 30.05.2025 13:52 Uhr Lesezeit: 3 Minuten

Medfluencer im Interview: "Wir wollen, dass Kinder gesünder werden"

Warum zwei Kinderärzte lieber aufklären als beeinflussen

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© Hanna Witte

Kinderärzte auf Social Media? Was für manche ungewöhnlich klingt, ist für die Kinderärzte Dr. med. Nibras Naami und PD Dr. med. Florian Babor längst Alltag. Sie nutzen Podcasts, Instagram & Co., um junge Familien medizinisch fundiert zu ­informieren. Sie klären verständlich auf, immer mit dem Ziel: mehr Wissen, weniger Sorgen. Eine halbe Million Menschen ­folgen ihren ­Kanälen auf Social Media, wie dem Instagramkanal ­@handfussmund, und ihrem Podcast „Hand, Fuß, Mund“ über Kinder- und Jugendmedizin. Hier ­erklären sie, warum sie keine klassischen Influencer sein wollen – und was sie antreibt.

Sie gehören zu den bekanntesten Medfluencern ­Deutschlands. Wie definieren Sie sich selbst?
Dr. med. Nibras Naami: Wir sind in erster Linie Kinderärzte. Unser Beruf bringt es mit sich, aufzuklären – früher im Sprechzimmer, heute auch digital. Dass man uns als Influencer bezeichnet, ist okay, aber wir empfinden den Begriff oft als zu kommerziell. Unser Ziel ist nicht, Produkte zu bewerben, sondern Wissen zu vermitteln. Deshalb sehen wir uns eher als Educator – wir erklären, informieren, geben Orientierung.

Welche Themen greifen Sie auf?
PD Dr. med. Florian Babor: Eigentlich das ganze Spektrum der Kinder- und Jugendmedizin. Wir merken täglich: Es gibt enormen Bedarf an verständlicher, verlässlicher Information. In der Kinderarztpraxis fehlt oft die Zeit, Dinge in Ruhe zu erklären. Da setzen wir an – mit Podcasts, Videos und Social-Media-Formaten, in denen wir auch konkrete Tipps geben, etwa zum Umgang mit Fieberkrämpfen oder zum richtigen Sonnenschutz bei Kindern. Unser Anspruch ist, Wissen zugänglich zu machen. Unsere Podcasts oder Reels kann man sich dann anhören, wenn es gerade passt – oder wenn nachts die Sorge kommt.

Geben Sie auch konkrete Handlungstipps?
Dr. med. Nibras Naami: Unbedingt. Wir wollen nicht vage bleiben, sondern wirklich weiterhelfen. Wenn wir über Atemnot sprechen, erklären wir, worauf man achten sollte – und wann der Gang ins Krankenhaus notwendig ist. Oder wir geben klare Empfehlungen zum Thema Sonnenschutz. Wichtig ist: Unsere Inhalte sollen Sicherheit geben, nicht noch mehr Fragen aufwerfen.

Wie reagieren Eltern auf Ihre Informationen und Tipps?
PD Dr. med. Florian Babor: Das Feedback ist überwältigend. Viele hören unsere Folgen schon in der Schwangerschaft, um vorbereitet zu sein. Andere schreiben uns nach konkreten Situationen, in denen unser Wissen geholfen hat. Zum Beispiel, weil sie durch ein Video die ersten Anzeichen einer ernsthaften Atemnot erkannt haben. So was berührt uns wirklich.

Hatten Sie beim Start das Gefühl: Das fehlt bisher komplett?
Dr. med. Nibras Naami: Total. Auf beiden Seiten. Wir erleben als Ärzte, wie wenig Zeit in der Praxis bleibt, um alles gut zu erklären. Und gleichzeitig gibt es kaum noch die klassische Großfamilie, wo Erfahrungen weitergegeben werden. Junge Eltern sind oft auf sich gestellt – und suchen im Netz nach Antworten. Genau da wollten wir ansetzen.

Wie organisieren Sie das neben Ihrem Klinikalltag?
PD Dr. med. Florian Babor: Wir haben feste Routinen. Regelmäßige Termine, um Inhalte zu planen, Podcasts aufzunehmen oder Videos zu drehen. Das ist mittlerweile wie ein kleines Business – aber mit klarer Mission. Je größer der Bedarf, desto präziser wollen wir liefern. Und das geht nur mit Struktur.

Sie bekommen viele Nachrichten. Wie gehen Sie damit um?
Dr. med. Nibras Naami: Das ist ein unfassbarer Ansturm, wo uns, sagen wir es frei raus, verzweifelte Eltern einfach Fragen stellen zu ihrem kranken Kind, zu Themen, die sie beschäftigen. Und daran sehen wir natürlich auch, wie notwendig diese Aufklärungsarbeit weiterhin ist.

PD Dr. med. Florian Babor: Wir lesen viel – aber können natürlich nicht alles beantworten. Und: Wir dürfen keine Ferndiagnosen stellen. Das sagen wir auch offen. Unsere Inhalte ersetzen nie den Kinderarztbesuch. Sie sind ein Zusatzangebot, eine Orientierung. Kein Online-Sprechzimmer.

Wie erkennt man eigentlich verlässliche Infos im Netz?
Dr. med. Nibras Naami: Wichtig ist: Wer steckt hinter dem Profil? Hat die Person wirklich eine medizinische Ausbildung? Verkauft sie etwas? Ist transparent, was ihre Expertise ist? Und: Stammt die Info aus offiziellen Quellen oder aus einem Elternforum, das vielleicht nicht übertragbar ist? Ein bisschen gesunder Menschenverstand hilft viel.

Und was treibt Sie an, trotz vollem Klinikalltag?
PD Dr. med. Florian Babor: Der Wunsch, wirklich etwas zu verändern. Unser Ziel ist nicht Reichweite oder Berühmtheit – wir wollen, dass Eltern sich sicherer fühlen und Kinder gesünder groß werden. Wenn wir das mit unserer Arbeit erreichen, dann lohnt sich jede investierte Minute.       

  • Simona Meier

 

 

 

Beruflicher Hintergrund

Dr. med. Nibras Naami ist am Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke Oberarzt und Leiter des Westdeutschen Kinder- Hämatologischen Zentrums (WKHZ).

PD Dr. med. Florian Babor ist am Universitätsklinikum Düsseldorf, Klinik für Kinderonkologie, -hämatologie und Klinische Immunologie, Oberarzt und Leiter der kinderonkologischen Ambulanz.