KVNO aktuell Letzte Änderung: 17.07.2025 00:00 Uhr

„Man sollte seine digitale Ambition kennen“

Laura Wamprecht, Geschäftsführerin der Beratungsfirma Forward Strategy, ist Expertin für Strategie und Digitalisierung im Gesundheitswesen. Zum aktuellen Stand in den Praxen sprachen wir mit ihr.

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© Visionary

Wo sehen Sie Deutschland im Bereich der Digitalisierung im Gesundheitswesen?
Laura Wamprecht: Ich würde sagen: im Aufwind. Es gab in den letzten Jahren häufig Frust, weil alles, was um die elektronische Patientenakte passierte, nicht immer so von Erfolg gekrönt war. Aber ich habe das Gefühl, dass wir viel aufgeholt haben und dass jetzt in der Versorgung und in den Praxen spürbar wird, dass wir da einen ordentlichen Schritt vorangegangen sind. 

Haben Sie Beispiele, wo es schon gut gelingt?
Laura Wamprecht: Die gematik und alle Beteiligten haben es gut geschafft, dass man Anwendungen der Telematikinfrastruktur ausrollen kann. Es fing an mit der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, ohne dass die Patientinnen und Patienten involviert waren. Dann gab es das E-Rezept, was die Blaupause für den Rollout einer TI-Anwendung war, bei der auch Patienten aktiv mitmachen. Jetzt kam der ePA-Test in den Modellregionen Anfang des Jahres, wo auch die KV Nordrhein beteiligt war. Auch in den Bereichen Telemedizin und digitale Gesundheitsanwendungen ist in den letzten fünf Jahren viel Neues gekommen. Derzeit testen viele Ärzte, welche Möglichkeiten die Künstliche Intelligenz bietet. 

Wo genau kann das denn für die Praxen interessant werden?
Laura Wamprecht: Was schon gut funktioniert, ist das Thema Telefonassistenz. Es hat sich bei einigen Praxen schon etabliert, dass die KI ans Telefon geht oder zumindest die Technik und nicht mehr der Mensch. Das entlastet natürlich sehr bei der Arbeit am Empfang von Praxen. Aber auch Behandlungsdokumentation und die Entscheidungsunterstützung nicht nur in der Radiologie, sondern durch allgemeine Nachschlagewerke, sind mittlerweile wichtig. 

Welche Rolle spielen dabei die Praxisverwaltungssysteme PVS?
Laura Wamprecht: Unterm Strich müsste jeder Anbieter eines modernen PVS überlegen, wie es mit KI die Ärztinnen und Ärzte deutlich besser unterstützen kann.

Wie können Ärztinnen und Ärzte da technologisch eigentlich am Ball bleiben?
Laura Wamprecht: Das ist als Einzelkämpfer echt schwer. Deswegen ist es gut, im Austausch zu bleiben, damit man sich nicht zuhause alles am Rechner selbst raussuchen muss. Showroom-Formate wie die Praxis4future der KV Nordrhein oder ein Austausch in der ePA-Sprechstunde sind dann hilfreich. Wissen zu teilen, nach dem Motto „sharing is caring“, ist da eine sehr effektive Methode. 

Was ist noch wichtig, wenn ich mich der Digitalisierung in meiner Praxis annehme?
Laura Wamprecht: Es ist auch gut, die eigene digitale Ambition zu kennen. Manche haben eine digitale Vision, das sind im Moment tatsächlich vermehrt die Nachwuchsmedizinerinnen und -mediziner, die sich niederlassen wollen. Die wissen oft schon, was sie papierfrei haben wollen und welche Prozesse sie digitalisieren möchten. Manche sagen: „So, wie da, wo ich gerade arbeite, soll es dann bei mir in der Praxis nicht sein.“ 

Erleben Sie häufig Technikverweigerung?
Laura Wamprecht: Nicht unbedingt. Manchmal können Vorbehalte auch rein betriebswirtschaftliche Aspekte sein, wenn man die Praxis in wenigen Jahren abgeben möchte. Da stellt sich halt die Frage, welche Investition rechnet sich jetzt wirklich noch. 

Wo kann die Technik dennoch sinnvoll sein?
Laura Wamprecht: Da, wo man noch ausschließlich mit Karteikarten arbeitet und nur mit der Faust in der Tasche umsetzt, was gesetzlich sein muss, macht man es ja auch seinen Angestellten in der Praxis schwer. Das wird manchmal zu wenig berücksichtigt, denn es geht um das gesamte Team. Und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schauen sich dann eben um und sagen, ich möchte als MFA jetzt nicht noch fünf Jahre lang hier so viel Telefonklingeln ertragen müssen, sondern in einer Praxis arbeiten, die mich entlastet. Und da ist der Personalmangel eben so groß, dass die MFA schon heute genug Auswahl auf dem Arbeitsmarkt haben. 

Wie sollten Praxen denn vorgehen in Richtung Digitalisierung?
Laura Wamprecht: Es ist etwas, wozu sie sich aktiv Gedanken machen sollten. Etwa zur Frage, welchen Funktionsumfang brauche ich. Ein guter IT-Partner ist auch wichtig, zum Beispiel wenn es um die IT-Security geht. Manche verlassen sich da allein auf den Kundendienst ihres Praxisverwaltungssystems. Ich empfehle, dass man separat noch mit Dienstleistern vor Ort bzw. einem IT-Systemhaus arbeitet, die dann auch übergreifender beraten können. Genau wie man sich sonst Gedanken macht wie „Wie ist meine Praxis aufgebaut? Welche medizinischen Geräte habe ich? Welche Laufwege?“ etc., ist die digitale Infrastruktur eine sehr wichtige Komponente mittlerweile.

  • Simona Meier