KVNO aktuell Letzte Änderung: 17.07.2025 00:00 Uhr Lesezeit: 2 Minuten
Kinderverschickungen: Das lebenslange Leiden der Kurkinder
Über elf Millionen Kinder und Jugendliche wurden zwischen 1950 und den 1990er Jahren zu Kuren in Erholungsheime öffentlicher, kirchlicher und privater Träger verschickt. Sie berichteten über Missstände und viele kehrten traumatisiert zurück.
An das heiße Solebad in der Kinderkur in Bad Sassendorf kann sich Eleonore Lubitz noch gut erinnern. „Darin wurde ich untergetaucht, ich war klein, meine Füße berührten nicht mal den Boden und ich zappelte“, sagt sie. Sie kam 1965 für sechs Wochen in die Kinderheilanstalt. „Da war ich als ältestes und einziges Kind aus meiner Familie weg“, berichtet sie. Unterlagen aus dieser Zeit gibt es nicht mehr. „Der Schul- oder Amtsarzt trug meinen Eltern vor, ich sei zu dünn“, sagt sie. Eine Kinderkur wurde verschrieben, ansonsten müsse sie eben ein Jahr vom Schulbesuch zurückgestellt werden, hieß es damals. Voller Abenteuerlust stieg sie zu den anderen Kindern in den Zug nach Bad Sassendorf, bei ihrer Rückkehr stürzte sie sich weinend in die Arme der Mutter. „Ich war nicht mehr das Kind, als das ich damals losfuhr“, stellt sie fest. Den mittlerweile verstorbenen Eltern erzählte sie wenig von ihren Erlebnissen.
Erst Jahrzehnte später kehren die Erinnerungen wieder zurück, als sie ein Reha-Aufenthalt erneut nach Bad Sassendorf führt. Rückblickend weiß sie: Die Gewichtszunahme nach der Kur war nicht signifikant. „Bis heute habe ich kein wirkliches Verhältnis zum Sattsein, ich habe dort reingeschaufelt und geschlungen“, sagt sie. In der Kur musste sie immer sehr schnell essen. Die Folgen ihrer Erlebnisse wurden ihr erst später bewusst: „Ich war nach der Kur ein aufsässiges Kind und niemand sah da den Bezug zu dieser Kur“, klagt sie. Kontakt zu den Eltern gab es während der Kur nicht. Als Vorschulkind konnte sie nur ihren Namen in Großbuchstaben auf die Post an die Eltern schreiben.
Bis heute leidet sie an Konzentrationsstörungen. Erst nach Jahrzehnten stellte sie fest, mit welchen Nachwirkungen dieser Kinderkur sie bis heute kämpft und auch, dass sie kein Einzelfall ist. Das Schicksal der „Verschickungskinder“ wird erst seit einigen Jahren thematisiert. Die Sammlungen der Erlebnisberichte werden größer und es gibt erste Studien.
Kinder sollten „aufgepäppelt“ werden
Nach Angaben des Vereins „Aufarbeitung Kinderverschickungen-NRW e. V.“ gibt es rund zwei Millionen Kinder mit NRW-Bezug, die zwischen 1950 und 1990 in sogenannte Kinderkuren verschickt wurden, bundesweit seien es mindestens elf Millionen Kinder gewesen. Es gab medizinische Indikationen wie beispielsweise Atemwegserkrankungen. „Die meisten Kinder wurden in Erholungskuren geschickt, sie hatten keine Krankheiten“, sagt Detlef Lichtrauter, Vorsitzender vom AKV-NRW e. V. Die Kinder sollten „aufgepäppelt“ werden. „Der Erfolg der Kur wurde in Kilogramm gemessen“, sagt er. Nach ungefähr sechs Wochen sollten die Kinder gesund und gut ernährt nach Hause kommen. Bei vielen war das Gegenteil der Fall.
Alltag im Kurheim: Kontrolle statt Geborgenheit
Viele Betroffene berichten von strengen Tagesabläufen, Essenszwang, körperlicher Züchtigung und emotionaler Vernachlässigung. Die Kuraufenthalte, die an Nord- und Ostsee oder in die Berge führten, waren für viele der Kinder wenig idyllisch. Die Post an die Eltern wurde zensiert oder gar nicht weitergeleitet, Heimweh ignoriert oder bestraft. Diese Erfahrungen führten bei vielen zu langfristigen psychischen Belastungen wie Angststörungen, Depressionen und Bindungsproblemen. Die Betroffenen berichteten von Gewalterfahrungen und demütigenden Behandlungen, von Toilettenverboten in der Nacht, Bloßstellen nach Einnässen und dem Zwang, Erbrochenes aufzuessen.
In den sogenannten Kurüberwachungsscheinen taucht diese Art der Behandlungen aber nicht auf, dagegen: „Höhensonne und Liegekuren“. Auch Solebäder und Klappsche Kriechübungen nennt Detlef Lichtrauter als Beispiele.
Das Citizen-Science-Projekt Kinderverschickungen NRW (CSP-KV-NRW) des AKV-NRW e.V. setzte sich zum Ziel, diese Geschichte aus NRW-Perspektive aufzuarbeiten und Betroffene zu unterstützen. „Nach vielen Jahrzehnten des Schweigens ist es wichtig, dass wir weitere Schritte in Richtung Wahrheitsfindung für alle Betroffenen gehen“, sagt Lichtrauter. Immer wieder habe er in den letzten Jahren den Satz gehört: „Ich dachte, das sei nur mir passiert.“
Nach vielen Jahrzehnten des Schweigens ist es wichtig, dass wir weitere Schritte in Richtung Wahrheitsfindung für alle Betroffenen gehen
Verein informiert zur Kinderverschickung
Über die Folgen der Verschickungen informiert der Verein auch in einer Broschüre, die sich an Behandlerinnen und Behandler richtet. „Bei anhaltenden psychischen oder körperlichen Beschwerden sollten Behandlerinnen und Behandler auch mögliche frühere Traumatisierungen durch Kinderverschickung berücksichtigen“, erklärt der Verein.
„Wir wünschen uns auch, dass Ärztinnen und Ärzte sich mit dem Thema beschäftigen und realisieren, dass es bei vielen Betroffenen noch massive Traumafolgestörungen geben kann“, sagt Detlef Lichtrauter.
Runder Tisch soll Licht ins Dunkel bringen
Einen wesentlichen Fortschritt möchten die Betroffenen auch mit der Aufklärung der Ereignisse erzielen. Der nordrhein-westfälische Landtag regte in einem einstimmigen Beschluss am 26. November 2021 die Einrichtung eines Runden Tischs zum Thema Kinderverschickung an. „Wir werden in enger Abstimmung mit dem Verein der nordrhein-westfälischen Verschickungskinder den Runden Tisch einrichten, um ein Stück weit Licht ins Dunkel zu bringen“, erklärte Minister Karl-Josef Laumann damals. Seit dem 22. März 2023 gibt es den Runden Tisch. Detlef Lichtrauter bekräftigt die Forderung nach einer unabhängigen wissenschaftlichen Aufarbeitung: „Viele Betroffene leiden noch heute unter den Folgen, die zum Teil jahrzehntelang ignoriert wurden. Deshalb muss der Runde Tisch auch über geeignete Therapieangebote sprechen.“ Die KV Nordrhein wurde zu den laufenden Beratungen im September 2024 eingeladen. Über die Zugangswege für Menschen mit Traumafolgestörungen zur psychotherapeutischen Regelversorgung wurde informiert: „Wir bieten kontinuierlich im Internet Informationen zum Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung an und unterstützen natürlich weiterhin mit Informationsangeboten und im Rahmen unseres gesetzlichen Terminvermittlungsauftrags.“
Neue bundesweite Studie
Im Mai 2025 veröffentlichten der Deutsche Caritasverband, die Diakonie Deutschland, das Deutsche Rote Kreuz und die Deutsche Rentenversicherung eine unabhängige Untersuchung zur Aufarbeitung des bundesdeutschen Kinderkurwesens zwischen 1945 und 1989. Die wissenschaftliche Arbeit verantwortete ein Forschungsteam der Humboldt-Universität Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Alexander Nützenadel. „Auch wenn Kinder und Jugendliche positiv oder neutral von ihren Kuren berichten, war die Realität in den Heimen häufig eine andere. Das Kinderkurwesen erwies sich bis in die 1980er Jahre hinein als sehr beständiges Massenphänomen. Umso schwerer wiegt, dass sich erhebliche strukturelle Missstände ausmachen lassen, unter denen zahlreiche Kurkinder zu leiden hatten.“ Das Forschungsteam arbeitete grundlegende Strukturen der Kindererholungskuren auf und ordnete sie empirisch, sozialrechtlich, historisch und konzeptionell ein. Zum ersten Mal wurde das einstige bundesdeutsche Kinderkurwesen grundlegend und umfassend als Gesamtphänomen untersucht. Dafür haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler historische Dokumente aus rund 60 Archiven analysiert und zahlreiche Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geführt. Begleitet wurde die Forschung durch einen Projektbeirat. Diesem gehörten auch Vertreterinnen von Betroffeneninitiativen an.
Die Initiative Verschickungskinder, die den Forschungsbericht im Beirat begleitet hat, betonte: „In der Untersuchung der Humboldt-Universität Berlin wird das zahlenmäßige Ausmaß des Kinderverschickungswesens sehr deutlich. Forschungsergebnisse wie diese sind unverzichtbar, um den Wahrheitsgehalt und die Relevanz der Erlebnisberichte der vielen Betroffenen zu unterstreichen.“
Psychotherapeutische Angebote nutzen
Dass manche Erlebnisse erst später im Leben noch einmal relevant werden, erlebt auch die Psychologische Psychotherapeutin Julia Leithäuser, Vorsitzende des Landesverbands Nordrhein der DPtV (Deutsche Psychotherapeutenvereinigung): „Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Auswirkungen traumatischer Erfahrungen erst im höheren Lebensalter bemerkbar machen. Wir kennen das bereits von den Patientinnen und Patienten, die als Kinder den Zweiten Weltkrieg und die ersten Nachkriegsjahre erlebt haben. Eine Abklärung in der psychotherapeutischen Sprechstunde macht dann viel Sinn, um das Vorliegen einer psychischen Erkrankung und einen Behandlungsbedarf feststellen zu lassen“, sagt sie.
Für den Umgang mit der Thematik der Verschickungskinder sieht sie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten insgesamt gut gewappnet. „Für unsere Berufsgruppe ist der Umgang mit Menschen, die in ihrer Kindheit belastende oder traumatische Erlebnisse hatten, Teil des Behandlungsalltags. Wir schauen gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten, welche Auswirkungen die Erfahrungen in der Vergangenheit heute auf ihr Leben und in ihrem Alltag haben und können hier mit therapeutischen Interventionen helfen. Grundsätzlich sind wir Menschen in der Lage, schlimme Erfahrungen zu verarbeiten. Wir brauchen dafür vor allem ein verständnisvolles und unterstützendes Umfeld“, sagt sie.
- Simona Meier