KVNO aktuell Letzte Änderung: 10.02.2026 10:00 Uhr Lesezeit: 3 Minuten

Interview: Zwei Generationen im Dialog

Dr. med. Katharina Hübbers ist seit einem Jahr niedergelassene Allgemeinmedizinerin in Goch am Niederrhein, Dr. med. Anselm Bönte seit 20 Jahren niedergelassener Kinderarzt in Köln. Wir haben mit beiden über den Wandel des Arztberufs, ihre Erfahrungen mit der Digitalisierung in der Praxis und deren Potenzial für die Zukunft gesprochen.

data-gallery-buttons="["zoom","fullScreen","download","close"]"
© KV Nordrhein | privat

Herr Dr. Bönte, Frau Dr. Hübbers, was hat Sie zur Niederlassung bewogen, damals wie heute?

Dr. med. Anselm Bönte: Ich habe die Niederlassung nicht aktiv geplant, sondern bin eher zufällig dazu gekommen. 2006 habe ich die Praxis von meinem Vorgänger übernommen, zuvor hatte ich in der Klinik gearbeitet. Die eigene Praxis bietet viele Vorteile. Ich sehe meine Patientinnen und Patienten aufwachsen und begleite sie über viele Jahre. Das empfinde ich als Bereicherung. Es ist mehr als nur Krankheiten behandeln wie in der Klinik. Ich möchte nicht mehr zurück.

Dr. med. Katharina Hübbers: Ich wollte mehr Verantwortung übernehmen und bin vor einem Jahr in diese Praxis mit eingestiegen. Vorher war ich hier als Weiterbildungsassistentin tätig. Ich schätze die Freiheit, meine Arbeit eigenständig zu gestalten. Ähnlich wie mein kinderärztlicher Kollege begleite ich die Patientinnen und Patienten oft über viele Jahre. Ich kenne viele Familien persönlich und kann Situationen dadurch besser einschätzen. 

Wie erleben Sie die zunehmende Digitalisierung in Ihrem Beruf? 

Bönte: Den Wandel des Berufs durch die Digitalisierung habe ich über all die Jahre natürlich gut mitbekommen. Heute faxen wir kaum noch, ganz ohne geht es bei uns bisher aber nicht. Ich finde gut, dass wir heute mit weniger Papier arbeiten als früher. Der gesellschaftliche Wandel verlangt natürlich auch Digitalisierung in Praxen. Ich sehe das an meinen Patientinnen und Patienten. Ich habe mit Kindern, Jugendlichen und jungen Eltern zu tun. Die sind heute viel digitaler unterwegs als früher. 

Welche digitalen Anwendungen setzen Sie in Ihrer Praxis ein?

Bönte: Das kommt darauf an, was wir im Rahmen der Telematikinfrastruktur machen müssen oder was wir darüber hinaus machen. Um die Online-Terminvereinbarung kommt heute keiner mehr herum. Die Leute erwarten, dass sie unterwegs oder abends von der Couch aus einen Termin bei uns online buchen können. Allerdings machen wir die Erfahrung, dass Patienten, die Termine online buchen, öfter absagen oder nicht erscheinen. Dabei erinnert das System die Patientinnen und Patienten automatisch mehrmals an ihren Termin. Aber das führt nicht dazu, dass sie den Termin auch einhalten. Die Digitalisierung hat Vor- und Nachteile.

Hübbers: Diese Erfahrung bei der Terminbuchung machen wir leider auch. 

Wie sieht es mit der Videosprechstunde aus? Telemedizin entlastet Ärztinnen und Ärzte insbesondere in ländlichen Regionen und kann Eltern kranker Kinder den Weg in die Praxis ersparen. 

Hübbers: Bei uns auf dem Land ist die Videosprechstunde in der Tat vorteilhaft. Es macht einen Unterschied, ob ich 20 Minuten zu einem Hausbesuch fahren muss oder das Gespräch aus der Praxis per Video führen kann. Das spart mir Zeit und dem Patienten auch. Wir haben viele junge Leute, die die Videosprechstunde bevorzugen. Die vereinbaren am liebsten online einen Termin und wählen sich dann in die Videosprechstunde ein. Aber es gibt auch Patientinnen und Patienten, die den persönlichen Kontakt bevorzugen. 

Bönte: In der Coronazeit war die Videosprechstunde vielleicht eine Alternative zum Praxisbesuch und in manchen Situationen kann sie das auch heute sein. Aber sie kann die Stimmung in einem Behandlungsraum nicht wiedergeben. In der Praxis kann ich ein krankes Baby auf den Arm nehmen, einem Jugendlichen auf die Schulter klopfen oder eine besorgte Mutter trösten. Ich verstehe besser, welche Sorgen die Patientinnen und Patienten haben. 

KI in der Diagnostik war vor 20 Jahren noch kein Thema in der Praxis, heute schon. Wie nutzen Sie das in Ihrer Praxis? 

Bönte: In einer Kinderarztpraxis können wir KI kaum zur Diagnostik einsetzen. Wir brauchen unsere Sinne bei Untersuchungen. 

Hübbers: Ich habe bereits ein KI-gestütztes EKG-System ausprobiert. In der Praxis hat es uns aber nicht die gewünschte Unterstützung gebracht. Am Ende habe ich meinem kritischen Blick mehr getraut. Ich bin sehr offen, neue technische Möglichkeiten, die die Diagnostik verbessern können, auszuprobieren. Sie müssen am Ende aber verlässlich sein und das Risiko von Überdiagnosen vermeiden. 

Und wenn sich die Technik verbessert? Denken Sie, dass digitale Lösungen Personalengpässe beheben können? 

Bönte: Gute digitale Anwendungen können Ärzte und MFA entlasten. Bei einer KI-gestützten Dokumentationshilfe zum Beispiel kann die MFA sich auf andere, medizinische Aufgaben konzentrieren, während die KI dokumentiert. Aufgaben verschieben sich durch die Digitalisierung. Eine Praxis ohne MFA kann ich mir aber nicht vorstellen. Bei mir dokumentieren noch MFA, während ich mich auf die Patientinnen und Patienten konzentrieren und Augenkontakt zu ihnen halten kann. Die Arbeit von MFA ist Gold wert. Auch am Telefon und am Empfang. 

Ein Telefonassistent kann MFA auch entlasten. Wie ist Ihre Einschätzung dazu?

Bönte: Wir haben mal einen Telefonassistenten ausprobiert, aber der hat oft das Anliegen der Patienten nicht verstanden. Unsere MFA dagegen kennen sie, können direkt einschätzen, ob jemand wirklich einen Termin braucht oder nur ein Rezept für ein Medikament. Wir haben einen hohen Beratungsbedarf in unserer Praxis, dem konnte der Telefonassistent bisher nicht gerecht werden. Ähnliche Erfahrungen haben wir mit der digitalen Anmeldung über ein Terminal gemacht. 

Hübbers: Wir haben in der Hausarztpraxis Patienten von jung bis alt, die älteste Patientin ist 105 Jahre alt. Gerade ältere Menschen brauchen den persönlichen Kontakt. Deshalb hat uns der Telefonassistent auch nicht den erwünschten Benefit gebracht. Es ist sehr unterschiedlich, wo Technik sinnvoll eingesetzt werden kann. Wenn digitale Assistenten gut funktionieren und uns bei der Arbeit entlasten, sodass wir uns mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten nehmen können, bin ich sehr dafür. Viele digitale Anwendungen sind aber noch nicht ausgereift genug, um uns tatsächlich zu entlasten. Hinzu kommt, dass wir dabei extrem abhängig von den Softwarehäusern sind und die Anwendungen oft hohe Kosten verursachen. Das müsste in Zukunft besser werden. 

Auch wenn es Optimierungsbedarf gibt – an digitalen Lösungen kommen Ärztinnen und Ärzte in Zukunft nicht vorbei. Brauchen sie künftig, neben der medizinischen Kompetenz, grundsätzlich auch eine gewisse Digitalkompetenz? 

Bönte: Jüngeren Menschen fällt der Umgang mit Technik oft leichter, weil sie damit aufgewachsen sind. Ich ertappe mich schon mal dabei, dass ich mich ein bisschen zwingen muss, mich mit neuen digitalen Tools zu beschäftigen und sie zu verstehen. Wenn ich das aber einmal gemacht habe, stelle ich fest, dass es gar nicht so schwer ist. Das ist vielleicht eine Frage des Alters. 

Hübbers: Die junge Generation lernt schon früh, mit der Digitalisierung umzugehen. Ich denke, das erhöht die Bereitschaft, sich mit digitalen Tools auch im medizinischen Bereich zu beschäftigen und diese langfristig in der Praxis zu etablieren. 

Ihre Prognose: Wie sieht eine Praxis in 20 Jahren aus? 

Hübbers: Ich sehe die Digitalisierung als große Chance. Wenn die Systeme ausgereifter sind, können sie uns bestimmt weiter entlasten. An manchen Stellen geht das heute schon. Mit der elektronischen Patientenakte machen wir gute Erfahrungen und das E-Rezept erleichtert unseren Alltag. Die Patientinnen und Patienten bestellen ihre Medikamente bei uns telefonisch oder online, ich buche sie auf die Karte und die Patienten können sie in ihrer Dorfapotheke abholen. Das erspart ihnen und uns gerade auf dem Land Wege und Zeit. 

Bönte: Das sehe ich genauso. Wege entfallen und man muss nichts mehr ausdrucken oder faxen. Das E-Rezept ist toll und funktioniert sehr gut. 

Hübbers: Wie erfolgreich der Einsatz von digitalen Tools werden wird, hängt sicherlich auch von der Fachrichtung ab. In der Hausarztmedizin spielt die kontinuierliche persönliche Beziehung eine besonders große Rolle, deshalb müssen digitale Lösungen hier sensibel eingebettet werden. Am Ende entscheidet aber immer der Mensch – ganz gleich, wie gut die Technik ist. 

Bönte: Digitalisierung kann uns entlasten, aber auch in Zukunft bleibt die ärztliche Entscheidung unersetzlich. Das Menschliche macht unseren Beruf aus.

  • Simone Heimann