KVNO aktuell Letzte Änderung: 01.09.2021 00:00 Uhr

Interview zur Pflegeheimversorgung: „Eine große Bereicherung der ärztlichen Tätigkeit“

Seit dem Einstieg in die Praxis seines Vaters 1983 kümmert sich Dr. med. Andre Schumacher um die Versorgung von Pflegeheimbewohnern als koordinierender Arzt – für den Allgemeinmediziner gehörte dieser Teil der ärztlichen Arbeit von Anfang an dazu. Heute hat der 69-Jährige Kooperationsverträge mit zwei Einrichtungen in der Nähe seiner Hausarztpraxis in Düsseldorf. Im Gespräch erzählt er, warum die Arbeit eine Bereicherung und die Förderung der Pflegeheimversorgung wichtig ist.

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Herr Dr. Schumacher, Sie betreuen seit fast 40 Jahren Menschen in Pflegeeinrichtungen. Warum schätzen Sie diese Arbeit so?

Für mich war das immer selbstverständlich – und ich möchte diese besondere Erweiterung meiner normalen Arbeit als Hausarzt nicht missen. Es ist eine Bereicherung der ärztlichen Tätigkeit.

Inwiefern?

Es bietet die Möglichkeit, kranke Menschen in einem interdisziplinären Team zu behandeln und sich mit Dingen zu beschäftigen, die im Praxisalltag weniger vorkommen. Ich kann zum Beispiel Therapien durchführen – auch in Zusammenarbeit mit Fachärzten – die normalerweise im Krankenhaus erfolgen müssten. Die nötige Überwachung der Patienten ist aber durch das Pflegepersonal im Heim gewährleistet, sodass den Menschen so mancher Klinikaufenthalt erspart bleibt.

Seit 1. Oktober 2019 wird die Pflegeheimversorgung in Nordrhein besonders gefördert mit mehr abrechenbaren Leistungen. Hat das den erhofften positiven Effekte gebracht?

Auf jeden Fall. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit, der Austausch und die Abstimmungsprozesse haben sich verbessert. Es ist alles deutlich strukturierter geworden. Ich sehe zum Beispiel auch eine Optimierung bei der Arzneimittelversorgung – ein deutlicher Mehrwert für alle Beteiligten.

Hoher Zeitaufwand und damit mehr Arbeitsbelastung: Sind das berechtigte Argumente von Niedergelassenen, sich nicht an der Pflegeheimversorgung zu beteiligen?

Nein. Zu Beginn muss natürlich mehr Zeit investiert werden, weil sich alle Beteiligten kennenlernen und sich die Abläufe und Prozesse einspielen müssen. Es muss eine Vertrauensbasis zwischen allen Beteiligten entstehen. Dazu muss der Arzt regelmäßig im Heim sein, sowohl Patienten als auch Pflegende gut kennen und ein verlässlicher Ansprechpartner sein. Nach der Eingewöhnungszeit minimiert sich der Zeitaufwand aber merklich. Natürlich muss man zwischenzeitlich auch mal die Faust in der Tasche machen, wenn zum Beispiel das Pflegeteam wechselt – der Fachkräftemangel ist ja leider nach wie vor ein Problem. Aber Unwägbarkeiten hat man überall. Grundsätzlich sehe ich bei der Arbeit viele Vorteile, gerade für junge Ärzte oder Gemeinschaftspraxen.

Warum?

Wer ein Pflegeheim betreut, hat eine feste Zahl an Patienten, mit der er rechnen kann. Das kann hilfreich sein, wenn man sich neu niederlässt und erst einen Patientenstamm aufbauen muss. Gemeinschaftspraxen haben den Vorteil, dass sie die Arbeit auf mehrere Schultern verteilen können, vielleicht sogar einen Kollegen dabeihaben, der eine Weiterbildung in Geriatrie hat. Eins der schlagenden Argumente ist für mich die berühmte berufliche Erfüllung – und in der Versorgung von Menschen im Pflegeheim liegt ein ganz großes Potenzial dafür.

  • Das Interview führte Jana Meyer.