IT KVNO aktuell Letzte Änderung: 17.02.2026 10:00 Uhr Lesezeit: 2 Minuten
Interview: "KI ersetzt uns nicht, sie entlastet uns
Dr. med. Yasmeen Keita, hausärztliche Internistin mit Praxis in Grevenbroich, setzt auf KI-Dokumentation und Digitalisierung. Das verschafft ihr im stressigen Arbeitsalltag mehr Zeit für das Wesentliche: den direkten Kontakt mit ihren Patientinnen und Patienten.
Nach einer aktuellen Bitkom-Studie greift rund jeder Zweite auf KI-Chatbots wie ChatGPT zurück, um Therapieempfehlungen abzufragen. Was halten Sie davon?
Dr. med. Yasmeen Keita: Das ist ja nicht neu. Bislang haben die Menschen Google gefragt. Es ist ja grundsätzlich auch nichts Schlechtes dabei, wenn Patientinnen und Patienten versuchen, einfache Gesundheitsfragen zunächst selbst zu lösen. Das fördert vielleicht auch die Gesundheitskompetenz. Chatbots werden aber niemals die Ärztinnen und Ärzte ersetzen. Denn wenn es den Menschen schlechter geht, kommen sie in die Praxis.
Sie haben im November 2024 eine neue Praxis eröffnet und direkt KI eingesetzt.
Keita: Ja, genau. Ich nutze ein KI-basiertes Dokumentationstool. Das ist eine App, die vollautomatisch die Gespräche mit meinen Patientinnen und Patienten aufzeichnet und dabei alle nichtmedizinischen Inhalte herausfiltert. Das Ergebnis kann ich als Datei problemlos in die Patientenakte übernehmen.
Was heißt das, dass nichtmedizinische Inhalte herausgefiltert werden?
Keita: Die KI läuft während der Anamnese, der Untersuchung und der Behandlung mit. Da werden ja auch Worte gewechselt, die nicht direkt medizinischer Natur sind, Small Talk eben. Außerdem muss ich viel erfragen und erklären. Zum Beispiel, dass wir zunächst Labor machen müssen und was danach folgt, wie Impfstatus checken, weitere Termine usw. Das Dokumentationstool filtert nur die medizinisch relevanten Dinge raus und erstellt eine rein fachlich-sachliche, strukturierte Zusammenfassung: Grund des Besuchs, medizinische Geschichte, Diagnose, Therapieempfehlung.
Wie sehr entlastet Sie das?
Keita: Das ist eine enorme Entlastung. Sie müssen sehen: Als ich meine Praxis vor gut einem Jahr neu eröffnet hatte, war ich zunächst allein, ohne MFA. Ich hatte meine Zulassung bekommen und konnte auf die Schnelle kein Personal finden. Deshalb habe ich versucht, die Praxis von Anfang an so modern wie möglich aufzustellen. Jeder Patient war ein Neupatient. Das heißt: Es gab keine Patientenakte, auf die ich zugreifen konnte, sondern ich musste bei jedem Einzelnen die medizinische Historie neu dokumentieren. Dabei war – und ist – mir die KI eine große Hilfe. Ein Weiteres kommt dazu: Ich bin in meiner Stadt die einzige arabischsprachige Hausärztin und führe deshalb natürlich viele Patientengespräche auf Arabisch. Das KI-Tool übersetzt die Gespräche automatisch und dokumentiert die Inhalte auf Deutsch.
Wie zuverlässig arbeitet die KI?
Keita: Ich schaue mir jeden Bericht nochmal genau an und prüfe, ob etwas geändert werden muss. Bei der Übersetzung ist das häufig notwendig. Oder wenn die Patientin oder der Patient sagt: „Ich habe ,hier‘ Schmerzen.“ Das muss ich dann natürlich ergänzen. Und das ist dann vielleicht etwas Extraarbeit. Aber ich muss nicht mehr alles selbst tippen.
Sie sagen, dass Sie von Anfang an auf Digitalisierung gesetzt haben. Wie sieht das bei Ihnen konkret aus?
Keita: Das läuft so: Neue Patienten bekommen bei der Aufnahme einen QR-Code. Den scannen sie mit ihrem Handy und erhalten ein digitales Anmeldeformular mit entsprechenden Anamnesefragen und die Datenschutzerklärung. Diese elektronischen Formulare füllen sie am Handy aus, unterschreiben alles mit dem Finger und senden es wieder ab. Ich kann das dann an meinem Bildschirm im Behandlungszimmer direkt aus der Akte als PDF-Datei aufrufen. Ich möchte keine Papierunterlagen in meiner Praxis haben.
Moment – was passiert denn, wenn jemand ohne Handy kommt?
Keita: Für diesen Fall habe ich ein Tablet, das die Patientin oder der Patient nutzen kann. Ich habe inzwischen eine MFA in Ausbildung, die dabei hilft. Notfalls unterschreibt die Person dann auch nur die Datenschutzerklärung. Die anderen Fragen kläre ich dann im Gespräch mithilfe der KI-App. In jedem Fall habe ich am Ende eine elektronische Übersicht über die Patientin oder den Patient.
Wie reagieren die Patientinnen und Patienten darauf?
Keita: Zuerst frage ich meine Patienten, ob sie einverstanden sind, dass die KI das Gespräch dokumentiert. Es gab bisher noch keinen Fall, in dem das abgelehnt wurde. Die Patienten schätzen das. Ich muss nichts in den Computer tippen, während der Patient erzählt. Ich kann Augenkontakt halten und mich ganz auf sie konzentrieren. Es ist ja auch schnell passiert, dass man ein vielleicht wichtiges Detail überhört.
Sehen Sie weitere Vorteile von KI?
Keita: Moderne KI-Systeme arbeiten mehrsprachig. Das ist insbesondere in einer vielfältigen Patientenstruktur wie bei mir ein großer Gewinn. Informationen können schneller verstanden, Missverständnisse reduziert werden. Außerdem kann KI eine Unterstützung angesichts von Fachkräftemangel sein. Sie übernimmt zeitintensive Routineaufgaben, entlastet das Personal und schafft Freiräume für Tätigkeiten, die menschliche Expertise und Empathie erfordern.
- Thomas Lillig