KVNO aktuell Letzte Änderung: 27.04.2026 00:00 Uhr
„Es geht auch um ärztliche Identitätsbildung“
Die KV Nordrhein hat ein Konzept entwickelt, das die Facharztweiterbildung in den Praxen nachhaltig fördert. Prof. Dr. med. Marcus Siebolds leitet das Projekt.
Herr Prof. Siebolds, Sie haben 25 Jahre die Qualitätszirkel der KVNO wissenschaftlich geleitet. Was motiviert Sie am neuen Projekt?
Prof. Dr. med. Marcus Siebolds: Mich erfüllt der Arztberuf heute ebenso wie vor 40 Jahren. Meine eigene Facharztweiterbildung hat mir das ermöglicht – mit immer neuen Chancen, neuen Anfängen, neuen Perspektiven. Die Belastungen, die Unsicherheit und die manchmal schwer aushaltbare Verantwortung will ich aber nicht verschweigen. In diesem Prozess hat die wertschätzende Begleitung vieler Kolleginnen und Kollegen eine große Rolle gespielt.
Aus meiner eigenen Arztbiografie heraus fühle ich mich daher verpflichtet, den jungen Kolleginnen und Kollegen zu helfen, ihren Weg zu finden – und etwas zurückzugeben. Außerdem bin ich ein klarer Vertreter der ärztlichen Selbstverwaltung. Als KV-Mitglied fühle ich mich für die Belange der KV Nordrhein verantwortlich. Dazu zählt für mich auch die Unterstützung der weiterbildenden Kolleginnen und Kollegen in ihren Praxen.
Was fließt aus Ihrer Qualitätszirkelarbeit in das Kompetenzzentrum für die ambulante gebietsfachärztliche Weiterbildung?
Siebolds: Arztbildung gelingt dort über das Tutorenmodell – von Niedergelassenen für Niedergelassene. Dieses Konzept wird auch eine tragende Säule des Kompetenzzentrums. Die KV Nordrhein hat 1998 als erste KV verstanden, wie wichtig diese Funktionsträger sind. Erfahrene Kolleginnen und Kollegen zu haben, die man in allen Fragen der ambulanten Weiterbildung ansprechen kann, ist für mich ein wichtiges Ziel des Kompetenzzentrums.
Und dabei geht es um mehr als Fachkompetenz. Es geht auch um ärztliche Identitätsbildung und das eigene Rollenverständnis. In der gebietsfachärztlichen Weiterbildung spielt das noch mal eine besondere Rolle.
Warum?
Siebolds: In der Allgemeinmedizin mündet die Karriereentwicklung meist in der Niederlassung. In der gebietsfachärztlichen Weiterbildung steht am Ende die Entscheidung: Klinik oder Vertragsarztpraxis? Wir müssen die Ärztinnen und Ärzte in der ambulanten Weiterbildung unterstützen, ein Verständnis ihrer beruflichen Entwicklung zu gewinnen. Es sollte deutlich werden: Die vertragsärztliche Tätigkeit besitzt eine eigene – und, wie ich finde, sehr attraktive – ärztliche Identität. Wir müssen sie begleiten, eine Antwort auf die Frage zu finden: Welche Ärztin, welcher Arzt will ich für meine Patientinnen und Patienten sein?
Von der Vermittlung von Fachwissen bis zur ärztlichen Identität: Weiterbildende spielen eine zentrale Rolle.
Siebolds: Die weiterbildenden Kolleginnen und Kollegen leisten freiwillig einen zentralen Beitrag für die Zukunft der ambulanten Versorgung. Das ist gelebte ärztliche Selbstverwaltung. Dieser Aufwand sollte aber auch entsprechend honoriert und finanziell gefördert werden. Denn Niedergelassene sind selbständige Unternehmerinnen und Unternehmer in Eigenverantwortung.
Warum ist die Gründung des Kompetenzzentrums wichtig?
Siebolds: Analog zur Allgemeinmedizin gilt es, auch die gebietsfachärztliche ambulante Weiterbildung zu bündeln und uns auf tiefgreifende Veränderungen vorzubereiten: die Verschiebung von stationär zu ambulant. Das schreibt allein die Novellierung der Weiterbildungsordnung vor. Oft scheitert gute Weiterbildung noch an der Realität des Praxisalltags. Das soll sich nun ändern: Wir wollen Lehrenden und Lernenden Instrumente geben, Weiterbildung strukturiert und effektiv zu integrieren.
Zugleich setzt die KV Nordrhein ein klares Signal: Ambulante Weiterbildung ist eine der zentralen Zukunftsaufgaben. Junge Ärztinnen und Ärzte sind nicht nur Nachwuchs. Sie sind unsere zukünftigen Kolleginnen und Kollegen, mit denen wir die Herausforderungen der vertragsärztlichen Versorgung meistern.
Was sind die nächsten Schritte?
Siebolds: Wir müssen eine Architektur der Unterstützung schaffen. In Werkstattgesprächen mit Weiterbildenden, dem Nachwuchs und Berufsverbänden haben wir überlegt: Was könnte ein pragmatisch guter Weg sein? Unser Angebot ist maßgeblich aus diesem Prozess entstanden und entwickelt sich sukzessive im Dialog.
Durch die Heterogenität der Facharztgruppen werden wir vermehrt in Querschnittsthemen arbeiten. Eine besondere Herausforderung: evidenzbasierte Medizin und KI in den Weiterbildungsalltag zu übersetzen. Noch in diesem Jahr richten wir für junge Kolleginnen und Kollegen Coachingangebote in Präsenz, Videotutorials und eine Lernplattform ein. Für Weiterbildende bieten wir Didaktikkurse sowie Unterstützung bei Ermächtigungsanträgen an.
Strategisches Ziel: mehr Transparenz in die ambulante gebietsfachärztliche Weiterbildung bringen. Das ist relevant für die gesundheitspolitische Diskussion über die Zukunft der Facharztausbildung in den Praxen.
- Jana Meyer