KVNO aktuell Letzte Änderung: 01.09.2021 00:00 Uhr

Flut in NRW: Eine unfassbare Katastrophe

Eine Flutwelle, die sich durch Teile Nordrhein-Westfalens und Rheinland-Pfalz wälzt und eine Spur der Verwüstung hinterlässt, das hätte sicher keiner für möglich gehalten. Dann kam Unwettertief „Bernd“ – und mit ihm die Katastrophe.

© KV Nordrhein / Skalla
Flutschäden rund um das Krankenhaus Eschweiler im Juli 2021

Die Regionen an Ahr und Erft, den Kreis Euskirchen und den Großraum Aachen traf es besonders schwer. Die Schäden gehen in die Milliarden. Das Leid der Menschen ist nicht zu beziffern. Auch zahlreiche Praxen sind von der Jahrhundertflut betroffen, zum Beispiel in Stolberg – ein Besuch.

Straßenschilder stehen windschief in der Gegend. Die Ampeln funktionieren nicht. Die Schaufenster starren wie dunkle Augen leblos auf die Fußgängerzone mit den vereinzelten Schutthaufen. Die Scheiben fehlen, sind zersplittert oder werden notdürftig von Klebeband zusammengehalten. In den Räumen: Leere. Vom Inventar kaum mehr eine Spur. Optiker, Apotheken, Supermärkte, Restaurants und Bekleidungsgeschäfte, die sich vor wenigen Wochen noch in den Häuserzeilen im Zentrum von Stolberg befanden, sind geschlossen. Auch die Hausarztpraxis von Dr. med. Helena Kleiker: zerstört von der Flutwelle, die sich durch die Talschneise wälzte. „Dass so etwas passieren könnte – damit hat hier niemand gerechnet!“, sagt die Allgemeinmedizinerin, hält kurz inne und blickt sich in dem kahlen Raum um, in dem einst ihr Empfangstresen stand. Es riecht feucht. Modrig. Eine Schicht aus schwarzem Schimmel markiert, wie hoch das Wasser in der Praxis stand: hüfthoch.

Das Unwettertief „Bernd“ hatte 25 Städte und Kreise in NRW um den 14. Juli schwer getroffen. In einigen Städten wie Stolberg im Großraum Aachen richteten Starkregen und die folgenden Überschwemmungen besonders verheerende Schäden an. Die Fluten unterspülten mehrere Straßenzüge. Metertiefe Löcher klafften in der Erde. Teile der Infrastruktur wurden zerstört. In NRW starben nach bisherigem Stand 48 Menschen in den Wassermassen. Die finanziellen Schäden liegen nach ersten Einschätzungen bei mehr als 13 Milliarden Euro. Auch die ärztliche Versorgung wurde zum Problem: Rund 120 Praxen in Nordrhein konnten gar nicht oder nur eingeschränkt arbeiten, mehr als 40 davon sind völlig zerstört –
wie die Hausarztpraxis von Dr. Kleiker.


21 Jahre behandelte sie an der Zweifaller Straße im Stadtzentrum ihre Patienten. Die Praxis existierte seit 50 Jahren in dem denkmalgeschützten Gebäude. 2016 hatte die Fachärztin für Innere Medizin die Räumlichkeiten erst modernisiert. „Wir bekamen die Info, die Vicht drohe über die Ufer zu gehen“, erinnert sie sich. Grund zur Panik sah zunächst keiner – obwohl das Haus mit ihrer Praxis direkt an dem Flüsschen steht. Die 63-Jährige machte die Sprechstunde wie gewohnt zu Ende. „Dann haben wir alles so gut es ging auf einen halben Meter hochgestellt, aber das hat nicht gereicht.“ Helena Kleiker seufzt. In all den Jahren hat das Wasser lediglich einmal ein paar Zentimeter in der Praxis gestanden, mehr nicht. Jetzt haben die Fluten alles weggespült – in einer Nacht. Fast zwei Meter erreichte der Pegel in der Altstadt. „Nicht Vicht oder Inde – der andere kleine Fluss in Stolberg – waren am Ende das große Problem, sondern das Wasser, das aus den geöffneten Talsperren kam“, sagt sie.

Hilfe von Patienten

Als sie die Praxis zwei Tage nach dem Unglück das erste Mal wieder betrat, war nichts mehr an seinem Platz. Heilloses Chaos. Alles war mit Schlamm überzogen, ein glitschig brauner Film. Der gerade gelieferte Vorrat an Impfstoffen und Schnelltests: nicht zu retten – wie ihre medizinischen Geräte, Wert: 50.000 Euro. Einzig der große Tresor, eine Sauerstoffflasche und ein bisschen Verbandsmaterial sind noch brauchbar. Richtig begreifen kann sie es immer noch nicht. Aber aufgeben? Keine Option. Sofort wurde angepackt und aufgeräumt. Ihr einstiges Archiv im Keller mit gut 20 Tonnen Patientenakten war nur noch ein Riesenhaufen Müll mit hochsensiblen Daten. „Das hat ein speziell bewachter Transport der Bundeswehr mitgenommen zur Verbrennung“, sagt sie. Hilfe kam von allen Seiten. „Die Solidarität in Stolberg ist riesig“, sagt die Hausärztin. Immer wieder standen auch Patienten vor der Tür mit Schrubber und Eimer, trugen Schränke, halfen beim Entrümpeln.


Als letzte Amtshandlung wird nun noch der Tresor aus ihrer alten Praxis abgeholt. Sie hat alles für den Abtransport vorbereitet. An der Zweifaller Straße wird sie nicht mehr praktizieren. Ein paar Jahre vor ihrer Rente lohne es sich wirtschaftlich nicht, die Praxis neu einzurichten. Die medizinischen Geräte waren zwar gegen Elementarschäden versichert, das andere Inventar jedoch nicht. Und nun? „Völlig unerwartet rief ein Kollege an und bot mir zwei Räume in seiner Praxis an“, sagt sie, „und mit Unterstützung der KV Nordrhein hatte ich innerhalb von zwei Tagen die Zulassung für eine Zweitniederlassung.“ Ein kleiner Neuanfang. Sie lächelt.

Helfen – das war auch für Jörg Fiegen eine Selbstverständlichkeit. Seine Praxis liegt am Beginn der schwer zerstörten Fußgängerzone im ersten Stock. Die Apotheke im Erdgeschoss desselben Hauses verkauft ihre Medikamente zurzeit in einem Container vor dem Gebäude. Die Räume wurden komplett geflutet. Im Treppenhaus gibt es immer noch keinen Strom. Kabel verlaufen über die Stufen, versorgen die Etagen notdürftig mit Licht über Baustellenlampen. „Das Wasser hat eine Handbreit vor der Tür Halt gemacht“, erzählt der Allgemeinmediziner.


Viele geschlossene Praxen


Zwei Wochen nach der Katastrophe öffnete er die Praxis wieder, bildete eine von drei Knotenpunkten der medizinischen Versorgung, denn viele Ärzte können nach dem Unwetter nicht arbeiten. „Ich biete eine Notfallsprechstunde an und behandle jeden“, sagt der 53-Jährige. So verschreibt Fiegen aus seinem Budget heraus zusätzlich zur Regelversorgung Augentropfen und Arzneimittel etwa zur Behandlung von Multipler Sklerose - eben alles, was die Menschen dringend benötigen und die Fluten weggeschwemmt haben. Er setzte sich unermüdlich für andere ein – und ein bisschen ist es auch Selbsthilfe. „In der Praxis herrscht ein Stück Normalität, zu Hause habe ich kein Wohnzimmer, keine Küche mehr“, sagt Fiegen. Das Haus, in dem er und seine Familie lebten, wurde evakuiert, bevor das Wasser durch die untere Etage floss, ein schreckliches Erlebnis. Trotzdem sagt er: „Es gibt andere, die es noch schlimmer getroffen hat, die alles verloren haben. Man muss das immer in Relation sehen.“


„Im Moment der Katastrophe sind die Menschen der Situation hilflos ausgeliefert, aber danach können sie etwas tun. Das kann bei der Verarbeitung des Erlebten helfen“, weiß Psychotherapeutin Sabine Labahn und erklärt den oftmals großen Aktionismus von Menschen nach solchen Unglücken. Die Betroffenen gehen zum Funktionieren über. Doch nach einigen Wochen kommt oft die Erschöpfung. Dann ist es wichtig, gut mit den Kräften zu haushalten, damit nicht alles über einem zusammenbricht. Für Helfer wie Ärzte, die gleichzeitig selbst betroffen sind, ist das eine besondere Herausforderung. Oft kommen die Menschen dieser Tage nicht, weil sie medizinisch behandelt werden müssen, sondern weil sie reden möchten. Dann geht es darum, für andere da zu sein und gleichzeitig auf sich selbst Acht zu geben – eine Gratwanderung.

Knappe Ressourcen

Auch Labahns Praxisräume in Stolberg wurden teilweise überschwemmt. Sie war wie viele andere ebenfalls nicht gegen Elementarschäden versichert. Ihre Patienten empfängt sie zurzeit zu Hause – eine Notlösung. Wann sie ihren Therapieraum wieder nutzen kann, ist ungewiss. Auch Jörg Fiegen weiß nicht, wie lange es dauert, bis die unteren Räume seines Hauses wieder bewohnbar sind. „Entweder die Handwerker sind alle ausgebucht oder es fehlt ihnen das Baumaterial“, erzählt er. Es wird dauern, bis Stolberg sich erholt hat, bis die letzten sichtbaren Löcher im Asphalt gefüllt und die unsichtbaren Wunden in den Seelen der Menschen verheilt sind – und bis das Leben hinter die Schaufensterscheiben im Zentrum zurückkehrt.

  • Jana Meyer

 

 

Therapeutisches Angebot für Betroffene und Fluthelfer

Um psychisch belastete Betroffene und Fluthelfer schnell unterstützen zu können, hat die KV Nordrhein ein niederschwelliges gruppentherapeutisches Angebot an sieben Standorten eingerichtet: Eschweiler, Stolberg, Meckenheim, Euskirchen, Bad Münstereifel, Kall sowie Schleiden. Betroffene erhalten psychologische Unterstützung, um das Geschehene und dessen psychische Auswirkungen einzuordnen, zu verarbeiten und zu klären, was die nächsten Schritte sein können.

Betroffene, die dieses Hilfsangebot in Anspruch nehmen möchten, können über den Terminservice der KVNO einen Termin an einem Standort in ihrer Nähe vereinbaren: Telefon 0800 116 117 05 (montags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr, freitags von 9 bis 12 Uhr). Ebenso ist eine Anmeldung per E-Mail an fluthilfe@arztrufzentrale-nrw.de möglich. Das Angebot steht allen von der Flutkatastrophe Betroffenen unabhängig von ihrem Versicherungsstatus offen.

Das Land NRW fördert die bis 31. Oktober geplanten Maßnahmen mit 95.000 Euro.