KVNO aktuell Letzte Änderung: 28.11.2025 00:00 Uhr

„Digitale Tools werden mittlerweile als empathischer wahrgenommen“

Technologien verändern Medizin. Über den Wandel sprachen wir mit Anisa Idris. Sie ist Mitglied des Vorstands des Spitzenverbands Digitale Gesundheitsversorgung (SVDGV).

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© Anisa Idris

Frau Idris, werden Technologien künftig Ärztinnen und Ärzte ersetzen?

Anisa Idris: Nein, sie werden ihnen aber auf lange Sicht eine Erleichterung bringen. Die Zuordnung von Spezialfällen, das Durchsetzen von Therapieschemata, das einfache Erklären, etwas in unterschiedliche Sprachen zu übersetzen, all das sind große Vorteile. 

Wo sehen Sie typische Einsatzmöglichkeiten von Technologie in der Versorgung?

Idris: Patientinnen und Patienten können beispielsweise auch aus der Ferne begleitet werden. Ärztinnen und Ärzte kann es außerdem entlasten, dass Inhalte patientengerecht in digitalen Gesundheitsanwendungen aufgearbeitet werden, in einer Sprache, die Patienten dann gut verstehen. Es wird im Arzt-Patienten-Verhältnis auch eine Erleichterung bringen, denn man kann ausführlicher auf Krankheiten eingehen. 

Was leisten digitale Produkte Besonderes? 

Idris: Wir sehen, dass digitale Tools mittlerweile als empathischer wahrgenommen werden, weil sie Inhalte bei Bedarf wiederholen und Informationen in einfacher, verständlicher Sprache vermitteln. Digitale Tools werden so konzipiert, dass sie sich konsequent am Wissensstand und Tempo der Nutzerinnen und Nutzer orientieren. Diese versteckten Stärken der Digitalisierung kommen selten zur Sprache, aber Patientinnen und Patienten nehmen sie wahr. Dies zeigen vor allem die sogenannten Usability-Studien, also Gebrauchstauglichkeitsstudien, die Medizinprodukte während der Zulassung durchlaufen. 

Wollen Patienten mehr Angebote wie digitale Gesundheitsanwendungen haben?

Idris: Der Anspruch steigt. Wer ist denn noch bereit, zu akzeptieren, dass man die eigene Krankheit nicht versteht? Man muss nicht jeden mit einer App oder einer digitalen Lösung ausstatten. Aber man macht es sich einfacher, wenn Menschen mehr Einblick und Kontrolle in Bezug auf ihre Erkrankung und Therapie haben möchten. 

Brauchen Ärzte zukünftig mehr Orientierung in Technologien?

Idris: Es braucht auf jeden Fall Offenheit und Verständnis dafür, welcher Ansatz verfolgt wird und was man für den jeweiligen Fall benötigt. Technologien können Ärztinnen und Ärzten viel Arbeit abnehmen und ermächtigen auch die Patientinnen und Patienten im Umgang mit ihren Erkrankungen. Man muss sich fragen: Ist der Ansatz, den diese Technologie verfolgt, angemessen, passt der zu meinem Patienten? Wenn das der Fall ist, integriere ich sie in die Behandlung, und wenn nicht, dann wähle ich eine andere Maßnahme. 

Haben Sie dafür Beispiele?

Idris: Heute sollte ein Arzt ein grobes Verständnis davon haben, wie die Maßnahme technisch funktioniert und für wen sie passt. Nehmen wir das Beispiel „Zyklustracking“. Manche Apps arbeiten mit vielen Daten, andere mit körperlichen Informationen wie Urinproben, Schweiß, Schlaf, Körpertemperatur, die einem sagen, wo man sich im Zyklus befindet. Der „Big Data“-Ansatz funktioniert da, wo die Patientin einen regelmäßigen Zyklus hat, sonst ist das ungeeignet. Hier braucht es zwar kein tieferes KI-Verständnis, aber eine Orientierung, wann echte Informationen von der Patientin wichtig sind.

Wo hilft der Einsatz von KI, Apps und neuen Technologien heute?

Idris: Unser Wissen ist so komplex geworden, dass es für Einzelne zunehmend schwierig ist, den Überblick zu behalten. Wir brauchen Technologie, um unser eigenes Wissen, das wir uns über viele Jahre erarbeitet haben, verfügbar zu machen. Gerade im Gesundheitswesen ist es wichtig, dass wir als Patienten und Angehörige Zugang zu aufbereiteten Informationen haben. Und natürlich ist es auch auf der Seite der Behandler wichtig, denn die Fülle an Informationen ist für einen Arzt oder eine Ärztin nicht mehr beherrschbar.

Woran stellen Sie das fest?

Idris: Wir haben den Zustand erreicht, in dem unser menschliches Wissen, das wir als Gesellschaft haben, nicht mehr für den Einzelnen erreichbar ist. Damit meine ich beispielsweise die Anzahl der Erkrankungszustände. Im ICD-10-Code sind 55.000 verschlüsselbare Diagnosen und Symptome aufgelistet, dazu haben wir noch ca. 4.000–5.000 seltene Erkrankungen gemäß Orphanet und die Anzahl der Krankheiten wächst jedes Jahr. Spontan können Ärztinnen und Ärzte ungefähr 1.000 Krankheitsbilder benennen, die aber auch nicht gleich über die Fachgruppen sind.         

  • Simona Meier