KVNO aktuell Letzte Änderung: 20.10.2021 00:00 Uhr

Zum Umgang mit Impfzauderern: Die Pandemie der Ungeimpften

Weit über 90 Prozent der Corona-Erkrankten in den Kliniken und auf den Intensivstationen sind ungeimpft. Jeder Fünfte hat noch nicht einmal eine Erstimpfung gegen COVID-19 erhalten. Viele Menschen entscheiden sich mehr oder weniger bewusst gegen die Immunisierung – und gefährden damit nicht nur sich selbst, sondern auch andere. Warum ist das so?

© Christoph Schmidt | picture alliance
Eine Teilnehmerin einer Protestkundgebung der Initiative «Querdenken» hat auf dem Cannstatter Wasen ein Symbol gegen die Impfpflicht auf ihrem Rücken.

Wenn die Menschen nicht zur Impfung kommen, dann muss die Impfung eben zu den Menschen kommen – dachte sich das Bundesgesundheitsministerium und rief Mitte September zu einer nationalen Impf-Aktionswoche auf. So gab es die Spritze vor Supermärkten, bei McDonalds, beim „Late-Night-Impfen“ in Diskotheken und an vielen anderen ungewöhnlichen Orten. Die Ungeimpften wurden geködert mit Bratwürsten, Cocktails und ähnlichen Belohnungen. Das alles hat nicht gereicht: Den Medien zufolge war die Aktionswoche ein Flop. Unter dem Strich hat sie auf das ganze Land bezogen nur unwesentlich mehr Impfungen eingebracht als in den Wochen zuvor und danach. Warum sprechen die Impfunwilligen nicht darauf an? Was sind das für Menschen und was hindert sie daran, sich impfen zu lassen?

Das sind Fragen, die auch Professor Benjamin Schüz vom Institut für Public Health und Pflegeforschung an der Universität Bremen brennend interessieren. Im Gespräch mit KVNO aktuell lässt er durchblicken, dass es mit einer Aktionswoche nicht getan ist. Von anderen Ländern – allen voran Portugal und Spanien – könne man lernen, dass sich die Anstrengungen für dezentrale Impfangebote lohnen. Dort sei die Impfkampagne wesentlich mehr „hinterhertragend“ organisiert. Mit gutem Erfolg: In Portugal sind 85 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, in Spanien 79.

„Im öffentlichen Diskurs geht es zu viel um Leute, die ,laut‘ sind – eingefleischte Impfverweigerer und Verschwörungstheoretiker. Es gibt aber auch Menschen, die schlicht ihren Alltag nicht gut genug im Griff haben, um einen Termin im Impfzentrum oder beim Hausarzt zu machen – wenn sie überhaupt einen haben. Und das sind nicht unerheblich viele“, sagt Schüz. Diese Gruppe könne man mit niedrigschwelligen Angeboten noch erreichen, „aber für manche sind die jetzigen Angebote nicht niedrigschwellig genug“.

Keine homogene Gruppe

Schüz, dessen Forschungsschwerpunkt Gesundheitsförderung und Prävention ist, appelliert deshalb, bei den bislang nicht immunisierten Menschen zu differenzieren. Er verweist auf die Cosmo-Studie der Universität Erfurt, die seit März 2020 die „psychologische Lage“ sondiert, also untersucht, wie die Bevölkerung die Corona-Pandemie wahrnimmt.
Danach lehnt zwar über die Hälfte der Ungeimpften den Corona-Schutz nach wie vor ab, 20 Prozent sind aber impfbereit, ein weiteres Viertel ist unsicher und zögerlich. „Vor allem in den jüngeren Altersgruppen unter 60 Jahren sind noch impfbereite Personen zu finden“, heißt es in der Zusammenfassung der Ergebnisse für den Erhebungszeitraum Ende Juli bis Anfang September. „Aus der Cosmo-Studie wissen wir: Ungeimpfte sind eher weiblich, haben eher niedrigere Bildungsabschlüsse, sind eher arbeitslos und haben eher einen Migrationshintergrund. Man kann also sagen: Es sind Menschen, die eher Erfahrungen mit sozialer Benachteiligung gemacht haben“, bewertet Schüz.

Was können Ärzte tun?

Von den Faktoren für geringe Impfbereitschaft führt die Erfurter Studie besonders fehlendes Vertrauen in die Impfstoffe, eine geringe Risikowahrnehmung und das „Trittbrettfahren“ – also das Verlassen auf den Schutz durch andere – auf.

Gerade diese Aspekte seien durch Aufklärung noch zu verändern. Eine Schlüsselrolle sieht Studienleiterin Professor Cornelia Betsch hier bei den niedergelassenen Ärzten. Sie könnten ihre Karteien auf Ungeimpfte durchforsten und sie aktiv ansprechen. „Die Menschen wollen von Ärzten informiert werden“, so Betsch in der Ärztezeitung. „Viele Impfzögerer sitzen einfach auch falschen Informationen auf, andere fühlen sich so stark in die Ecke gedrängt, dass sie mit Trotz reagieren“, erklärt Schüz. Der Wissenschaftler rät Ärzten zu Behutsamkeit im Umgang mit Impfunwilligen unter den Patienten: „Respektieren Sie die Entscheidung. Aber sagen Sie auch, warum Sie denken, dass es keine gute Entscheidung ist, und weshalb es besser wäre, sich impfen zu lassen.“ Es habe jedoch alles Grenzen. Ärzte müssten sich nicht beschimpfen lassen. „Bei solchen Patienten hilft nur Schadensminimierung: schauen, dass man sie schnell wieder aus der Praxis rauskriegt.“

Oder man macht es wie die Allgemeinmedizinerin Marion Ries aus Aachen, die auch schon mal Patienten an die Uniklinik geschickt hat: „Damit sie sich ansehen, wie es Leuten geht, die wegen COVID auf der Intensivstation behandelt werden müssen.“

  • Thomas Lillig und Jana Meyer
Das Bild zeigt Christiane Thiele.
© Christiane Thiele
Christiane Thiele, Kinder- und Jugendärztin in Viersen

„Seit es die STIKO-Empfehlung für Kinder ab zwölf Jahren gibt, spreche ich meine Patienten und die Eltern proaktiv auf die Impfung an. Bei fehlender Immunisierung frage ich immer nach dem Grund. Je nach Antwort dauert die Beratung dann auch gar nicht lange, weil die Argumente schnell widerlegt sind – zum Beispiel bei der Angst vor Langzeitschäden, die es zwar bei medikamentöser Behandlung, nicht aber bei einer Impfung gibt. Aber Eltern haben natürlich oft ein paar Fragen mehr. Häufig wollen sie dann ebenfalls wissen, wie ich es bei meinen Kindern mache – ich finde das völlig legitim. Und ich habe da auch eine klare Einstellung: Ich kann nichts empfehlen, was ich nicht selbst machen würde. Das ist ein ganz starker Treiber für die Entscheidung der Eltern. Ich sehe aber auch eine große Chance für uns Pädiater, ungeimpfte Erwachsene zu erreichen. Viele gesunde junge Menschen haben heutzutage gar keinen Hausarzt mehr und fallen hier durchs Raster. Zu mir kommen sie aber wegen der Vorsorgeuntersuchungen für ihre Kinder. Deshalb ist es für mich selbstverständlich, auch immer die Eltern nach ihrem Impfstatus zu fragen. Ungeimpfte, deren Kinder selbst nicht geimpft werden können, erreiche ich dann sehr oft mit der einfachen Bitte, sich für ihr Baby impfen zu lassen, und indem ich sie darüber aufkläre, wie wesentlich es ist, dass sie als Kontaktpersonen immunisiert sind. Generell ist es mir wichtig, dass wir nicht die Kinder in die Pflicht nehmen, sondern dass zuallererst die Erwachsenen durchgeimpft sind. Das muss der erste Ansatz sein.“

Das Bild zeigt Dr. Stephan Becker.
© Dr. med. Stephan Becker
Dr. med. Stephan Becker, Allgemeinmediziner in Oberhausen

„In unserer Praxis werden die Patienten bereits am Empfang nach dem COVID-Impfstatus befragt. Der Impfstatus wird dann auf dem Eingangsbildschirm jedes Patienten mit Symbolen gekennzeichnet. Ungeimpfte kann ich so gezielt auf das Thema ansprechen. Oftmals reicht das schon, um das Gegenüber für eine Impfung zu gewinnen – einfach darüber reden. Wenn es jedoch größere Widerstände aufgrund von Ängsten gibt, muss man die Bedenken konkret aufgreifen und sachlich und empathisch darauf eingehen. Das braucht Zeit, die man oft im Praxisalltag eigentlich nicht hat, die man sich aber nehmen muss, wenn es um das Wohl der Patienten geht.

Oftmals reicht es schon, die Menschen dazu zu bringen, ihre eigenen Denkmuster zu hinterfragen – da sind die Argumente fast nebensächlich. Ich frage meine Patienten mit Sicherheitsbedenken gern, wann sie das letzte Mal bei der Tetanus-Impfung wissen wollten, welchen Impfstoff sie bekommen haben – was natürlich kaum einer weiß –, und konfrontiere sie dann mit der Frage, warum ihnen das bei COVID-19 so wichtig ist, denn alle diese Impfstoffe durchlaufen die gleichen strengen Zulassungsverfahren. Dann stutzen die meisten Menschen schon – und in der Regel macht es dann klick und der Schalter für die Impfung ist umgelegt.“

Das Bild zeigt Marion Ries.
© Marion Ries
Marion Ries, Allgemeinmedizinerin in Aachen

„Leider sind Teile der Bevölkerung zunehmend egoistischer, egozentrischer und auch dogmatischer geworden, sodass logische Argumente wenig überzeugen. In den meisten Fällen kann man aber verunsicherte Patienten zum Umdenken bewegen, indem man die Fehlannahmen mit ihnen diskutiert und diesen ein gutes Fachwissen entgegenstellt. Die aktuelle Studienlage kann man gut durch die verständlich aufbereiteten Informationen des Robert Koch-Instituts, des Paul-Ehrlich-Instituts und der Ständigen Impfkommission überzeugend darlegen. Emotional kann der Patient durch Beispiele im persönlichen Umfeld berührt werden, zum Beispiel durch den Kontakt zu einer COVID-Intensivstation. Die persönliche Betroffenheit kann Menschen ebenfalls davon überzeugen, dass eine Impfung auch für sie persönlich effektiv und sinnvoll ist. In den kommenden Monaten müssen wir alles daran setzen, mindestens weitere 20 Prozent der ungeimpften Bevölkerung zu einer Immunisierung zu bewegen.“

Das Bild zeigt Dr. med. Carsten König.
© KV Nordrhein
Dr. med. Carsten König, M. san., Allgemeinmediziner in Düsseldorf, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender KV Nordrhein

„Wir sind eine aktive Impfpraxis, deshalb kommen echte Impfgegner gar nicht zu uns. Aber auch wir haben Patienten, die der Immunisierung gegen COVID-19 unsicher gegenüberstehen. Diffuse Ängste spielen dabei eine große Rolle und fast immer kommen die Argumente gegen eine Impfung aus Richtung der Impfgegnerszene. In aller Regel ist es so, dass bei solchen Fällen ein offenes Gespräch hilft, ein ehrlicher Diskurs, in dem ich auch offen sage, was ich nicht weiß. Das macht mich glaubwürdig – und das spielt eine entscheidende Rolle. Wenn der Patient mir vertraut, kann ich ihn erreichen. Dann schaffe ich es, ihn dazu zu bewegen, noch einmal innezuhalten und die Argumente abzuwägen. Ich bin ziemlich sicher, dass man den übergroßen Anteil von mehr als 90 Prozent der besorgten Ungeimpften auch überzeugen kann. Ich finde es gut, dass man mittlerweile sehr niederschwellig - zum Beispiel mit Impfbussen – COVID-Impfungen anbietet. Doch die Kommunen könnten die Arztpraxen als extrem wichtige Akteure im Impfgeschehen noch stärker bewerben. Warum nicht einfach im Zusammenhang mit der Impfung einen immer gleichen Slogan nutzen, analog zur Medikamentenwerbung im Fernsehen? ,Bei Fragen zur COVID-19-Impfung sprechen Sie mit Ihrem Haus- oder Facharzt´ – das würde unsere Position als erste Anlaufstelle sicher nochmals stärken.“