KVNO aktuell Letzte Änderung: 17.07.2025 00:00 Uhr
„Die ePA wird schnell im Praxisalltag ankommen“
Das Thema Digitalisierung begleitet Dr. med. Dietmar Krause schon seit langem. Seinen Patientinnen und Patienten bietet der hausärztliche Internist aus Leverkusen einen Messenger-Dienst an. Für seinen PVS-Anbieter ist er Testkunde. Als die KV Nordrhein Pilotpraxen für den Testlauf der elektronischen Patientenakte (ePA) suchte, zögerte er nicht lange. Inzwischen hat er zahlreiche ePA befüllt.
Mit welchen Erwartungen sind Sie an das ePA-Modellprojekt herangegangen?
Dr. med. Dietmar Krause: Ich war gespannt, wie sich die ePA in den Praxisalltag integrieren lässt. Wie reibungslos funktionieren die technischen Prozesse vom Stecken der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) über das Dateimanagement innerhalb der Akte bis hin zum Hoch- und Herunterladen von Dokumenten? Wie viel Zeit nimmt das in Anspruch? Und natürlich wollte ich auch wissen, wie die ePA die Behandlung meiner Patientinnen und Patienten verbessern kann.
Wurden Ihre Erwartungen erfüllt?
Dr. med. Dietmar Krause: Teils, teils. Es dauerte sehr lange, bis ich überhaupt medizinisch mit der ePA arbeiten konnte. In der ersten Zeit ging es in erster Linie darum, technische Probleme zu identifizieren und an meinen PVS-Anbieter und das Projektteam der ePA-Modellregion weiterzugeben. Das fing schon damit an, dass ich zunächst gar nicht auf die ePA zugreifen konnte. Wir sind eine Praxis mit zwei Ärzten. Aber nur ich war Tester mit Zugriff auf die Allowlist, also die für den Testlauf zugelassenen Pilotpraxen. Dadurch gab es anfängliche Probleme bei der Konfiguration des Konnektors, die den Zugriff auf die ePA behinderten. Das wurde mit der Zeit aber ausgeräumt.
Aber jetzt funktioniert alles – oder hakt es noch irgendwo?
Dr. med. Dietmar Krause: Ich kann jetzt mit der ePA arbeiten, ja. Aber es gibt noch so einiges, was verbessert werden müsste. Soweit ich informiert bin, nahmen zum Beispiel nur wenige Krankenhäuser an dem Test teil, offenbar bestehen dort noch große Probleme mit der Integration der ePA. Auch in unserem System können Texte aus der Krankenakte noch nicht per Mausklick in die ePA hochgeladen werden. Bildbefunde müssen erst in eine PDF umgewandelt und manuell hochgeladen werden. Das ist weit entfernt von praktisch. Direkt aus der elektronischen Medikationsliste (eML) per Klick verordnen funktioniert ebenfalls noch nicht überall.
Fällt Ihnen auch etwas ein, was richtig gut funktioniert?
Dr. med. Dietmar Krause: Laborwerte können per Mausklick hochgeladen werden, ohne dass man die ePA öffnen muss. Das ist schon mal richtig gut. Und die eML als Instrument an sich ist mächtiger, als ich dachte. Allein darin zeigt sich bereits, welchen medizinischen Nutzen die ePA einmal haben wird. Anfangs hat das mit der eML technisch nicht geklappt. Aber als es dann ging, war das plötzlich ein Augenöffner.
Können Sie das näher beschreiben?
Dr. med. Dietmar Krause: Ich bekomme ein ganz anderes Gesamtbild vom Patienten. Ich sehe in der Liste, welche Apotheke in überschaubarer Vergangenheit welches Medikament an ihn herausgegeben hat – selbst die Medikamente, die der Patient privat gekauft hat, sofern sie per E-Rezept verordnet wurden. Ich sehe, bei welchen Kollegen mein Patient war. Von den verordneten Medikamenten und den Facharztbesuchen kann ich auf Diagnosen schließen. Auch ganz interessant: Ich erfahre aus der eML auch, ob der Patient das verordnete Medikament in der Apotheke abgeholt hat. Wenn er dann zu mir kommt und eine neue Verordnung will, weil es angeblich Probleme mit dem Rezept gegeben hat, kann ich sagen: Sie haben das Rezept doch am Tag X eingelöst. Das beugt also vor, dass Patienten etwa für den Urlaub Medikamente horten.
Was hat Sie im positiven Sinne außerdem überrascht?
Dr. med. Dietmar Krause: Der medizinische Wert der Abrechnungsdaten der Krankenkassen in der ePA. Ich war hier zunächst skeptisch. Zumindest in den bisherigen Akten meiner Patientinnen und Patienten sind keine Abrechnungsziffern und Eurowerte hinterlegt. Aber was mir als Arzt sehr hilft: Ich kann nachlesen, wo mein Patient in Behandlung war – und zwar auch dann, wenn sonst keine Dokumente in der ePA sind. 30 Prozent meiner Patienten haben Sprachbarrieren und können sich nicht richtig mitteilen. In diesen Fällen sind die Krankenkassendaten Gold wert!
Wie waren die bisherigen Reaktionen Ihrer Patientinnen und Patienten?
Dr. med. Dietmar Krause: Meine chronisch kranken Patientinnen und Patienten haben den Nutzen der ePA schnell verstanden. Zum Beispiel, weil ich jetzt mit der eML besser erkennen kann, wenn es zwischen verordneten Medikamenten Unverträglichkeiten gibt. Oder weil sie keine Ordner voll Unterlagen mit alten Arztbriefen ins Krankenhaus tragen müssen, die ich zuvor mühsam raussuchen, ausdrucken und vorbereiten musste. Etwas zurückhaltender sind natürlich psychiatrisch kranke Patienten. Da ist es erklärungsbedürftiger, manche Dokumente im Zweifel besser in der Akte zu lassen. Außerdem kann jeder Patient gezielt über eine App Ärzten den Zugriff verwehren. Die meisten Aktensperren habe ich bei an sich gesunden Patienten erlebt.
Ab Oktober müssen alle Ärzte und Psychotherapeuten die ePA befüllen. Halten Sie den Zeitplan mit Blick auf die technische Reife für realistisch?
Dr. med. Dietmar Krause: Die ePA läuft jetzt schon zu 80 Prozent. Bis Oktober sollten alle Praxen damit arbeiten können. Ich bin auch überzeugt, dass die Bedeutung und der medizinische Nutzen umso deutlicher wird, je mehr Dokumente und Daten in einer ePA eingestellt sind.
Was ist Ihr Rat an Kolleginnen und Kollegen, die jetzt mit der ePA starten?
Dr. med. Dietmar Krause: Gehen Sie in kleinen Schritten vor. Lesen Sie die eGK eines Patienten ein und sehen Sie sich seine Akte an, wenn er Ihnen nicht gegenübersitzt. Schauen Sie in Ruhe, was Sie alles erfahren können. Welche Medikamente nimmt er ein? War er in letzter Zeit in stationärer Behandlung? Laden Sie dann mal ein Dokument herunter – falls vorhanden - und stellen Sie selbst ein Dokument ein. Zum Beispiel Laborwerte. Bauen Sie diesen Ablauf dann standardisiert in Ihre Sprechstunde ein. Öffnen Sie die ePA automatisiert, sobald ein Patient zu Ihnen ins Zimmer kommt. Der Rest ergibt sich. Und nicht vergessen: Die Befüllung der ePA kann man abrechnen. Wäre sonst schade.
- Thomas Lillig