KVNO aktuell Letzte Änderung: 17.02.2026 10:00 Uhr Lesezeit: 3 Minuten
Interview: „Ärzte müssen ein Zukunftsbild entwickeln“
Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky untersucht Trends und Innovationen. Dabei blickt er auch darauf, wie technologischer Fortschritt sich auf die Gesellschaft und das Arzt-Patienten-Verhältnis auswirken kann. Das Zukunftsforschungsinstitut 2bAhead berät zu Strategien.
Herr Jánszky, als Zukunftsforscher schauen Sie auf den technologischen Wandel und Innovationen. Werden die Menschen da einfach mitmachen?
Sven Gábor Jánszky: Technologische Innovationen hängen nie davon ab, ob Menschen das mögen oder nicht. Als das erste Smartphone 2007 auf den Markt kam, gab es Marktforschungen, die fragten, ob jemand das kaufen würde. 85 Prozent der Menschen sagten: „Nein, würde ich nicht, das hat ja keine Tasten zum Telefonieren und ich möchte telefonieren.“ Dann stellten die Verbraucher fest, dass es doch geht, und plötzlich hatten alle ein Smartphone und manche sogar zwei. Die alten mit den Tasten wurden schließlich vom Markt genommen.
Denken Sie, dass sich die Künstliche Intelligenz auch so durchsetzen wird?
Jánszky: Es gibt halt einfach bestimmte Möglichkeiten dann nicht mehr und dadurch werden die Menschen gezwungen, mal die neuen Möglichkeiten zu testen – und stellen so fest: ist ja viel besser, viel schneller, viel kostengünstiger.
Wie wird denn Ihrer Meinung nach ein Arztbesuch in Zukunft aussehen?
Jánszky: In fünf bis zehn Jahren wird das meiste, was wir heute Arztbesuch nennen, zwischen der künstlichen Assistenz, die auf meinem Handy sitzt, und der künstlichen Assistenz der Ärztin oder des Arztes geschehen. Also zwei KI-Tools reden miteinander und tauschen ihre Daten aus, über meinen Körper. Es sind Werte, die zuhause gemessen wurden, und Informationen, wie es mir geht. Das wird in der Hälfte der Fälle so sein, weil es flexibler ist, Zeit spart, kostengünstiger ist und weil die Diagnosen und die damit verbundenen Therapien zumindest mal vergleichbar sind mit der Qualität, die es heute beim Arztbesuch gibt. Und dann gibt es die Fälle, in denen Menschen eine persönliche Betreuung wünschen und brauchen.
Wo wird dann die persönliche Einschätzung gebraucht?
Jánszky: Es geht um das Zwischenmenschliche, die Begleitung von Menschen in ihrem Heilungsprozess, das Motivieren von Patientinnen und Patienten, damit sie die richtigen Dinge tun. Das ist weiterhin zentral und wichtig.
Was ändern die technischen Möglichkeiten dann aus Ihrer Sicht in den Praxen?
Jánszky: Der Arztbesuch wird länger sein als heute. Es werden nicht so viele Menschen im Wartezimmer sitzen. Weil die, die da sonst sitzen, alle schon durch Künstliche Intelligenz bedient werden. Es gibt dann klare, feste Termine, ohne irgendwie Wartezeit zu vergeuden. In der Arztpraxis beim Termin selbst wird es nicht um Messungen gehen, das ist schon vorher durch Geräte passiert. Es wird darum gehen, auf die Menschen einzugehen, quasi wie ein Gesundheits-Coach die Menschen zu begleiten.
Wie schnell kommen diese Veränderungen eigentlich auf uns zu?
Jánszky: An einigen Stellen gibt es das schon, das kann man in der Welt sehen. Als Zukunftsforscher fragen wir uns, welche Triebkräfte das Neue in den Alltag der Menschen bringen und wer es blockiert. Aber wenn wir auf die nächsten fünf bis zehn Jahre in Deutschland schauen, sehen wir einen wahnsinnigen Fachkräftemangel und -bedarf und Druck, die Dinge und Prozesse effizienter und schneller zu machen, mit weniger Personaleinsatz, weil es das Personal einfach nicht gibt.
Worauf sollen sich aus Sicht des Zukunftsforschers Ärztinnen und Ärzte einstellen?
Jánszky: Sie sollten sich sehr genau anschauen, wer ihre Patientengruppe ist, und dann ihr Zukunftsbild entwickeln. Je mehr Daten Menschen selbst zur Verfügung haben, desto mehr wird der Mensch zum Konsumenten. Er sucht sich seinen Experten und auch den Ort aus, an dem ihm geholfen werden soll. Wir sehen im Gesundheitssystem, dass die Menschen in den nächsten Jahren zum Gesundheitskunden werden, quasi Gesundheitskonsumenten.
Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Jánszky: Die Macht, Daten zu erheben und zu interpretieren, rutscht von den Ärztinnen und Ärzten hin zu den einzelnen Menschen, und dann werden aus Patienten Konsumentinnen und Konsumenten und es kommt ein Marktmechanismus hinzu.
Ist das, wenn es so kommt, denn vorteilhaft für Patientinnen und Patienten?
Jánszky: Es geht künftig schneller und es ist bequemer. Sie werden nicht mehr davon abhängig sein, dass der Arzt in der kurzen Zeit, die ihm zur Verfügung steht, die richtige Diagnose erstellt, sondern sie haben schon eine gesicherte Diagnose und die Zeit, die die Ärztin oder der Arzt mit ihnen verbringt, ist „Quality Time“, wo es viel tiefer gehen kann. Das ist für alle positiv, die sich darauf einstellen und mitmachen.
Sehen Sie in der Forschung denn schon Beispiele, wo das aktuell so ist?
Jánszky: Gerade Länder, die große Entfernungen haben, und ländliche Regionen, beispielsweise Australien oder die nordischen Länder, sind quasi schon viel eher gezwungen gewesen, auf die Künstliche Intelligenz zu setzen oder auf die Telemedizin. Das ist ja auch ein Phänomen von Veränderungsprozessen, dass die Menschen auf Technologien zurückgreifen, wenn sie es müssen. Dann stellen sie fest, es ist ja sogar gut und es spart Zeit.
Wie blicken Sie als Zukunftsforscher auf das Thema Suche nach Fachkräften?
Jánszky: Wenn wir die nächsten fünf bis zehn Jahre prognostizieren, dann gibt es deutlich weniger Ärztinnen und Ärzte, als es heute gibt, aber es gibt keinen Ärztemangel. Das ist ein Gedankenkonstrukt, das auf der Annahme beruht, dass die technologische Ausstattung über die nächsten fünf Jahre so bleibt und dass es dabei keine Veränderung gibt. Die gibt es aber, das ist ja logisch. Und dann gibt es aus meiner Sicht auch keinen Ärztemangel.
- Simona Meier