KVNO aktuell Letzte Änderung: 27.04.2026 00:00 Uhr

Barrierefreiheit in Praxen

Für Menschen mit Einschränkungen ist der passende Zugang zu einer Praxis ein wichtiger Faktor bei der Arztwahl. Wir haben mit Thorben Gettmann vom HNO-Zentrum Hilden gesprochen. Seine Praxis ist an vielen Stellen barrierefrei.

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© Anne Orthen | KV Nordrhein

Herr Gettmann, worauf sollten Praxen aus Ihrer Sicht achten, wenn sie Barrieren abbauen möchten?
Thorben Gettmann: Sie können es zunächst mit einfachen Mitteln versuchen, die nicht viel Geld kosten, zum Beispiel Hindernisse markieren, Farben verwenden oder auf eine gute Beleuchtung achten.

Haben Sie das in Ihrer alten Praxis auch gemacht?
Gettmann: Wir haben versucht, Barrieren in der alten Praxis abzubauen, aber unser damaliger Eigentümer hat vieles nicht erlaubt, etwa eine Rampe am Eingang zu bauen oder Stufen mit Klebestreifen zu kennzeichnen. 

Mit welchen Problemen hatten Sie zu tun?
Gettmann: Die alte Praxis war in einem Altbau. Schon am Eingang gab es eine hohe Stufe, die Patientinnen und Patienten im Rollstuhl nicht allein überwinden konnten. Entweder mussten Angehörige helfen oder unser Praxispersonal. Zudem war der Eingangsbereich eng und dunkel. 

Warum war das ein Problem? 
Gettmann: Vor dem Empfangstresen gab es eine Säule. Für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer war der Empfang damit nicht erreichbar. Das Personal des Rettungsdiensts hatte ebenfalls Probleme, Patientinnen und Patienten mit starkem Schwindel auf einer Trage zum Empfang zu bringen. 

Wir haben schließlich den Tresen versetzt und nach vorn vor die Säule gezogen. Aber das hat nicht gereicht. Die Praxis selbst verteilte sich über zwei Etagen ohne Aufzug, in der Praxis gab es eine markante Stufe, die immer wieder zur Stolperfalle wurde. Diese Stufe haben wir zwar mit Schildern versehen und heller beleuchtet – trotzdem haben viele Patienten sie nicht gesehen. 

Worauf haben Sie bei der Auswahl der neuen Räume geachtet? 
Gettmann: Auf einen barrierefreien Zugang per Aufzug, viel Licht, große Flächen und breite Türen für Menschen im Rollstuhl. All das bieten uns die neuen Räume. Mit dem Rollstuhl kommt man überall durch, ein behindertengerechtes WC haben wir auch. Und Behindertenparkplätze direkt vor der Tür sowie einen großen Parkplatz um die Ecke. 

Es gibt aber auch Menschen mit anderen Einschränkungen. Haben Sie bei der Barrierefreiheit auch auf diese Patienten geachtet?
Gettmann: Ja. Unsere Praxis hat bunte Türen in Blau, Gelb und Grün, die Beschriftung der Türen ist groß, sodass sie gut lesbar ist für Menschen mit Seheinschränkungen. Unser Team bildet sich regelmäßig fort, unsere Mitarbeiterinnen haben Basiswissen der Gebärdensprache erworben. Das ist besonders für uns als HNO-Praxis wichtig, denn wir haben viele Patientinnen und Patienten mit Hörbeeinträchtigung. Für Kinder haben wir ein eigenes Kinderwartezimmer. Das bieten wir in bestimmten Situationen auch Erwachsenen an. 

Welche Situationen sind das?
Gettmann: Unter unseren Patientinnen und Patienten sind Schwerhörige und Autisten. Sie können Geräusche oftmals nicht richtig filtern und reagieren sehr sensibel auf ihre Umwelt. Ein volles Wartezimmer stresst sie zusätzlich. Manche Patienten äußern aufgrund ihrer Behinderung auch Laute, die für andere irritierend oder störend sein können. Da macht es Sinn, ihnen ein separates Wartezimmer anzubieten. 

Halten Sie auch Informationen in Leichter Sprache für Menschen mit kognitiven Einschränkungen vor? 
Gettmann: Das ist bei uns nicht notwendig. Patientinnen und Patienten, die mehr Hilfe brauchen, betreuen wir persönlich und unterstützen sie individuell. Wenn wir jemandem bestimmte Abläufe ausführlicher erklären müssen, machen wir das gern. Und wer beim Gang ins Behandlungszimmer oder zum Aufzug Hilfe benötigt, weil er nicht gut zu Fuß ist, den begleiten wir natürlich auch. 

Was sagen Ihre Patientinnen und Patienten zur neuen Praxis?
Gettmann: Hell, freundlich, groß. In unseren Räumen und mit unserer Praxisausstattung können wir viele Patienten von jung bis alt größtenteils barrierefrei behandeln. Gerade Menschen mit Einschränkungen können sich hier freier bewegen. Das entlastet auch unser Praxispersonal.

  • Simone Heimann