KVNO aktuell Letzte Änderung: 20.10.2021 00:00 Uhr

NPPV-Projekt: Ausgezeichnete Blaupause

Das Projekt zur neurologisch-psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung, kurz NPPV, ist ein Erfolg auf ganzer Linie. In Nordrhein versorgte das Innovationsfondsprojekt seit Ende 2017 etwa 14.000 Patienten. Außerdem lieferte es die Blaupause für eine neue Richtlinie zur Versorgung psychisch Erkrankter – und wurde jüngst als selbsthilfefreundliches Projekt ausgezeichnet.

© KV Nordrhein
Ines Krahn vom Netzwerk SPiG übergibt die Auszeichnungsurkunden an Dr. Frank Bergmann und Dr. Norbert Paas (IVP).

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat Anfang September eine neue Richtlinie zur koordinierten und strukturierten Versorgung schwer psychisch erkrankter Erwachsener beschlossen. Diese Patienten haben einen komplexen ärztlichen und therapeutischen Behandlungsbedarf und können wichtige Lebensbereiche wie Familie oder Beruf nicht mehr allein bewältigen. Sie werden aber „von den bestehenden Versorgungsangeboten oft nur schwer und unvollständig erreicht“, heißt es in der Begründung des G-BA.

Dabei mangele es nicht an der Zahl und Vielfalt der Leistungen, sondern daran, sie zu verzahnen und in Einklang zu bringen. Genau hier setzt die neue Richtlinie an: Sie schafft die Voraussetzungen dafür, alle für die Versorgung im Einzelfall benötigten Gesundheitsberufe zu vernetzen, um Betroffenen schnell und bedarfsgerecht zu helfen. Eine wesentliche Rolle nehmen dabei feste Bezugs- und Koordinationspersonen ein, die die Patienten auf den Wegen zwischen den Versorgungsangeboten – auch zwischen ambulanter und stationärer Versorgung – navigieren. Ein Bezugsarzt oder -psychotherapeut ist verantwortlich für den individuellen Gesamtbehandlungsplan und die Überwachung der Therapieziele.

Impuls für Regelversorgung

„Ich begrüße es außerordentlich, dass die koordinierte und strukturierte Versorgung schwer psychisch erkrankter Menschen nun endlich in der Regelversorgung ankommt. Es war ein weiter Weg durch die Gremien und über das Reformgesetz zur Psychotherapeutenausbildung bis zur Richtlinie. Wir mussten über viele Jahre dafür kämpfen und so manches dicke Brett bohren“, ordnet Dr. med. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein, den G-BA-Beschluss ein. „Es macht mich aber auch ein bisschen stolz, dass der Impuls für dieses notwendige neue Versorgungsangebot aus Nordrhein kommt.“
Die jetzt verabschiedete G-BA-Richtlinie bietet die Grundlage dafür, die durch das NPPV-Projekt aufgebauten Versorgungsstrukturen und -angebote in Nordrhein nun als von der GKV bezahlte bundesweit geltende Versicherungsleistung fortführen zu können. Zunächst muss die Richtlinie aber vom Bundesgesundheitsministerium geprüft und danach im Bundesanzeiger veröffentlicht werden. Anschließend legt der Bewertungsausschuss die Vergütung fest. Nach Inkrafttreten der Richtlinie können sich Netzverbünde gründen und die neue Versorgungsform anbieten. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung rechnet damit, dass dies frühestens Mitte 2022 möglich sein wird.

NPPV ist selbsthilfefreundlich

Neben dieser erfolgreichen Überführung in die Regelversorgung gab es zudem eine Auszeichnung für das Projekt: Das Netzwerk Selbsthilfefreundlichkeit und Patientenorientierung im Gesundheitswesen (SPiG) mit Sitz in Berlin würdigte Ende September die systematische Zusammenarbeit mit Akteuren der gesundheitlichen Selbsthilfe.

Die Auszeichnung wird an Gesundheitseinrichtungen, Krankenhäuser oder Arztpraxen vergeben, die bestimmte Qualitätskriterien für Selbsthilfefreundlichkeit erfolgreich umsetzen. So wurde zum Beispiel die Website des NPPV-Projekts um eine eigene Rubrik zur gemeinschaftlichen Selbsthilfe ergänzt. Informationsbroschüren werden regelhaft in den teilnehmenden Netzwerkpraxen verteilt. Zudem werden die Bezugsärzte und -therapeuten im NPPV-Projekt innerhalb der digitalen Patientenakte auf Hilfsangebote der Selbsthilfe hingewiesen.

„Die KV Nordrhein ist traditionell selbsthilfefreundlich. Wir wissen um die Expertise der Selbsthilfevertreter und stehen in regelmäßigem Austausch“, betonte Bergmann.

Der Auszeichnung vorausgegangen ist eine sechsmonatige intensive Kooperation. Der Qualitätszirkel NPPV und Selbsthilfe arbeitete in regelmäßigen digitalen Treffen einen umfangreichen Kriterienkatalog ab und setzte die selbsthilfeorientierten Maßnahmen zielgerichtet im Projekt um. Teilnehmer waren Vertreter der Selbsthilfe NRW, der IVP Networks GmbH und der KV Nordrhein.

Systematische Kooperation

Gerade bei der Behandlung psychisch erkrankter Menschen stellt die Selbsthilfe eine essenzielle Ergänzung zum professionellen Versorgungssystem dar. Anne Kaiser von der KOSKON NRW (Koordination der Selbsthilfe-Unterstützung durch Selbsthilfe-Kontaktstellen in Nordrhein-Westfalen) hält es für sinnvoll und hilfreich, dass die Selbsthilfe in dem Versorgungsspektrum von NPPV ihren Platz gefunden hat. „Unser Land ist gut ausgestattet mit Selbsthilfe-Kontaktstellen. Hier finden Patienten, Angehörige und im Gesundheitssystem tätige Fachkräfte Information, Beratung und Zugang zu Selbsthilfegruppen.“

Auch für Stephanie Theiß, Leiterin der Kooperationsberatung für Selbsthilfegruppen, Ärzte und Psychotherapeuten, kurz KOSA, der KV Nordrhein, war der Auszeichnungsprozess eine besondere Erfahrung mit Pilotcharakter. Seit über 25 Jahren bringt die KOSA die verschiedenen Akteure miteinander in Kontakt. „Unser Ziel ist eine nachhaltige und systematische Zusammenarbeit, wie sie im Qualitätszirkel stattgefunden hat. Den gemeinsamen Weg möchten wir weiter etablieren“, erklärt sie.

Damit der Dialog fortdauernd Bestand hat, wurde im Rahmen der Auszeichnungsfeier eine verbindliche Kooperation unterzeichnet. So soll das Erfahrungswissen der Selbsthilfe auf Dauer in die regionalen ambulanten Versorgungsstrukturen eingebunden werden.

  • Bianca Wolter und Thomas Lillig