Letzte Änderung: 20.06.2022 16:30 Uhr Lesezeit: 2 Minuten

KV Nordrhein: Verlagerung von komplexen Beratungsgesprächen in Apotheken ist grob fahrlässig!

Statement des Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO), Dr. med. Frank Bergmann, zu einer aktuellen Entscheidung im Schiedsverfahren über „pharmazeutische Dienstleistungen“.

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Diese sollen künftig durch Apothekerinnen und Apotheker erbracht und diesen auch vergütet werden dürfen. Darüber befunden hat eine Schiedsstelle, die ausschließlich aus Verantwortlichen von Krankenkassen und Deutschen Apothekerverbänden zusammengesetzt war. Medizinerinnen und Mediziner waren bei der Entscheidung nicht mit eingebunden. Dabei geht es auch ausdrücklich um komplexe Medikations-Beratungsgespräche nach Organtransplantationen oder für Krebspatientinnen und -patienten. Hintergrund des Schiedsspruches ist das noch in der vergangenen Legislaturperiode verabschiedete „Apotheken-vor-Ort-Gesetz“ (AVOG).

„Ich habe für viele Dinge Verständnis – an dieser Stelle verstehe ich allerdings nicht ansatzweise, wie man eine solche Entscheidung treffen kann. Um einen schwerkranken Menschen über die richtige Art und Weise einer Medikation beraten zu können, ist es unerlässlich, seinen gesamten medizinischen Hintergrund und Kontext zu kennen. Bei Patientinnen und Patienten mit Krebserkrankungen oder nach einer Organtransplantation muss eine Therapie außerdem beständig überprüft, hinterfragt und gegebenenfalls auf Basis aktueller wissenschaftlicher Studien neu bewertet werden. Genau dafür haben niedergelassene Kolleginnen und Kollegen in Nordrhein viele Jahre lang studiert und bilden sich fortwährend weiter. Apothekerinnen und Apotheker verfügen – bei allem Respekt für deren Wissen und Fähigkeiten – nicht über tiefer greifende Kenntnisse in Diagnostik und Therapie. Das müssen sie auch nicht, denn diese Aufgabe ist bei den dafür ausgebildeten Ärztinnen und Ärzten in den richtigen Händen. Und nicht nur das: Ich halte eine Verlagerung von Beratungsgesprächen dieser Tragweite in die Apotheken für grob fahrlässig! Das ist nicht im Sinne einer verantwortungsbewussten Versorgung. Gerade bei älteren und multimorbiden Patientinnen und Patienten dürfte eine pauschale Medikationsberatung in der Apotheke für große Verunsicherung sorgen – vor allem dann, wenn sich daraus anderes ergibt, als das, was in der Praxis an Medikamenten verschrieben worden ist.

Grob fahrlässig ist an dieser Stelle auch der Umgang mit den Beiträgen der gesetzlich Krankenversicherten: Hier wird in Zeiten einer allgemein prekären Finanzlage von Seiten der Krankenkassen vollkommen ohne Not viel Geld in einen Apotheken-Beratungskatalog gepumpt, der bei genauerem Hinsehen die Versorgung von Patientinnen und Patienten keinesfalls verbessert. Aus Apothekensicht ist es ja durchaus nachvollziehbar, sich mit Blick auf künftige Entwicklungen in der Branche neue Tätigkeitsfelder wirtschaftlich zu erschließen. Durch den Start des e-Rezeptes wird etwa der Online-Versandhandel mit Medikamenten wohl erheblich an Fahrt aufnehmen. Viele werden ihre Medikamente dann voraussichtlich nicht mehr über die Apotheke vor Ort beziehen. Ich habe den Eindruck, dass diese Verluste nun beispielsweise über solche Beratungsgespräche, Impfungen oder andere kreative ‚pharmazeutische Dienstleistungen' kompensiert werden sollen. Das darf aber nicht dazu führen, dass das Wohl der Patientinnen und Patienten dadurch gefährdet wird.“

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