Letzte Änderung: 28.10.2021 10:19 Uhr

KVNO: „Die Einführung der eAU zum 1. Oktober ist krachend gescheitert“

Statement des Vorstands der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO) zu den massiven Problemen und Nöten, denen die Ärztinnen und Ärzte in Nordrhein bei der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) ausgesetzt sind. Am 1. Oktober ist die Einführung der eAU in den Praxen gestartet – wegen starken Verzögerungen bei Technik und Tests gilt die Zeit bis Ende des Jahres allerdings als Übergangsregelung, in der sich die Praxen schrittweise von der bisherigen Papier-AU auf die eAU umstellen sollen. Aber hier hakt es noch an vielen Stellen.

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Dr. med. Frank Bergmann, KVNO-Vorstandsvorsitzender: „In den vergangenen Monaten haben die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in Nordrhein den Großteil des Corona-Impfgeschehens mit allergrößtem Engagement neben dem normalen Praxisbetrieb auf ihren Schultern getragen. In diesen Monaten kommen noch Grippeschutzimpfungen sowie die Behandlung einer kräftig steigenden Zahl grippaler Infekte hinzu. Und hier sehe ich auch mit Blick auf die kommenden Monate nicht, dass sich die Lage entspannen wird – eher im Gegenteil: Es werden jahreszeitbedingt noch mehr Infekte hinzukommen und die Corona-Auffrischungsimpfungen liegen nun vollständig in den Händen der Praxen.

Das alles wird den Niedergelassenen damit gedankt, dass sie nebenbei noch ein unreifes Produkt wie die eAU ausprobieren sollen. Das geht so nicht und wir werden alles dafür tun, um die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen in Nordrhein vor unnötigem Arbeitsaufwand und möglichen Sanktionen zu schützen. Wir werden nun die Kassenärztliche Bundesvereinigung dazu auffordern, sich beim Bundesgesundheitsministerium dafür einzusetzen, dass die Übergangsregelung bis zur verbindlichen Einführung der eAU erst einmal bis zum Sommer kommenden Jahres verlängert wird.

Bis dahin muss es den Praxen möglich sein, die bisherigen Formulare für die Papier-AU nach wie vor nutzen zu können. Außerdem dürfen die Praxen nicht weiterhin als ‚Versuchslabore‘ dienen, heißt: Die technischen Voraussetzungen für die eAU müssen außerhalb des Praxisbetriebs – etwa in Feldversuchen - solange auf Herz und Nieren geprüft werden, bis alles reibungslos funktioniert. Erst dann darf das fertige und für gut befundene „Produkt eAU“ bei den Kunden, also bei den Niedergelassenen in den Praxen, zum Einsatz kommen. Vorher macht es aus unserer Sicht keinen Sinn und wird auch den Patientinnen und Patienten eher schaden als einen nennenswerten Vorteil zu bringen.“                  

Dr. med. Carsten König, stellvertretender KVNO-Vorstandsvorsitzender: „In meiner Hausarztpraxis habe ich genauso wenig zusätzliche Kapazitäten zur Verfügung wie meine Kolleginnen und Kollegen, um die eAU in frustrierender Kleinstarbeit in den Praxisalltag zu implementieren. Es geht nicht darum, sich vor der Digitalisierung in den Praxen zu sperren – diese ist gut und richtig. Das gilt aber auch nur, wenn sie einen echten Nutzen für die Patientinnen und Patienten sowie für die Praxen selbst bringt. Diesen Nutzen kann ich bei der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung im Moment noch nicht erkennen. Die Politik kann nicht zu Lasten von Versicherten sowie Ärztinnen und Ärzten völlig unreife Digitalisierungsprozesse komplett in die Praxen verlagern. Die Krankenkassen sind aktuell noch nicht flächendeckend in der Lage, die eAU entgegenzunehmen. Zu hoffen, dass sich das pünktlich zum Jahresstart 2022 ändert, halte ich persönlich für ein sehr riskantes Unterfangen.“   

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