Letzte Änderung: 08.09.2021 16:45 Uhr Lesezeit: 3 Minuten

KVNO-Chef: Selbstverwaltung kann und will Versorgung gestalten

Im Kölner Gürzenich ist am Nachmittag der 15. „Gesundheitskongress des Westens“ zu Ende gegangen. Dabei handelt es sich um den führenden Kongress für Gesundheitspolitik und Gesundheitswirtschaft im Westen Deutschlands.

© KV Nordrhein

Viele der Vorträge und Podiumsdiskussionen befassten sich mit der Bewältigung der Corona-Pandemie und den daraus resultierenden Konsequenzen für das Gesundheitssystem in Deutschland. 

In einer der abschließenden Diskussionsrunden mit dem Titel „Markt – Staat –Selbstverwaltung: Wer stellt die Weichen für die Zukunft?“ fand der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein, Dr. med. Frank Bergmann, klare Worte zur Leistungsfähigkeit der Selbstverwaltung und auch zu ihren künftigen Herausforderungen. Auf die Frage, ob das erlebte Pandemiemanagement durch staatliche Stellen das Modell der Zukunft sei und ob dies die Selbstverwaltung am Ende sogar untergraben könnte, antwortete der KVNO-Chef: „Die Funktionsfähigkeit der Selbstverwaltung wird sicherlich nicht in Frage gestellt, wenn es in einer so besonderen Situation wie der Corona-Pandemie staatliche Vorgaben gegeben hat und gibt. Pandemie taugt zwar nicht als Blaupause für die allgemeine Regelversorgung, aber festzustellen ist doch: Die KVen waren immer maßgebliche Akteure und Mitgestalter in der Pandemie. Bei über 23 Millionen Impfungen in NRW, die - mit Ausnahme der Betriebsimpfungen - durch Vertragsärzte und von uns unter Vertrag genommenen Honorarärzten in Arztpraxen und Impfzentren erbracht worden sind, liegt die Stärke des KV-Systems wohl mehr als deutlich auf der Hand. Ein „Untergraben“ der Selbstverwaltung sieht sicherlich anders aus. Wir haben während der Pandemie in enger Kooperation mit Land und Kommunen eine flexible und an den Bedürfnissen des Infektionsschutzes ausgerichtete Versorgung etabliert. Das Denken in regionalen Versorgungsverbünden, das einige Parteien auch in ihre Programme für die anstehende Bundestagswahl aufgenommen haben, macht uns also keineswegs unruhig. Wir können und wollen Versorgung gestalten!“

Auch zur Debatte um sektorenübergreifende Versorgung machte Bergmann seine Position deutlich: „In der Notfallversorgung füllen wir den Begriff „sektorenübergreifend“ doch schon bereits mit Leben. Wir betreiben gemeinsam mit Kliniken Portalpraxen und schauen an einem Behandlungstresen: Ist das wirklich ein Notfall oder behandeln ab hier direkt die niedergelassenen Kollegen den Patienten? Das ist ein Beispiel zur Verbesserung der Versorgungsqualität und gleichzeitig können durch eine Kooperation wie diese auch Kosten gesenkt werden.“ Eine sektorenübergreifende Zusammenarbeit, die nur als Deckmantel für die Sanierung unwirtschaftlicher Krankenhäuser auf dem Rücken niedergelassener Fachärzte stehe, lehne er aber ab.

Mit Blick auf neue Versorgungsformen im Zusammenspiel mit der Digitalisierung arbeitete Bergmann in der Diskussion Beispiele heraus und hob gleichzeitig einen klaren Nachteil für die Niedergelassenen hervor: „Unsere Ärzteschaft übernimmt neue Versorgungsformen: Im vergangenen Jahr gab es rund 380.000 Videosprechstunden– 2019 waren es gerade einmal 500. Die KV Nordrhein informiert und schult ihre Mitglieder intensiv, damit sie an dieser Stelle auch weiter vorankommen. Außerdem sollen bald Videosprechstunden im Notdienst durch ein Projekt ins Leben gerufen werden. An dieser Stelle sind mir allerdings ein paar Sätze zum Thema Digitalisierung extrem wichtig: Sicherlich könnten sich manche niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte noch mehr einbringen – aber: Sie müssen das alles auch aus eigener Kraft tun. Drei Milliarden Euro hat das Bundesgesundheitsministerium den Kliniken für Digitalisierung zur Verfügung gestellt und der niedergelassene Bereich ist komplett leer ausgegangen. Das ist nicht nachvollziehbar und ein großer Nachteil für diesen enorm wichtigen freien Berufsstand!“

Gesundheitskongress des Westens 2021 - 116 117 Panel
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"Vom Notdienst-Telefon zur Multifunktions-Schnittstelle für Patienten: Die steile Karriere der 116 117" mit Dr. Frank Bergmann (rechts), Miriam Mauss (links), Sabine Wolter (2.v.l.) und Dr. Dominik Graf von Stillfried

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