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KBV-VV: Niedergelassene haben in der Pandemie "den Unterschied gemacht"

12.06.2020 Pressemitteilungen

In der Corona-bedingt ersten Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in diesem Kalenderjahr hat der KBV-Vorstand heute in Berlin eine Zwischenbilanz zum Verlauf der Corona-Pandemie und der Rolle der niedergelassenen Vertragsärzte und -psychotherapeuten in der Krisenzeit gezogen. Die Richtung gab Petra Reis-Berkowicz, die Vorsitzende der KBV-VV, schon bei der Begrüßung vor: „COVID 19 stand monatelang im Mittelpunkt, manches andere drohte dabei, auf der Strecke zu bleiben. Jetzt müssen wir wieder zur Normalität übergehen. Wir Niedergelassene können beides: Krisenmodus und Regelversorgung.“

KBV-Vorstandsvorsitzender Dr. med. Andreas Gassen spannte vor dem Hintergrund des „weltweiten Pandemie-Fiaskos“ einen weiten Bogen vom Ausgangspunkt der neuartigen Lungenerkrankung in China im vergangenen Jahr über den Verlauf in Europa bis zur aktuellen Lage in Deutschland. „Ganz offensichtlich hat Deutschland beim Infektionsgeschehen und dessen Folgen deutlich besser abgeschnitten als viele andere Länder. Und das, obwohl die getroffenen Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen und der Shutdown des öffentlichen Lebens sich nicht wesentlich von denen der meisten Staaten unterschieden“, sagte Gassen. Gründe dafür seien die frühzeitige Information, schnelle Quarantäne-Maßnahmen, schnelle umfangreiche Testungen und der Aufbau einer flächendeckenden Infrastruktur mit Testzentren, Behandlungseinrichtungen für COVID-Patienten und Hausbesuchsdienste – und eben die Strukturen der ambulanten Versorgung. 

„Patienten mit Symptomen wurden frühzeitig diagnostiziert und wo nötig behandelt, verschlechterte sich ihr Zustand, wurden sie geordnet ins Krankenhaus verlegt. Damit blieb den stationär tätigen Kollegen bei uns Zeit für ein abgestuftes Vorgehen. Wie schützens- und erhaltenswert unser System ist, sollte spätestens jetzt jedem klargeworden sein“, so Gassen. Zum Vergleich: In Großbritannien mit seinem staatlichen Gesundheitssystem mussten zwei von drei Patienten in den ohnehin chronisch überlasteten Krankenhäusern behandelt werden. Auch in Frankreich und Spanien wurden die meisten Fälle stationär versorgt – bei deutlich weniger Intensiv- und Beatmungskapazitäten als hierzulande. Während in anderen Ländern die Patienten also eher in großen, zentralen Einheiten versorgt wurden, konnten sie sich in Deutschland auf das kleinteilige Netz der Praxen vor Ort verlassen. Sie mussten nicht ins Krankenhaus oder große Ambulanzen, um sich dort testen und bei Symptomen behandeln zu lassen, sondern konnten zum allergrößten Teil zu Hause bleiben – den Empfehlungen entsprechend.

Sechs von sieben COVID19-Patienten ambulant versorgt

Die Vertragsärzteschaft sei daher ein entscheidender Faktor in der bisherigen Krise: Selbst während der Hochphase der Pandemie seien 85 Prozent der betroffenen Patienten in den Praxen versorgt worden. „Der zentrale Teil der Gesundheitsversorgung in Deutschland findet ambulant statt – und nicht in Krankenhäusern“, so Gassen. Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte hätten den Kliniken den Rücken freigehalten. „Wir haben den Schutzwall gebildet, der unser Gesundheitswesen vor der Überlastung bewahrt hat – das hat auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erkannt“, erklärte der KBV-Chef. „Und weil der Minister die Rolle unserer niedergelassenen Ärzte richtig einschätzt, hat er den Praxen auch den Schutzschirm zuerkannt. Er soll den Bestand unserer ärztlichen Infrastruktur und damit des Schutzwalls gewährleisten.“

Gassens Fazit: „Die Corona-Krise hat eindrucksvoll bewiesen, dass nur die gemeinsame Selbstverwaltung die einzige und richtige Antwort für ein erfolgreich funktionierendes Gesundheitssystem sein kann.“ Während die Politik Deutschland mit dem Shutdown in eine Art künstliches Koma versetzt habe, hätte die ambulante Versorgung sehr erfolgreich auf Hochtouren gearbeitet. Nun sei die Rückkehr zur Regelversorgung in den Praxen das Gebot der Stunde. Die teils drastischen Rückgänge an Patienten, welche manche Facharztgruppen verzeichnen, seien alarmierend: „Ein verschleppter Herzinfarkt oder ein zu spät entdeckter Tumor sind in der Regel sehr viel folgenreicher als eine Corona-Infektion.“ Deutschland müsse wieder in den Normalbetrieb kommen.

Dr. med. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV, nannte den Ausbruch des neuartigen Corona-Virus eine Zäsur – für die Gesellschaft und die Politik, für das Gesundheitswesen und sicher auch für jeden Einzelnen. Es war ein Weckruf: Wir sind nicht unverwundbar. Ob es richtig war eine gesamtstaatliche Vollbremsung hinzulegen, werden Historiker zu beurteilen haben. Sicher sinnvoll war es, zunächst einmal die Pausetaste zu drücken, um sich ein Bild der Lage zu verschaffen und sich zu sortieren. Das galt sowohl für die über 100.000 Praxen in Deutschland als auch für die Politik und die Bürgerinnen und Bürger“, sagte Hofmeister. 

Aber: Zu keiner Zeit hätten die Vertragsärzte vergessen, dass über drei Millionen Patienten jeden Tag im Regelbetrieb zu versorgen seien, während es selbst in der Hochphase der Infektionen ,lediglich‘ einige wenige Tausend COVID-19-Patienten in ganz Deutschland gab.