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"Doc Esser" - Leiter der Covid-19-Station erkrankte selbst: "Ein völlig unterschätztes Virus"

12.08.2020 Gesundheitstipps, KVNO aktuell

Was macht das Virus mit uns? Und was mit den Patienten? Diese Fragen beschäftigten Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser als Leiter der Covid-19-Station zu Beginn der Pandemie. Seine eigene Infektion mit Sars-CoV-2 bemerkte der Pneumologe erst später. Die Langzeitfolgen von Covid-19 bereiten ihm momentan die größten Sorgen.

 

Coronavirus, Covid-19: Was denken Sie als Erstes bei diesen Begriffen?

Ein völlig unterschätztes Virus. Völlig unterschätzte Erkrankung. Die Coronaviren Sars-Covid-1 oder MERS zeigten bereits ein unfassbar lebensgefährliches Potenzial. Mit Sars-Covid-2 haben wir nun einen Erreger, der es letztendlich geschafft hat, die ganze Welt gleichzeitig in Aufruhr zu versetzen. Dann gab es die große Diskussion um die Letalität. Es heißt, vor allem Alte und Schwache sterben und Jüngere kommen oft mit einem blauen Auge davon. Abgesehen davon, dass ich der festen Überzeugung bin, dass die Letalität höher sein wird als momentan angenommen, sind die Langzeitfolgen, die wir momentan beobachten, besorgniserregend und in ihrer Komplexität nicht absehbar.

Was beobachten Sie diesbezüglich?

Bei sehr vielen als geheilt geltenden Betroffenen entwickeln sich sechs bis acht Wochen nach akuter Covid-19-Erkrankung neue Erkrankungen und Symptome. Das können post­infektiöse Lungenerkrankungen wie Asthma oder Fibrosen sein, aber auch zerebrale Symp­tome wie Schwindel, Verwirrtheit, Panikattacken und subjektive, nicht messbare Luftnot. Weiterhin scheint es auch postinfektiös vermehrt zu Autoimmunerkrankungen und Diabetes mellitus zu kommen.

Wie sehr sprechen Sie aus eigener Erfahrung?

Ich habe mir in Folge einer Covid-19-Erkankung eine Vaskulitis zugezogen, eine Gefäßentzündung aufgrund einer überschießenden Reaktion meines Immunsystems. Zudem hatte ich plötzlich Belastungs-Asthma. So kam mir erst der Gedanke, dass ich an Covid-19 erkrankt gewesen sein könnte. Es muss um Ostern gewesen sein. Zuvor hatte ich mehrere Wochen die Covid-Station geleitet und war dementsprechend einer hohen dauerhaften Viruslast ausgesetzt. Ich fühlte mich müde, habe viel geschlafen, führte das aber auf anstrengende Monate zurück. Ein Antikörper-Test bestätigte dann Wochen später die Vermutung.

Doc Esser

Heinz-Wilhelm „Heiwi“ Esser wurde 1974 in Mönchengladbach geboren. In Köln studierte er Medizin und ist ausgebildeter Facharzt für Pneumologie, Innere Medizin und Kardiologie mit der Zusatzbezeichnung Notfallmedizin. An der Sana Klinik in Remscheid leitet er als Oberarzt den Bereich Pneumologie und war für die Covid-19-Station verantwortlich. Die WDR-Fernsehsendung „Doc Esser – Der Gesundheitscheck“ machte ihn medial bekannt. Mit dem WDR produziert er den Podcast „Coronavirus – Doc Esser klärt auf“. Der ehemalige Leistungsschwimmer lebt mit seiner Frau und drei Töchtern in Köln.

Als Leiter der Covid-Station waren Sie von Beginn an sehr nah am Geschehen. Was hat Sie an Sars-CoV-2 überrascht?

Der teilweise fulminante Verlauf. Die Patienten kamen noch relativ gut und aufrecht auf die Isolierstation mit Verdacht auf Covid-19 und ihr Zustand hat sich dann innerhalb weniger Stunden dramatisch verschlechtert. Wir hatten fulminante beidseitige Lungenveränderungen mit großflächigen Infiltraten – sowas habe ich in der Form selten gesehen. Und das betraf auch viele junge Menschen. Es ist noch ein relativ unklares Krankheitsbild. Zum Beispiel wissen wir noch nicht, warum einige Betroffene mit einer schlechten Sauerstoffversorgung im Blut so wenig Atemnot haben – und deswegen auch zu spät ins Krankenhaus gekommen sind, Stichwort: „happy hypox“.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Krisenmanagement?

Wir haben es lokal und deutschlandweit gut gemeistert. Die Welle kam nicht so stark, wie alle erwartet hatten, was vor allem am rechtzeitigen Lockdown lag. Wir haben verhindert, dass das Gesundheitssystem in die Knie gegangen ist. Dennoch haben wir viele Schäden zu begutachten.

Welche sind das im Speziellen?

Viele Niedergelassene haben an vorderster Front gekämpft und mussten ohne regelgerechte Schutzkleidung auskommen – ein Unding. Das sollte uns eine Lehre sein. Wir dürfen uns nicht mehr von anderen Ländern abhängig machen. Deutschland und Europa müssen für Unternehmen als Produktionsstätte interessant werden, um hier hochwertige Materialien herzustellen, denn die nächste Welle kommt. Ich bin gerade auch fassungslos darüber, dass der versprochene Bonus für Pflegekräfte wieder zurückgenommen wurde. So muss man sich nicht wundern, wenn keiner mehr in diesen Berufen arbeiten möchte. Ich glaube auch, dass uns die Langzeitfolgen der Coronavirus-Pandemie noch in den nächsten Jahren beschäftigen und unser Gesundheitssystem massiv belasten.

Sinkende Fallzahlen, wenig Neuinfektionen, mehr Lockerungen: Wie bewerten Sie diese Entwicklungen?

Ich bin ein Freund der Lockerungen. Ich finde es gut, dass die Politik recht schnell reagiert – jetzt in Zeiten, wo es möglich ist. Die Wirtschaft kommt wieder in Gang, das kulturelle Leben. Aber es muss klar sein: Wir müssen lernen, mit Corona flexibel zu leben. Die Lage kann sich jederzeit wieder verschärfen, solange es keine vernünftigen Medikamente und keinen Impfstoff gibt. Das wird jetzt erst mal das nächste halbe, vielleicht sogar das nächste Jahr bestimmen.

Was nervt Sie besonders im Zusammenhang mit Corona? Worüber kann nicht oft genug gesprochen werden?

Mich nerven vor allem die Verharmlosung und die Fake-News im Netz. Die wirken oftmals seriös, weil dort mit Halbwahrheiten gearbeitet wird. Das halte ich für verheerend. Darum werde ich auch nicht müde, in meinem Pod­cast, im Fernsehen oder Radio immer wieder davon zu erzählen, dass es keine harmlose Erkrankung ist. Wir können Covid-19 erst einschätzen, wenn wir auch die Langzeitfolgen bei jungen sportlichen Menschen kennen.

Welches Potenzial steckt für Sie in den Praxen?

Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Wovor ich immer wieder warne, ist, dass die Menschen andere Erkrankungen schleifen lassen. Es kann nicht sein, dass man aus Angst vor Covid-19 andere Erkrankungen toleriert und Therapien oder Kontrollen aussetzt. Das ist etwas, das die Niedergelassenen den Patienten immer wieder gut in Erinnerung rufen können.

Was halten Sie von der Corona-Warn-App?

Ich finde, dass das ein super Tool mit guter Arbeitsweise ist. Ich kann andere nur dazu animieren, sich die App herunterzuladen. Das kann uns künftig helfen, nur noch regionale Lockdowns zu veranlassen, vorausgesetzt, viele Leute nutzen die App - und nutzen sie regelgerecht. Ich kann auch nicht verstehen, dass viele das aus Datenschutzgründen ablehnen.

Das Interview führte Jana Meyer.