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Start am 1. Juli 2020: Neuer COPD-Vertrag

25.06.2020 KVNO aktuell, Praxisinfos, Verträge

Die KV Nordrhein hat mit der IKK classic, der KKH und dem BKK-Landesverband Nordwest zum 1. Juli 2020 einen neuen Vertrag geschlossen. Es geht um die frühe Diagnostik und Behandlung von Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD).

An dem Vertrag können Hausärzte teilnehmen sowie auch Fachärzte für Lungen- und Bronchialheilkunde, Innere Medizin mit der Schwerpunktbezeichnung Pneumologie oder Pulmologie und Fachärzte für Innere Medizin mit dem Nachweis einer mindestens zwölfmonatigen Weiterbildung in einer pneumologischen Abteilung mit Weiterbildungsermächtigung. Alle müssen die apparative Voraussetzung zur Durchführung von Spirometrien in ihrer Betriebsstätte erfüllen. Die Versorgung innerhalb des Vertrags setzt sich aus zwei Modulen zusammen: Screening zur frühzeitigen Diagnostik einer COPD und Betreuung gesicherter COPD-Patienten.

Modul 1: COPD-Screening
Das Bild zeigt die beiden Module des Vertrages
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Versorgungspfad zum COPD-Vertrag: IKK classic, KKH und BKK-Landesverband

Die genannten Haus- und Fachärzten können das Screening bei Patienten der teilnehmenden Krankenkassen ohne eine bisher gesicherte COPD-Erkrankung durchführen. Voraussetzung: Die Patienten sind mindestens 35 Jahre alt, haben eine chronische Bronchitis (ohne gesicherte COPD) und mindestens eines der folgenden Risikomerkmale:

  • Rauchen beziehungsweise Rauchen in der Vergangenheit
  • berufliche Vorbelastung (zum Beispiel Rauch von Verbrennungen, chemische Dämpfe, Gase, Feinstaub)

Das Screening beinhaltet neben der Anamnese die Durchführung einer Spirometrie, die Ergebnisse werden in einem Dokumentationsbogen erfasst und in der Praxis hinterlegt. Liegt der spirometrische FEV1/FVC-Wert ober- halb von 70 Prozent, erhält der Patient eine Beratung über das Untersuchungsergebnis und präventive Maßnahmen. Bei einem spirometrischen FEV1/FVC-Wert unterhalb von 70 Prozent und einer gesicherten COPD-Diagnose ist der Patient besonders auf COPD- assoziierte Begleiterkrankungen und erforderliche Lebensstiländerungen zu beraten – und über Modul 2 weiter zu betreuen.

Modul 2: Betreuung von COPD-Patienten

Teilnahmeberechtigt sind Patienten ohne Altersbeschränkung aus Modul 1 oder Patienten, bei denen bereits eine gesicherte COPD-Diagnose vorliegt und eine weitergehende Betreuung begründet ist. Hierzu zählen auch Betroffene, die bereits am DMP COPD teilnehmen.

In der hausärztlichen (Weiter-)Betreuung wird bei COPD-Patienten maximal zweimal im Krankheitsfall der Krankheitsverlauf mithilfe eines Fragebogens überprüft, der Schweregrad der COPD-Erkrankung festgelegt und ein krankheitsorientierendes intensives Patientengespräch geführt. Ebenso ist der Patient zu einer Teilnahme am DMP COPD zu motivieren.

Darüber hinaus sind regelmäßige Überweisungen nach den folgenden drei Versorgungsfeldern an den Facharzt vorzunehmen:

  • Versorgungsfeld 1 (bei Exerbationsrisiko und zur Verbesserung der Adhärenz)
  • Versorgungsfeld 2 (bei akuten Exazerbationen oder nach stationärem Aufenhalt)
  • Versorgungsfeld 3 (Indikationsprüfung und Überprüfung einer bestehenden Langzeitsauerstofftherapie)

Auf der Überweisung sind der Überweisungsgrund sowie der Vermerk „Vertrag COPD (Name der Krankenkasse)“ vom Hausarzt anzugeben. Der Vertrag soll einer potenziellen Unterversorgung bei der Diagnostik der COPD entgegenwirken. Langfristig sollen schwerwiegende Krankheitsverläufe verhindert werden und die Patienten eine hohe Lebensqualität aufrechterhalten können.

Teilnahme und Abrechnung Alle vereinbarten Leistungen werden außerhalb der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung und somit extrabudgetär vergütet. Eine gleichzeitige Teilnahme und Abrechnung neben den DMP-Verträgen ist möglich.

Ärzte können die Leistungen aus dem Vertrag erst dann abrechnen, wenn sie zuvor ihre Teilnahme erklärt und die Teilnahme- und Einwilligungserklärung der Patienten an die KV Nordrhein übermittelt haben.

Torsten Klüsener

Haus- und Fachärzte involviert: „Lungenvorsorge für Patienten mit chronischer Bronchitis“

Das Foto zeigt Dr. med. Sebastian Sohrab , Facharzt für Pneumologie, Allergologie, Notfallmedizin und Sportmedizin

Zur Person: Dr. med. Sebastian Sohrab ist als Facharzt für Pneumologie, Allergologie, Notfallmedizin und Sportmedizin in einer Praxisgemeinschaft in Duisburg niedergelassen. Der 55-Jährige ist unter anderem Mitglied der Vertreterversammlung der KV Nordrhein und des Beratenden Fachausschusses für die fachärztliche Versorgung sowie im Vorstand des Landesverbands Nordrhein des Berufsverbands der Pneumologen.

In den COPD-Vertrag zwischen der KV Nordrhein, der IKK classic, KHH und den Betriebs­krankenkassen sind wissenschaftliche Erkenntnisse und Wissen aus der Praxis eingeflossen. Der Pneumologe Dr. med. Sebastian Sohrab hat das Vertragskonzept begleitet.

Der Vertrag regelt die Zusammenarbeit an der Schnittstelle haus- und fachärztlicher Versorgung. Wie finden Sie die Regelung?

Die Regelung ist begrüßenswert, da Patienten in Risikokonstellation ohne Entwicklung einer COPD vollständig beim Hausarzt betreut werden können und bei Entwicklung einer COPD zur Weiterbetreuung auch der Facharzt hinzugezogen werden kann.

Wie hilft der Vertrag den betroffenen Patienten?

Ein frühzeitiges Screening ist auch bei Erkrankungen der Lunge extrem hilfreich. Wir wollen verhindern, dass Patienten eine COPD entwickeln, und wenn doch, zumindest weniger schwere Verläufe erreichen. Auch unter Belastung frei atmen zu können, das ist ein extremer Gewinn an Lebensqualität. Dazu möchten wir mit dem Vertag beitragen.

Es gibt ja schon ein Disease-Management-Programm COPD, warum ist ein weiterer Vertrag sinnvoll?

Der Vertrag setzt vor dem DMP an, nämlich zu einem Zeitpunkt, zu dem Patienten noch keine COPD entwickelt haben. Wir fokussieren in dem Vertrag auf die Risikogruppe der Patienten ab 40 Jahren mit chronischer Bronchitis und Nikotinanamnese oder beruflicher Belastung. Für sie etabliert der Vertrag eine Lungenvorsorge. Das unterstützt vor allem die Hausärzte, die diese Patienten betreuen. Sie überwachen, ob sich im Einzelfall eine COPD entwickelt, um bei Bedarf frühzeitiger intervenieren zu können.

Was haben Praxen von der Teilnahme?

Vor allem eine extrabudgetäre Vergütung für Leistungen, die bislang nicht bezahlt wurden beziehungsweise in Leistungskomplexen enthalten waren – das gilt für Haus- und Fachärzte. Bei den Hausärzten sind es die Leistungen der COPD-Prävention, die durch den Vertrag honoriert werden. Bei den Fachärzten sind es Leistungen wie die Kontrolle der Sauerstoffversorgung, für die es im Einheitlichen Bewertungsmaßstab lediglich bei der Ersteinstellung eine eigene Position gibt. Der Vertrag sieht für die halbjährliche Kontrolle eine Vergütung vor.

Das Interview führte Frank Naundorf