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Über 5000 Praxen in Nordrhein bieten Videosprechstunden an: Versorgung online sichern

08.05.2020 Honorar, KVNO aktuell, Praxisinfos

Das Coronavirus und Abrechnungserleichterungen treiben die Digitalisierung voran. Anfang des Jahres hatten knapp 50 Praxen in Nordrhein Videosprechstunden bei der KV Nordrhein gemeldet. Ende März waren es fast 400 Praxen.

Fast alle Ärzte und Psychotherapeuten dürfen Videosprechstunden unbeschränkt anbieten und abrechnen. Diese Regelung ist im Kontext der Coronavirus-Pandemie entstanden. Ausgenommen sind lediglich Laborärzte, Radiologen, Nuklearmediziner und Pathologen.

Die massive Einschränkung sozialer Kontakte soll dazu beitragen, den Anstieg der Covid-19-Erkrankungen zu reduzieren – und vor allem Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen zu schützen. Genau die sind es, die besonders häufig Praxen aufsuchen (müssen). Videosprechstunden sind eine Alternative für einige persönliche Arzt-Patienten-Kontakte – ohne Infektionsrisiko.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband haben bisherige Begrenzungsregelungen aufgehoben: Fallzahl und Leistungsmenge bei Videosprechstunden sind nicht mehr limitiert. Die Videosprechstunde ist bei allen Indikationen erlaubt – auch dann, wenn ein Patient vorher noch nicht in der Praxis war.

Stimmen aus der Praxis

Das Bild zeigt die Ärztin Felicitas Bergmann.
» Gerade am Anfang gab es technische Probleme, die mittlerweile größtenteils gelöst sind. Inhaltlich läuft die Videosprechstunde besser als gedacht. Mit etwas Kreativität kann ich auch Patienten etwas anbieten, bei denen ich das anfangs für schwierig hielt. Durch das Arbeiten im familiären Umfeld ergeben sich sogar neue Möglichkeiten. Von den Patienten wird das Angebot sehr gut angenommen. Leider können nicht alle die Videosprechstunde nutzen. Hier wäre ein höheres Telefonkontingent sehr hilfreich. «

Dipl.-Päd. Dr. phil. Felicitas Bergmann, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin aus Essen

Leistungen: Ärzte können per Videosprechstunde eine ganze Reihe von Leistungen anbieten, zum Beispiel ihren Patientinnen und Patienten die weitere Behandlung am Bildschirm erläutern oder den Heilungsprozess einer Operationswunde begutachten. Ärztliche und psychologische Psychotherapeuten dürfen alle Leistungen der Richtlinien-Psychotherapie per Videosprechstunde durchführen und abrechnen.

Um die psychotherapeutische Versorgung während der Coronavirus-Krise zu erleichtern, haben KBV und GKV-Spitzenverband zudem einige Sonderregelungen beschlossen. So dürfen Ärzte und Psychotherapeuten psychotherapeutische Sprechstunden und probatorischen Sitzungen (auch neuropsychologische Therapie) bis zum 30. Juni 2020 im Rahmen von Videosprechstunden durchführen und abrechnen.

Technik: Um Online-Videosprechstunden abzurechnen, müssen die Praxen nachweisen, dass sie einen zertifizierten Videodienstleister einsetzen. Eine Liste der zertifizierten Dienstleister finden Sie im Internet-Angebot der KBV und im Web-Angebot der KV Nordrhein.

Stimmen aus der Praxis

Das Bild zeigt den Arzt Peter Ohlert.
» Wir nutzen die Videosprechstunde bereits seit längerem, der Ansporn diese zu integrieren kam durch die Förderung des Landes. Bisher wurde dieses Angebot allerdings zurückhaltend von den Patienten angenommen – seit dem Coronavirus ist das völlig anders. Die Videosprechstunde ermöglicht es uns Hausbesuche teilweise zu vermeiden. Erfreulich ist, dass sowohl junge als auch ältere Patienten dieses Angebot mittlerweile sehr gut annehmen. «

Dr. med. Peter Ohlert, hausärztlich tätiger Internist aus Nettetal

Darüber hinaus benötigen Praxen:

  • Internetanbindung mit den für Praxen empfohlenen Firewall-Einstellungen
  • Bildschirm (Monitor/Display), Kamera, Mikrofon, Lautsprecher
  • Einwilligung des Patienten

Patienten benötigen:

  • Internetanbindung
  • PC, Tablet oder Smartphone mit Kamera, Mikrofon und Lautsprecher

Kostenfreie Angebote: Das Health Innovation Hub, der digitale Thinktank des Bundesgesundheitsministeriums, hat Anbieter zusammengestellt, die für die nächsten Monate einen kostenfreien Zugang zu ihren Lösungen anbieten.

Genehmigung: Alle Ärzte und Psychotherapeuten dürfen sofort mit der Abrechnung beginnen. Nur den Einstieg in die Videosprechstunde inklusive Zertifikat des Videodienstanbieters müssen Praxen der KV Nordrhein anzeigen. Auf eine Genehmigung braucht aber niemand zu warten, die schickt die Kassenärztliche Vereinigung den Praxen später zu.

Die ausgefüllten Formulare und Nachweise faxen oder senden Praxen an:

E-Mail
Telefax 0211 5970 33208

Stimmen aus der Praxis

Das Bild zeigt den Arzt Roland Tenbrock.
» Die Online-Beratung setze ich bereits seit vier Jahren in der Praxis ein. Meine Patienten schätzen den direkten Kontakt zu mir und ersparen sich somit Wartezeit und unnötige Wege. Das ist gerade bei Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder in ‚Corona-Zeiten‘ ein ganz wichtiger Punkt. Die Technik funktioniert losgelöst von der Praxissoftware über das Smartphone oder Tablet, nötig ist allerdings eine gute Internetverbindung. Wir achten auf alle Datenschutz-Aspekte: Deswegen läuft die Videosprechstunde nur als direkte Verbindung über einen sicheren Server in Europa. «

Dr. med. Roland Tenbrock, Orthopäde aus Düsseldorf

Abrechnung: Die Vergütung der Videosprechstunde läuft über die jeweilige Versicherten-, Grund- oder Konsiliarpauschalen. Die Pauschale nebst Zuschlägen wird in voller Höhe gezahlt, wenn im selben Quartal noch ein persönlicher Kontakt erfolgt. Findet der Kontakt ausschließlich per Video statt, werden die Pauschale und gegebenenfalls die sich darauf beziehenden Zuschläge gekürzt.

Die Abrechnung ist mit der Pseudo-Gebührenordnungsposition (GOP) 88220 zu kennzeichnen, wenn der Patient in einem Quartal ausschließlich die Videosprechstunde „aufsucht“. Die Regelung, wonach die Anzahl dieser Behandlungsfälle auf 20 Prozent aller Behandlungsfälle des Arztes oder des Psychotherapeuten beschränkt ist, ist aufgrund der Coronavirus-Pandemie für das zweite Quartal 2020 ausgesetzt.

Für Videokonferenzen gibt es verschiedene Zuschläge:

  • Der Technik-Zuschlag GOP 01450 (Bewertung: 40 Punkte/4,33 Euro) ist neben der Versicherten-, Grund- oder Konsiliarpauschale berechnungsfähig und soll die Kosten für den Videodienst abdecken. Er ist bei allen Videosprechstunden beziehungsweise Videofallkonferenzen (zum Beispiel mit Pflegekräften) anzugeben. Den Zuschlag gibt es für maximal 50 Videosprechstunden pro Arzt und Quartal. Er ist damit auf rund 200 Euro begrenzt. Die Vergütung erfolgt extrabudgetär.
  • Die GOP 01451 dient als Anschubfinanzierung (92 Punkte). Praxen erhalten den Zuschlag für bis zu 50 Videosprechstunden im Quartal. Voraussetzung ist, dass sie mindestens 15 Videosprechstunden im Quartal durchführen. Die Anschubfinanzierung gibt es noch bis 30. September 2021.

Ärzte und Psychotherapeuten können darüber hinaus bestimmte Leistungen für Gespräche, Fallkonferenzen, Fallbesprechungen und Einzelpsychotherapien abrechnen, die per Videosprechstunde erfolgen.

Die Grafik zeigt den Anstieg von Videosprechstunden in Nordrhein.

Immer mehr Videosprechstunden: Anstieg der Anmeldungen von Videosprechstunden in NRW.

Neupatienten: Auch wenn ein Patient vorher noch nie in der Praxis war, ist die Videosprechstunde abrechenbar. Das Einlesen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) ist nicht nötig: Es reicht, wenn der Patient seine eGK in die Kamera hält, damit das Praxispersonal die Identität prüfen und die notwendigen Daten (Bezeichnung der Krankenkasse; Name, Vorname und Geburtsdatum des Versicherten; Versichertenart; Postleitzahl des Wohnortes; Krankenversichertennummer) einlesen kann. Der Patient bestätigt mündlich das Bestehen des Versicherungsschutzes. Für den Authentifizierungs-Aufwand ist die GOP 01444 abrechenbar. Auch Psychotherapien können sofort per Video starten, allerdings ist es nach Auskunft der Psychotherapeutenkammer NRW nötig, dass der Patient die Einwilligung schriftlich bestätigt.

Unfallversicherung: Vertragsärzte, beteiligte Ärzte und Psychotherapeuten können Unfallverletzte nun auch per Videosprechstunde behandeln. Für diese Arzt-Patienten-Kontakte kann die Nummer 1 UV-GOÄ abgerechnet werden, wobei eine entsprechende Kennzeichnung als Videobehandlung erfolgen muss. Auch Psychotherapeuten können entsprechend der Behandlungsziffern (P-Ziffern) Videosprechstunden abrechnen. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung lässt dies bis 30. September 2020 zu.

Infos: Wenn Sie Fragen zur Videosprechstunde haben, hilft Ihnen die IT-Beratung der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein gern weiter.

Das ZTG Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen berät kostenfrei zur Nutzung der Videosprechstunde. Das ZTG hilft auch bei der Suche nach einem passenden (KBV-zertifizierten) System und steht für technisch-organisatorische Fragestellungen zur Verfügung. Das Angebot ist kostenfrei. Praxen können sich per E-Mail wenden an:

E-Mail

Frank Naundorf

 

Schmerztherapie

Schmerztherapeutische Gespräche können seit 1. April 2020 auch per Video erfolgen. Diese Möglichkeit besteht nicht nur während der Coronavirus-Pandemie, sondern dauerhaft. Die Voraussetzung zur Abrechnung der GOP 30708 für die Beratung und Erörterung und/oder Abklärung im Rahmen der Schmerztherapie wird im EBM-Abschnitt 30.7.1 entsprechend angepasst.