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Coronavirus (SARS-CoV-2): Versorgung sichern in Zeiten der Krise

20.03.2020 KVNO aktuell

Das Virus verbreitet sich schnell. Sehr schnell. Und in Deutschland vor allem in Nordrhein. Mitte März gab es bereits über 700 bestätigte Fälle in Nordrhein-Westfalen – und erste Todesopfer waren zu beklagen. Ein Ende der Pandemie ist nicht in Sicht. Die ambulante Versorgung steht vor einer sehr starken Belastungsprobe, die Praxen und die KV Nordrhein sind extrem gefordert.

„Die weitere Ausbreitung des neuartigen Coronavirus zumindest zu verlangsamen, ist derzeit eine unserer wichtigsten Aufgaben“, sagt Dr. med. Frank Bergmann, Vorsitzender der KV Nordrhein. Die Praxen arbeiten engagiert an der Eindämmung des Erregers und sichern die ambulante Versorgung auch in der Krise.

Dabei unterstützt sie die KV Nordrhein. Information und Initiativen stehen auf der Agenda des frühzeitig einberufenen KV-Krisenstabs ganz oben. Der Krisenstab koordiniert die Maßnahmen, zum Beispiel:

  • Einrichtung von Diagnosezentren damit Patienten mit entsprechender Symptomatik für Abstriche nicht Praxen und Ambulanzen aufsuchen; das erste, von der KV Nordrhein selbst betriebene Zentrum öffnete am 4. März in Erkelenz (siehe Kasten unten).
  • Für die in Kooperation mit den Gesundheitsbehörden vor Ort entstandenen Dia­gnosezentren zum Beispiel in Köln, Düsseldorf und Neuss oder für mobile Abstrich-Teams gewinnt die KVNO zusammen mit der Ärztekammer Nordrhein fortlaufend freiwillige Ärzte.
  • Ausstattung aller Notdienstpraxen mit Schutzmaterialien (35.000 FFP-Masken, 30.000 Schutzkittel und 80.000 Schutzhauben), um das Personal vor Infektionen zu schützen.
  • Der Patientenservice 11 6 11 7 bietet telefonisch, im Internet (116117.de) und in der App Informationen und Beratung zum Coronavirus an. Die Arztrufzentrale NRW, die die Anrufe entgegennimmt, hat die KVNO seit Anfang März personell aufgestockt und technisch so modifiziert, dass vorrangig Anrufer aus den besonders betroffenen Kreisen Antworten auf Fragen zum Coronavirus erhalten.
  • Die medizinische Beratung in der Arztrufzentrale übernimmt ein neu aufgestellter ärztlicher Hintergrunddienst.
  • Mit Mailings an alle Praxen, die ihre E-Mail­Adresse zur Verfügung gestellt haben, und via Twitter liefert die KVNO aktuelle Infos. Schnell und kompakt informiert die Website
  • Medizinische Fachangestellte können sich via Facebook (MFA vernetzt) informieren und Fragen an die KVNO richten.

Die Diagnosezentren spielen eine zentrale Rolle, da sie Praxen und Ambulanzen entlasten. Dafür braucht es Kooperation. „In vielen Bereichen klappt die Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Ärzten, Kliniken und Gesundheitsämtern sehr gut“, betont Bergmann. Leider seien sich aber offenbar nicht alle lokalen Gesundheitsbehörden ihrer Rolle und Verantwortung im Kontext einer Pandemie bewusst.

Das Foto zeigt einen Menschen in voller Schutzkleidung, der ein Röhrchen hochhält.

AU nach telefonischer Anamnese

Um Praxen und Patienten, vor allem Menschen mit leichten Erkrankungen der oberen Atemwege, zu schützen, hat sich die KVNO auch für eine Änderung der AU-Regelung eingesetzt. Eine Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung (AU) kann jetzt auch nach telefonischer Rücksprache für die Dauer von maximal sieben Tagen ausgestellt werden. Die Patienten können die AU per Brief erhalten. Diese Sonderregelung gilt seit dem 9. März und zunächst bis zum
6. April. Über eine möglicherweise notwendige Verlängerung wird je nach Lage entschieden.

Die AU-Sonderregelung gilt ausschließlich für Patienten mit leichten Erkrankungen der oberen Atemwege, die

  • keine schwere Symptomatik aufweisen und
  • nicht die Kriterien des Robert Koch-Instituts (RKI) für einen Verdacht auf eine Infektion mit Covid-19 erfüllen.

Patienten mit Verdacht auf eine Coronavirus-Infektion sind von dieser Regelung ausgenommen. Sie sollen möglichst auf das Virus getestet werden, mit dem Ziel, die Infektionsketten zu unterbrechen.

Zur Abrechnung: Bei bekannten Patienten gilt das übliche Verfahren. Findet ausschließlich ein telefonischer Kontakt statt, übernehmen Ärzte die Versichertendaten aus der Patienten­akte. Wenn ein Patient in dem Quartal nicht in der Praxis war, rechnen Ärzte die Gebührenordnungsposition (GOP) 01435 ab. Bei neuen Patienten müssen die Praxen zudem die Versichertendaten abfragen und händisch einpflegen. Auch das Porto wird erstattet: Zur Übersendung des „gelben Scheins“ an den Versicherten ist die GOP 40122 berechnungsfähig.

Leichte Fälle ambulant versorgen

Das RKI hat seine Empfehlungen zu Verdachtsabklärung und Maßnahmen im Zusammenhang mit der Infektion durch das Coronavirus aktualisiert. Danach können Patienten mit einer leichten Covid-19-Erkrankung auch ambulant versorgt werden. Ursprünglich sollten Patienten mit einem positiven Laborbefund stationär behandelt werden.

Das RKI hat außerdem seine Empfehlungen zu Hygienemaßnahmen im Rahmen der Behandlung von Covid-19-Patienten angepasst. In Praxen soll sich das Tragen einer persönlichen Schutzausrüstung „an Art und Umfang der Exposition“ orientieren. Bei Maßnahmen, die Tröpfchen und Aerosole freisetzen, empfiehlt das RKI das Tragen einer FFP2-Atemschutzmaske.

Schutzmaterialien und Desinfektionsmittel sind nur sehr eingeschränkt verfügbar. Die Materialien, die die KVNO angeschafft hat, konnten bis Drucklegung dieser Ausgabe ausschließlich an die 77 Notdienstpraxen sowie an Praxen in besonders betroffenen Gebieten ausgegeben werden. „Wir versuchen weiterhin, unsere Bestände aufzustocken, um mehr Praxen ausstatten zu können. Dabei stehen wir in engem Austausch mit dem Land“, berichtet Bergmann.

Unterdessen haben die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der GKV-Spitzenverband eine bis zum 10. Juni „befristete Vereinbarung über die Ausstattung der Vertragsärzte mit zentral beschaffter Schutzausrüstung“ geschlossen, um die Beschaffung, Verteilung und Finanzierung von persönlicher Schutzausrüstung zu regeln. Die Beschaffung der Schutzmaterialien (Mund-Nasen-Schutz, FFP2- und FFP3-Masken, Einmalschutzkittel, Schutzbrillen) soll über das Bundesbeschaffungsamt erfolgen. Die Finanzierung übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen. Wenn über diesen Weg Schutzmaterialien in Nordrhein zur Verfügung stehen, informiert die KVNO via Mailings und auf coronavirus.nrw

Extrabudgetäre Vergütung

Alle ärztlichen Leistungen, die aufgrund des klinischen Verdachts auf eine Infektion oder einer nachgewiesenen Infektion mit dem Coronavirus erforderlich sind, werden seit 1. Februar in voller Höhe extrabudgetär bezahlt. Wichtig für die Abrechnung ist, dass die Ärzte alle diese Fälle mit der Ziffer 88240 kennzeichnen. Dies gilt auch, wenn der Patient durch die Terminservicestelle vermittelt wurde.

In den meisten Fällen verläuft die Covid-19-Erkrankung bisher zum Glück relativ harmlos. Aber die Zahl der Infizierten steigt schnell. Der Krisenstab des Bundesinnenministeriums und des Bundesgesundheitsministeriums hat deshalb unter anderem empfohlen, auf Großveranstaltungen zu verzichten. Bergmann: „Die Situation ist ernst und wird es voraussichtlich noch länger bleiben. Aber es besteht kein Grund zur Panik.“

Frank Naundorf

 

Heinsberg zwischen Karneval und Krise

Auf der Kappensitzung am 15. Februar 2020 in Gangelt war die Stimmung ausgelassen – zwei Wochen später herrscht Tristesse ganz im Westen des Rheinlands. Die Karnevalssitzung ist inzwischen als Ursprung der Infektionswelle in Deutschland ausgemacht.

Die meisten der im Februar bestätigten Covid-19-Fälle hatten an der Veranstaltung im Kreis Heinsberg teilgenommen und das Virus verbreitet. Kita- und Schulschließungen folgten, 1000 Menschen standen zeitweilig unter Quarantäne. Auch im März gab es die meisten positiv Getesteten in Heinsberg, einen der ersten Todesfälle in Deutschland.

Die Praxen vor Ort standen unter einem enormen Druck. „Wir wurden förmlich überrannt“, berichtet Michaela Funken, die eine Hausarztpraxis in Selfkant-Schalbruch betreibt. Allein um Abstriche durchzuführen, machte die Fachärztin für Allgemeinmedizin an manchen Tagen bis zu 40 Hausbesuche – zusätzlich zur Arbeit in der Praxis. Eine extrem harte Zeit für die 40-Jährige: „Die Patienten waren in Panik, wir wurden wirklich gebraucht.“ Erschwerend kam hinzu, dass mehrere Praxen im Kreis aufgrund der Quarantäne-Bestimmungen vorübergehend geschlossen bleiben mussten.

Das Foto zeigt mehrere Menschen auf einem Gruppenbild.

Heidrun Schößler, Leiterin des Gesundheitsamts des Kreises Heinsberg, Landrat Stephan Pusch, KVNO-Vorstandsvorsitzender Dr. med. Frank Bergmann und Dr. med. Friedrich Hölzl, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am Hermann-Josef-Krankenhaus (v. l.) vor der mobilen Arztpraxis in Erkelenz

Um die Versorgung zu stabilisieren, hat die KVNO am 4. März 2020 zusammen mit dem Hermann-Josef-Krankenhaus in Erkelenz eine mobile Arztpraxis als Diagnosezentrum für Patienten mit Verdacht auf eine Coronainfektion errichtet. Die Station befindet sich in der West-Promenade im Willy-Stein-Stadion. Mitte März wurden in der mobilen Praxis rund 60 Abstriche pro Tag durchgeführt, Tendenz steigend. Ein weiteres Zentrum entstand in Gangelt, wo das Deutsche Rote Kreuz zudem eine mobile Praxis errichtet, um Patienten mit Erkältungssymptomen zu behandeln. „Diese Praxis und vor allem die Diagnosezentren haben uns wirklich entlastet“, sagt Funken.

Um die Versorgung im Kreis aufrechtzuerhalten, stattet die KVNO die Praxen vor Ort mit Schutzmaterialien aus. Diese zu erwerben, war und ist allerdings ein kleines Kunststück, weil der Markt leergefegt ist. Es ist gelungen. Dennoch bleibt die Situation angespannt – und eine ausgelassene Stimmung ist derzeit schwer vorstellbar.