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Misshandlungen von Kindern früh erkennen

13.06.2019 Pressemitteilungen

KVNO-Chef Bergmann warnte auf einer Pressekonferenz der  Stiftung „Deutsches Forum Kinderzukunft“ vor Spätfolgen. Die Stiftung engagiert sich seit zehn Jahren in der Vorbeugung von Kindeswohlgefährdungen.

Rund 55.000 Kinder erleiden in Deutschland bis zu ihrem sechsten Lebensjahr Gewalt. In bis zu 80 Prozent der Fälle könnte man Gefährdungen bereits um den Zeitpunkt der Geburt herum erkennen, wenn es denn eine Vernetzung und Kooperation von Gesundheitswesen und Jugendhilfe gäbe. Mit diesen eindrucksvollen Zahlen machte Dr. med. Wilfried Kratzsch, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsches Forum Kinderzukunft, im Rahmen einer Pressekonferenz anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Stiftung am 12. Juni deutlich, wie groß der Bedarf an Frühen Hilfen ist. „Wir fragen uns als Ärzte: Haben wir nicht auch eine Verantwortung, um Kindeswohlgefährdungen zu verhindern?“, sagte Kratzsch.

Aus dieser selbstkritischen Haltung heraus ist vor zehn Jahren die Stiftung Deutsches Forum Kinderzukunft gegründet worden. Ehrenamtliche Experten aus Medizin, Psychologie, Sozialpädagogik und des Rechtswesens haben sich zusammengeschlossen, um Familien von Anfang an unterstützen zu können. Ein von der Stiftung initiiertes Präventionsmodell zur Verhinderung von Kindesmissbrauch ist inzwischen an zwölf Geburtskliniken in zehn nordrhein-westfälischen Städten installiert. Die Erweiterung auf weitere Standorte sei geplant, sagte Kratzsch.

Spätfolgen im Erwachsenenalter

Das Bild zeigt Dr. med. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein

Dr. med. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein

Dr. med. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein und Kuratoriumsmitglied der Stiftung Deutsches Forum Kinderzukunft, verwies auf die „verheerenden“ Spätfolgen von Gewalt für die Gesundheitsentwicklung eines Kindes. „Nicht selten haben schwere psychische Persönlichkeitsstörungen wie zum Beispiel Borderline ihre Ursache in Missbrauchserfahrungen in der Kindheit“, sagte Bergmann. Inzwischen sei auch bekannt, dass schwere und chronische Schmerzstörungen ebenfalls überproportional häufig mit Gewalt und Missbrauch in der Jugend einhergehen.

Bergmann betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Interprofessionellen Qualitätszirkels (IQZ) „Frühe Hilfen“ der KV Nordrhein. Seit Herbst 2018 werden Moderatorentandems ausgebildet, die jeweils aus einem Mediziner und einem Vertreter der Kinder- und Jugendhilfe, beispielsweise des Jugendamts, bestehen. Ziel ist, dass diese Tandems regional eigene Qualitätszirkel für Frühe Hilfen gründen. „Wir wollen dazu beitragen, dass die Teilnehmer aus der Ärzteschaft und den sozialen Systemen die Arbeitsweise im jeweils anderen Bereich besser verstehen, Zuständigkeiten transparenter werden und es im Einzelfall zu einer besseren Zusammenarbeit kommt“, erklärte Bergmann. Eine erste Ausbildungsstaffel mit fünf Tandems sei bereits abgeschlossen; in Düsseldorf habe sich daraus auch bereits ein IQZ Frühe Hilfen gebildet. Die nächste Ausbildungsrunde in dem von der NRW-Landesregierung finanziell unterstützen Projekt startet im September.

Rechtliche Regelungen notwendig

Neben dem interprofessionellen Austausch sei auch der interkollegiale Austausch von Medizinern bei Gefährdungsverdacht wichtig, sagte Dr. med. Thomas Fischbach, Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Deutsches Forum Kinderzukunft und Präsident der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands e. V. auf der Pressekonferenz. Viele Familien, die vom Kinderarzt auf einen Verdacht angesprochen würden, wechselten danach zu einem anderen Arzt. Eine anonymisierte Datenbank, in der entsprechende Informationen hinterlegt werden könnten, sei eine denkbare Lösung. Fischbach wünscht sich außerdem, dass die Kooperation von Medizin und Jugendhilfe auch rechtlich sicher geregelt wird. „Die Ärzte erhalten selten Feedback, was aus ihrer Meldung eines Missbrauchsverdachts geworden ist“, sagte Fischbach. Er fordert deshalb eine Informationspflicht der Pädiater durch die Behörden und eine Vergütungsregelung für den Aufwand, den Ärzte in diesem Bereich bislang unbezahlt leisteten.

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