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Multimedikation: Herausforderung für Patienten, Ärzte und Apotheker

10.05.2019 Gesundheitstipps

Die anfängliche Abfrage von Moderator Jascha Habeck – bekannt als Sprecher im WDR 2- Mittagsmagazin – brachte ein eindeutiges Ergebnis: Wer mehr als drei Medikamente einnehme, wollte er zunächst von den überwiegend älteren Besuchern der Patientenveranstaltung zum Thema "Multimedikation" wissen. Fast alle Hände gingen hoch. Bei der Frage, wer sich denn über seine Medikamenteneinnahme gut informiert fühle, meldete sich fast niemand – die Gäste der Infoveranstaltung, zu der die KV Nordrhein und der Apothekerverband Nordrhein am 8. Mai im Haus der Ärzteschaft eingeladen hatten, wussten offenbar, warum sie gekommen waren und sparten hinterher nicht an Lob für das informative Format.

Als Referenten stellten sich KVNO-Chef Dr. Frank Bergmann, Thomas Preis, Vorstandsvorsitzender des Apothekerverbands, und Veronika Strotbaum vom Zentrum für Telematik und Telemedizin in Bochum den vielen Fragen der Zuhörer. Die Themen reichten von Wirkstoffen und Wechselwirkungen über die richtige Einnahme von Medikamenten bis hin zum "Medikationsplan", auf den Patientinnen und Patienten, die mehr als drei Wirkstoffe über einen längeren Zeitraum einnehmen müssen, seit 2017 einen Anspruch haben.

KVNO-Vorstandsvorsitzender Dr. med. Frank Bergmann, Moderator Jascha Habeck, ZTG-Referentin Veronika Strotbaum und Thomas Preis, Vorstandsvorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein (v.l.n.r.). Foto: KVNO, Schmitz

Informierten über Risiken und Nebenwirkungen von Medikamenten: KVNO-Vorstandsvorsitzender Dr. med.Frank Bergmann, Moderator Jascha Habeck, ZTG-Referentin Veronika Strotbaum und Thomas Preis, Vorstandsvorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein (v.l.n.r.).

Multimedikation als Regelfall

Bergmann wies darauf hin, dass ein solcher Plan von großem Nutzen sei, denn die Multimedikation, bei der dauerhaft fünf oder mehr Arzneimittel eingenommen werden, sei nicht zuletzt aufgrund der alternden Gesellschaft zunehmend die Regel. "Ab dem 60. Lebensjahr sind drei Medikamente oder mehr der Durchschnitt, und viele wissen gar nicht mehr, wofür oder wogegen sie etwas einnehmen." Der KVNO-Vorsitzende machte deutlich, welche Probleme daraus entstehen können, selbst bei richtiger, leitlinienkonformer Medikation. Denn es fehlt oft an Kommunikation zwischen Ärzten oder Arzt und Patient – und manchmal entstehen durch eine Folge von Erkrankungen oder Unfälle Behandlungskaskaden, die unerwünschte Nebenwirkungen von Medikamenten hervorrufen oder deren Wirksamkeit beeinträchtigen. "Vieles davon wäre vermeidbar, wenn mehr Informationen vorlägen oder sich Ärzte zum Beispiel in Pflegeheimen häufiger fragen würden, welche Medikamente es nicht mehr braucht." Medizin einfach abzusetzen, weil man Beschwerden nicht mehr wahrnehme, sei keine gute Idee, sonst drohe ein "Rebound-Effekt", bei dem die ursprünglichen Probleme wiederkehrten. "Der Körper gewöhnt sich an die Substanzen." Bergmann warb für den Medikationsplan und den künftigen Datenaustausch via elektronischer Gesundheitskarte, auf der der Plan gespeichert werden soll.

Risiken und Nebenwirkungen

Wie komplex das Thema Multimedikation auch für Apotheker ist, verriet Thomas Preis, Eigentümer der Alpha Apotheke in Köln. Er ging auf Wechselwirkungen von Substanzen sowie das Zusammenspiel von Medikamenten und Nahrung ein und gab praktische Hinweise zum Aufbewahren und Teilen von Tabletten. Die meist gestellte Frage in der Apotheke sei, wie man das Medikament einnehmen solle. Eine der wichtigsten Botschaften laute: "Nehmen sie Medikamente stets aufrecht sitzend oder stehend ein – und am besten mit Leitungswasser", sagte Preis. Eine weitere Frage laute: "Vertragen sich die Medikamente untereinander?" Was Wechselwirkungen betrifft, so könne der Apotheker mit einer Software vor Ort sofort checken, ob es Kollisionen gebe – und entsprechend reagieren. Typisch seien Wechselwirkungen bei der Kombination von Antidepressiva und Antibiotika oder Cholesterinsenkern und Antibiotika. Preis mahnte jedoch zur Gelassenheit: "Nur sehr wenige Wechselwirkungen sind gefährlich. Aus Sorge davor sollte kein Medikament ohne Rücksprache mit Arzt oder Apotheker abgesetzt werden." Jedes achte Medikament zeige auch Wechselwirkungen mit der Nahrungsaufnahme. So sollten Schmerzmittel oder Antibiotika nicht nüchtern eingenommen werden, sondern nur zum oder nach dem Essen. Das Schilddrüsenhormon "L-Thyroxin" vertrage sich nicht mit Sojaprodukten. Und Antibiotika sollten nicht mit Mineralien wie Calcium eingenommen werden, die auch im Mineralwasser enthalten sind.

Wie Technik dabei helfen kann, Medikamente richtig und ohne unerwünschte Effekte einzunehmen, zeigte ZTG-Referentin Valerie Strotbaum am Beispiel diverser Gesundheits-Apps, die nicht nur für Technik-Experten taugen. "Die Digitalisierung kann helfen, denn es ist schwierig, den Überblick zu behalten." Wichtig sei, vertrauenswürdige Apps zu wählen, die keine Daten an Dritte übertragen und nachvollziehbare Datenschutz-Bestimmungen vorweisen. Für die Auswahl gibt es Hilfe etwa bei Verbraucher- und Patientenorganisationen wie das "Aktionsbündnis Patientensicherheit". Im Mittelpunkt der abschließenden Diskussion stand dann wieder der Medikationsplan. KVNO-Vorstandsvorsitzender Bergmann kündigte an, bei den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten eindringlich dafür zu werben, diesen zu nutzen und anzubieten – im Sinne der Patienten und der Ärzte.

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