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Tablettenmangel in Nordrhein

13.11.2019 KVNO aktuell, Verordnungsinfos

In KVNO aktuell haben wir dazu aufgerufen, uns Lieferprobleme von Arzneimitteln zu melden. Die Verfügbarkeit aller gelisteten Arzneimittel ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Wenn einzelne Hersteller nicht mehr liefern können, haben Apotheken noch die Möglichkeit, den Wirkstoff einer anderen Firma herauszusuchen, zunehmend sind aber auch Wirkstoffe komplett nicht mehr lieferfähig.

Insgesamt wurden über 200 Einzelmeldungen zurückgespiegelt. Spitzenreiter sind das Antidepressivum Venlafaxin und die Neuroleptika Levopromethazin und Prothipenthyl (Dominal), gefolgt von den Mitteln Levetiracetam und Lamotrigin gegen Epilepsie. Aber auch Arzneien gegen Hypertonie wie Candesartan oder der Alpha-Blocker Urapidil (Ebrantil) gehören zu den am häufigsten genannten Mitteln.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) spricht von einem Lieferengpass, wenn die Auslieferung von Humanarzneimitteln über etwa zwei Wochen unterbrochen ist, etwa durch Produktionsausfälle aufgrund eines Rohstoffmangels oder durch Qualitätsprobleme. Im Rahmen des Pharmadialogs haben sich die pharmazeutischen Unternehmer verpflichtet, Lieferengpässe an das BfArM zu melden. Die Meldungen sind jedoch freiwillig. Von den aktuell 549 Meldungen zu einzelnen Wirkstoffen ist beispielsweise Venlafaxin nur acht Mal und auch nur von zwei Firmen aufgeführt (Stand 15. Oktober 2019).

Für Rückrufe von Arzneimitteln und notwendige neue Verordnungen wurde aktuell mit dem Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung eine Regelung geschaffen, mit der für Patienten keine erneuten Zuzahlungen anfallen und die Kosten bei den Praxen nicht in das Arzneimittelvolumen gerechnet werden.

Das Foto zeigt eine Apothekerin, die einen Kunden bedient.

Ist das verordnete Medikament nicht lieferbar, können Apotheker manchmal ein anderes Präparat mit gleichem Wirkstoff ausgeben.

Wenn aber beispielsweise von Venlafaxin-Generika auf Trevilor ausgewichen werden muss, können für Patienten Mehrkosten von bis zu 150 Euro anfallen. Auch gehen die Kosten in das Arzneimittelvolumen der Praxis ein (jedoch ohne die Mehrkosten für den Patienten). Nur die Generikaquote der Praxis wird nicht beeinflusst, weil beispielsweise das „Altoriginal“ Trevilor, für das kein Patentschutz mehr besteht, als Generikum gewertet wird.

„Patienten, Ärzte und Apotheken brauchen Klarheit, ob und wann Arzneimittel verfügbar sind“, fordert KVNO-Chef Dr. med. Frank Bergmann. Wenn beispielsweise Patienten mit Depressionen oder Epilepsie umgestellt werden müssen, so ist dies mit erhöhtem Aufwand für die Praxen, aber auch mit erhöhten Risiken für die Patienten verbunden. Daher sollte klar kommuniziert werden, wann Lieferengpässe bei Arzneimitteln seitens der Hersteller bestehen. Eine freiwillige Selbstverpflichtung zur Meldung an das Paul-Ehrlich-Institut ist derzeit nicht ausreichend.

Wann Arzneimittel ausgetauscht werden:

  • Ein Rabattarzneimittel ist nicht lieferbar. Die Apotheke kann auf eines der vier preiswertesten Arzneimittel mit gleicher Wirkstärke, Darreichungsform und Packungsgröße ausweichen, jedoch darf es nicht teurer sein als das verordnete Arzneimittel (Preisanker). Wenn die Apotheke auf ein teureres Arzneimittel ausweichen muss, muss sie diesen Sonderfall dokumentieren.
  • Wenn die Apotheke nur eine andere Wirkstärke liefern kann (etwa 8 mg Candesartan statt 16 mg), muss ein neues Rezept ausgestellt werden.
  • Wenn ein Präparat mit einem Wirkstoff der Substitutionsaustauschliste verordnet wurde, muss bei Nicht-Lieferfähigkeit ein neues Rezept ausgestellt werden, auch wenn eine Alternative mit gleicher Wirkstärke, Darreichungsform und Packungsgröße verfügbar ist. Auf der Substitutionsaustauschliste stehen 15 Wirkstoffe. Beispiele sind Levothyroxin, Phenprocoumon, Ciclosporin und Tacrolimus.