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Software SmED in Nordrhein bereits im Einsatz: IT hilft bei Einschätzung

13.11.2019 KVNO aktuell, Praxisinfos

Nach einem Wespenstich breiten sich rote Flecken auf dem Arm eines 64-Jährigen aus. Was tun? Es ist Sonntag, die Praxen geschlossen. Der Mann ruft die Arztrufzentrale (ARZ) in Duisburg an. Der Disponent am Ende der Leitung muss herausfinden, wie dringlich die Behandlung ist? Das ist im Notfalldienst am Anfang die wichtigste Frage. Auf die gibt es nun eine zielgenaue Antwort – mithilfe der Software namens SmED.

Die Abkürzung SmED steht für „Strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland“. Das ist ein wenig irreführend, denn ursprünglich stammt die Software aus der Schweiz. Dort existiert seit Jahren ein softwaregestütztes System, mit dem die Ersteinschätzung von Patienten vorgenommen wird.

In Nordrhein im Einsatz

Seit April testet die Arztrufzentrale (ARZ) in Duisburg den SmED-Einsatz, seit Juni auch in zwei nordrheinischen Notdienstpraxen. Ab kommendem Jahr soll auf Basis des Systems bei allen Anrufern der 11 6 11 7 entschieden werden, wo sie am besten behandelt werden. Und es soll künftig auch eine Selbsteinschätzungsversion für die Patienten zur Verfügung stehen.

Das Foto zeigt den Empfangstresen einer Notaufnahme.

Die Software SmEd hilft bei der Ersteinschätzung im Notfall.

„SmED kann zum wesentlichen Steuerungsinstrument im Gesundheitswesen werden“, glaubt Dr. Dominik von Stillfried, Geschäftsführer des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi). Wenn alles gut läuft, könnten Patienten Ende 2020 via Smartphone-App oder PC auf Basis des Systems besser einschätzen, wie dringlich eine Behandlung ist. Dabei liegen die Betroffenen derzeit oft falsch: Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) muss nur etwa die Hälfte derjenigen, die selbst in eine Krankenhaus-Notaufnahme gehen, aus medizinischer Sicht dort behandelt werden.

Stillfried hofft, dass SmED ein Mittel ist, den Verdachtsdiagnosen, die Google und Co. auswerfen, ein besseres System entgegenzustellen. Die Software soll so auch dazu beitragen, die Notaufnahmen der Krankenhäuser von unechten Notfällen zu entlasten. Bevor Patienten eine Unterstützung via App erhalten, soll SmED in den Händen medizinischer Profis gute Dienste leisten.

Mehr als Triage

Das funktioniert im Prinzip so: Wendet sich ein Patient mit Beschwerden an die 11 6 11 7, leitet der Mitarbeiter in der Arztrufzentrale oder Notdienstpraxis den Patienten mithilfe der Software durch einen strukturierten Fragenkatalog. Dabei erkundigt er sich nicht nur nach den allgemeinen Patientendaten und den aktuellen Beschwerden, sondern auch nach chronischen Krankheiten, Vorerkrankungen und Medikation. Nach wenigen Minuten steht eine erste Einschätzung der Dringlichkeit des Falles fest.

Die Grafik zeigt die Resultate der Ersteinschätzung.
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SmED-Einschätzung funktioniert

Die Arztrufzentrale führt seit April 2019 Ersteinschätzungen mit SmED durch. Im Juli und August waren es jeweils über 5000 pro Monat. Die Ergebnisse erhalten die Ärzte im Hausbesuchsdienst. Die Tabelle zeigt die Resultate der Ersteinschätzungen.

Eine Diagnose liefert die Software nicht. Auf Basis der erhobenen Daten sprechen die medizinisch qualifizierten Mitarbeiter der Arztrufzentrale oder am Tresen der Notfalldienstpraxis Empfehlungen zur weiteren Behandlung aus, also etwa „sofort ins Krankenhaus“, „Termin beim niedergelassenen Arzt reicht aus“ oder „Hausmittel verschaffen Linderung“. SmED steuert so auf Basis medizinischer Kriterien in die Notaufnahme oder in die Notdienstpraxis.

Das System leistet somit mehr als ein reines Triagesystem. Es bietet darüber hinaus eine klare und nachvollziehbare Dokumentation der Entscheidung, ob ein Patient an die behandelnden Ärzte in der Notdienstpraxis oder ins Krankenhaus übergeben wird – oder der Besuch einer Praxis zum Beispiel am kommenden Tag reicht. „SmED ist ein wichtiger Baustein für eine bessere Patientensteuerung. Wir wollen den Patienten mit der Nummer 11 6 11 7 eine rund um die Uhr erreichbare Anlaufstelle bei akuten Beschwerden bieten und zugleich sicherstellen, dass möglichst viele von ihnen auch am richtigen Ort adäquat versorgt werden“, sagt Dr. med. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein.

In die Entwicklung des Systems für die Anwendung in Deutschland hat das Zi viel Sachverstand involviert. Im medizinischen Beirat saßen Vertreter von niedergelassenen Haus- und Fachärzten, dem Marburger Bund, der Deutschen Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin sowie der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin.

Vor dem bundesweiten Einsatz wurde SmED auf Herz und Nieren getestet. Die Software kommt seit April 2019 im Alltag zum Einsatz: Elf Kassenärztliche Vereinigungen testeten SmED bisher. In Nordrhein sind dies neben der ARZ Duisburg die Notdienstpraxen Grevenbroich und Neuss. Der Koordinator der Praxis in Neuss, Dr. med. Wolfgang von Schreitter, findet den Einsatz „grundsätzlich gut.“ Doch es gebe noch einigen Änderungsbedarf. So koste der Einsatz von SmED mehr Zeit, etwa zehn Minuten würden das Einschätzen nun dauern. „In Hochzeiten bräuchten wir dann eine weitere MFA am Tresen.“

Ab 1. Januar 2020 setzen auch die Notdienstpraxen in Mülheim an der Ruhr und im Rhein-Maas-Klinikum in Aachen SmED am Tresen ein. Damit sammelt Nordrhein die meiste Erfahrung mit dem neuen System. Die Tests laufen noch das ganze kommende Jahr weiter. Flächendeckend kommt SmED nicht vor 2021 zum Einsatz.

Frank Naundorf

„Mehr Infos für Ärzte im Notdienst“

Die Arztrufzentrale (ARZ) in Duisburg hat im vergangenen Jahr rund 780.000 Patientenanrufe aus Nordrhein und Westfalen-Lippe angenommen. Bei vielen ist es nötig, einzuschätzen, wie dringlich eine Behandlung ist. Seit April 2019 kommt SmED dabei zum Einsatz. Dr. Michael Klein, der Leiter der ARZ, ist damit nach den ersten Erfahrungen zufrieden.

Das Foto zeigt Dr. Michael Klein, Leiter der Arztrufzentrale

Dr. Micheal Klein,
Leiter der Arztrufzentrale
Duisburg

Wie reagieren die Patienten auf das neue Verfahren?

Die Patienten reagieren überwiegend positiv und fühlen sich ernst genommen.

Wie lange dauert die Einschätzung mit SmED?

Die Gesprächsdauer variiert stark. Derzeit dauert die Aufnahme der Hausbesuche ohne SmED 4,5 Minuten und mit SmED sieben Minuten. Wir sammeln noch Erfahrungen und arbeiten daran, die Dauer zu reduzieren.

Wie aufwändig sind die SmED-Schulungen der Disponenten?

Die Ersteinweisung dauert sieben Stunden. 130 Beschäftigte der ARZ sind schon geschult, es finden laufend Coachings statt und für neu Eingestellte setzen wir auf eine rasche Einführung. Der Aufwand ist also beträchtlich.

Via SmED sammeln Sie etliche Infos, die wichtig für die behandelnden Ärzte sein können. Wie erhalten diese die Informationen?

Die Ärzte im Notdienst erhalten das Ergebnis von SmED auf dem für den jeweiligen Notdienstbezirk festgelegten Kommunikationsweg, also telefonisch, per Fax oder per SMS. Die Übermittlung an die Notdienstpraxen erfolgt noch nicht. Wenn die KV Nordrhein in die Telematikinfrastruktur eingestiegen ist, könnten die Daten auch direkt in die Praxisverwaltungssysteme eingespeist werden. Die Weichen dafür werden zurzeit gestellt.

Die Fragen stellte Frank Naundorf.