Logo der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein

Navigation

Praxisabgabe: „Würde wieder Einzelkämpfer werden“

05.09.2019 KVNO aktuell

Eine Anzeige in der KV-Börse brachte den Durchbruch. Nach langer Suche fand der Kaldenkirchener Hausarzt Dr. Hans Reinhard Pies einen Nachfolger für seine Praxis. Nun hat er Zeit für Familie und Hobby. Für die Niederlassung in einer Einzelpraxis würde er sich immer wieder entscheiden.

Eingerahmt von Maisfeldern und Äckern liegt Kaldenkirchen, direkt an der deutsch-niederländischen Grenze. Der nächste Ort, Tegelen, ist schon in Holland. Rund 10.000 Menschen leben hier. Viele von ihnen kennt Dr. Hans Reinhard Pies persönlich, denn 31 Jahre lang war der 68-Jährige hausärztlicher Internist in Kaldenkirchen. Zum 1. Juli 2019 hat er seine Praxis in der Spitalstraße an einen jüngeren Allgemeinmediziner abgegeben.

„Die Praxisabgabe selbst ist völlig unkompliziert gelaufen“, berichtet Pies. Bis es dazu kam, dauerte es allerdings: „Ich habe rund zwei Jahre gesucht, war auf zwei Praxisbörsentagen der KV Nordrhein in Köln, schaltete Anzeigen in der KV-Börse.“ Besonders erschreckend sei für ihn dabei gewesen, dass auf einen hausärztlichen Bewerber zehn Abgeber kommen. Die Interessenten, mit denen er gesprochen habe, wollten alle in die Stadt – nach Aachen, Köln, Düsseldorf, Essen. Ein Leben auf dem Land war für sie unvorstellbar. Kaum jemand sei bereit gewesen, sich die Praxis und ihre Umgebung auch nur anzusehen.

Dabei ist Kaldenkirchen gar nicht so fernab von städtischen Angeboten. Über die A 61 ist man in einer guten halben Stunde in Düsseldorf, nach Mönchengladbach ist es noch näher. „Es wäre also durchaus möglich gewesen, in Düsseldorf zu wohnen und in Kaldenkirchen die Praxis zu führen“, sagt Pies. Aber selbst das war offensichtlich kein Modell für jüngere Kollegen.

Das Foto zeigt Dr. Hans Reinhard Pies

Von diesem Platz aus behandelte Landarzt Dr. Hans Reinhard Pies 31 Jahre lang Patienten.

Erstkontakt über KV-Börse

Umso erleichterter ist er, dass es nun doch geklappt hat. Die Weichen für die erfolgreiche Abgabe stellte die KV-Börse. Dr. Thomas Höffner antwortete auf die Ausschreibung und wurde sich schnell mit Pies einig. Von seinen Tätigkeiten in Brüggen und Kempen war Höffner mit dem Landarztdasein bereits bestens vertraut, musste sich also nicht erst eingewöhnen, sondern konnte sofort loslegen. „Ich habe Glück gehabt. So ein nahtloser Übergang ist wohl eher die Ausnahme“, sagt Pies.

Tatsächlich gibt es Hausärzte, die weit über 70 sind, bis sie einen Nachfolger finden. Die Praxis einfach zu schließen und die Patienten sich selbst zu überlassen, kommt aber für die wenigsten infrage. Auch für Hans Reinhard Pies wäre das keine Lösung gewesen: „Hätte es jetzt mit der Übergabe nicht geklappt, dann hätte ich weitergearbeitet.“

Einzelpraxis hat noch Zukunft

Ein Grund für den Landarztmangel sieht Pies darin, dass es „zu wenig potenzielle Abnehmer gibt“. Auch die Bereitschaft zur Selbstständigkeit sei insgesamt zurückgegangen. Die zunehmende staatliche Reglementierung und Budgetierung sei für viele Nachwuchsmediziner ein „unsicheres Konzept für die Zukunft“. Die Frage, ob er sich selbst unter diesen Bedingungen noch einmal für die hausärztliche Niederlassung entscheiden würde, lässt ihn nachdenklich werden: „Ich bin als Internist zur hausärztlichen Tätigkeit gekommen. Vor 30 Jahren hatte man da das gesamte Spektrum der fachärztlichen und hausärztlichen Leistungen des Fachs Allgemeinmedizin zur Verfügung. Das würde ich auf jeden Fall wieder so machen“, sagt Pies.

Heute müsse sich der Allgemeininternist aber entscheiden, ob er sich fachärztlich oder hausärztlich niederlassen will. Eine Genehmigung zur Erbringung definierter fachärztlicher Leistungen in der hausärztlichen Praxis werde ein junger Arzt nicht mehr bekommen. „Ich denke aber schon, dass ich auch heute letztlich die hausärztliche Tätigkeit wählen würde, obwohl ich mir auch eine fachärztliche Niederlassung vorstellen könnte – vorausgesetzt, ich würde einen Arztsitz bekommen.“

Das Modell der Einzelpraxis hat für Pies indessen nicht an Attraktivität verloren: „Ich halte eine Niederlassung auch als Einzelkämpfer immer noch für reizvoll, denn sie bietet etwas, was andere ärztliche Berufskonstellationen nicht bieten: Unabhängigkeit.“ Es werde deshalb auch in zehn Jahren noch Einzelpraxen geben, ist sich Pies sicher, aber in wachsendem Maße eben auch andere Berufsformen.

Rückzug in Raten

Hans Reinhard Pies wird diese Entwicklung im Ruhestand nun etwas gelassener verfolgen können. Obwohl: So ganz abgeschlossen mit dem Berufsleben hat er noch nicht. „Es fühlt sich derzeit noch ein bisschen wie Urlaub an“, sagt er schmunzelnd. Den Schlüssel zur Praxis hat er noch in der Tasche, und auch berufspolitisch will er noch aktiv bleiben.

Pies ist ein großer Verfechter der ärztlichen Selbstverwaltung: 20 Jahre lang war er Mitglied der Vertreterversammlung, unter anderem im HVM-Ausschuss und im Hauptausschuss, außerdem im Beratenden Fachausschuss für die hausärztliche Versorgung der KBV. Seinen Posten als Vorsitzender des Landesverbandes Nordrhein im Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) möchte er auf jeden Fall erst einmal weiter ausüben. Dennoch freut er sich, dass er ab jetzt mehr Zeit für seine Familie hat – und fürs Golfspielen, das er erst vor Kurzem angefangen hat.

Thomas Lillig