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Erfolgreiche Neurologie-Nachfolge: Das Wissen der Niedergelassenen

05.09.2019 KVNO aktuell

Jetzt kann Dr. Hildegard Schain endlich tanzen: Nach 32 Jahren hat die Neurologin und Psychiaterin nicht nur ihre neurologisch-psychiatrische Praxis an einen Nachfolger übergeben, der gut in das Dürener Ärztezentrum passt, sondern auch in einer mehr als einjährigen Übergangszeit das Wissen vermittelt, das sie sich in der ambulanten Versorgung in Jahrzehnten aneignete.

Ihre jetzige Zufriedenheit hat sich die 65-Jährige erarbeitet – wobei sie nicht nur ihre Interessen im Blick hatte: „Ich wollte vor allem meine Patienten und mein Praxispersonal in guten Händen wissen.“ Deswegen kam für sie eine Management-Gesellschaft oder ein Medizinisches Versorgungszentrum als Abnehmer nicht infrage.

Der Gedanke auszusteigen konkretisierte sich Ende 2016: „Ich hatte meiner Familie versprochen, mit 65 aufzuhören.“ Zunächst prüfte Hildegard Schain über die KV-Börse, ein Online-Angebot der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, ob jemand an ihrer Praxis interessiert sein könnte. Da war aber nicht der Richtige dabei.

Das Foto zeigt Dr. Hildegard Schain

Dr. Hildegard Schain genießt die Stunden in der Praxis – aber nun auch Freizeit im Alltag.

Doch schon im Mai 2017 traf sie auf ihren Nachfolger, und zwar auf dem Praxisbörsentag der KV Nordrhein. „Das ist eine tolle Einrichtung, ich bin mit mehreren jungen Kollegen direkt ins Gespräch gekommen, darunter auch mit Herrn Würtz, der im Krankenhaus arbeitete und die Niederlassung als ernsthafte Alternative sah.“ Dabei hatte sie zunächst gar keine Lust gehabt, nach Düsseldorf zu fahren. „Meine Tochter, die in der Landeshauptstadt lebt, hat mich überredet, danach mit ihr einen Tochter-Mutter-Tag zu machen.“

Ambulante Krankheitsbilder

Bereits am 1. Oktober 2017 startete Dimitri Würtz als Vollzeit-Angestellter im Job-Sharing in der Praxis. So konnte der 41-Jährige nach und nach in diese Tätigkeit hineinwachsen. Dazu gehörte auch, sich mit Krankheitsbildern zu beschäftigten, die Ärztinnen und Ärzte in der Klinik aus einem anderen Blickwinkel sehen. So saßen Schain und Würtz oft abends nach der Sprechstunde zusammen und sprachen über Erbkrankheiten, Differentialdiagnosen der Polyneuropathien oder Fahrtauglichkeit nach Schlaganfall. „Auch die differentialdiagnostischen Feinheiten von Tremorstörungen oder Vertigo sind eine Spezialität der ambulanten Neurologie.“ Die große Herausforderung ist, mit begrenzten diagnostischen Ressourcen und Zeit pro Patient eine gute Medizin zu machen.

Zeit verwendeten die beiden zudem, um pharmakologische Fragestellungen zu erörtern, vor allem auf psychiatrischem Fachgebiet: „Wir müssen in der Praxis schließlich die gesamte Medikation unserer Patienten im Blick haben und deswegen sehr auf Interaktionen achten“, sagt die Neurologin. Dazu kämen dann noch die Vorgaben verschiedenster Richtlinien. Diese spielen auch bei der Heilmittelverordnung eine bedeutende Rolle.

Auch musste der jüngere Kollege die Feinheiten um die Indikation von Einweisungen mit prästationärer Diagnostik kennenlernen sowie die rechtlichen Grundlagen, zum Beispiel zur Arbeitsunfähigkeit. Ganz entscheidend bei der Einarbeitung war es, die Antwort auf die Frage zu finden, ob er hier am rechten Platz in seinem Beruf sei.

Für die Freiberuflichkeit

So wichtig der fachliche Austausch war - das Arbeiten über einen Zeitraum von 15 Monaten auf einem einzigen Sitz sei ein finanzieller Kraftakt, so Schain. Um den zu meistern, habe sie die freien Zeitressourcen genutzt, mehr BG-Fälle und Privatpatienten zu behandeln, und zudem ihre gutachterliche Tätigkeit ausgeweitet. „Unterm Strich bleibt es aber bei einem deutlichen materiellen Verzicht des Inhabers – doch das war es mir im Interesse meiner Patienten und meiner medizinischen Fachangestellten wert.“

Mit ihrem Engagement möchte Hildegard Schain einen Anstoß geben: Die Freiberuflichkeit soll erhalten bleiben – und wenn möglich wieder größeren Raum einnehmen. „Die Medizin braucht vor allem für die Patienten wieder Kontinuität“, betont die Neurologin. Die Kassenärztliche Vereinigung sollte sich unterstützend an die Seite der Abgeber stellen. „Dies könnte man im Rahmen eines Modellprojekts umsetzen.“ Für die Einsteiger wünscht sie sich ein Coaching vor Ort, um die neue Rolle als Chef einzuüben, und eine betriebswirtschaftliche Beratung bezogen auf die Praxisschwerpunkte.

Die Übergabe ist so erfolgt, wie sie sich das vorgestellt hat: mithilfe des Steuerberaters, dank guter Chemie zwischen der Abgeberin und dem Nachfolger, für den nun auch das „geschaffene Netzwerk vor Ort“ eine große Hilfe sei. Seit Anfang 2019 ist Hildegard Schain keine Vertragsärztin mehr – aber auch noch nicht ganz raus aus der Medizin. Die obere, kleinere der beiden Praxisetagen wurde abgekoppelt; dort betreibt sie nun eine Praxis für psychiatrische und neurologische Begutachtung. An zwei oder drei Tagen der Woche ist sie vor Ort – und genießt es.

„Ich merke heute erst, wie viel wir in der Praxis gearbeitet und geleistet haben.“ Wir, das waren ihr Mann, der bis vor einem Jahr als Diplom-Psychologe in den gleichen Räumen tätig war, und eben sie selbst. „Unsere Tochter war acht Wochen alt, als ich die Praxis eröffnete. Ohne Kita, Oma oder Opa in der Nähe, ohne Mobiltelefon war ich werktags rund um die Uhr für die Patienten da. Denn 1986 gab es in Düren noch keinen kassenärztlichen Notdienst. Im Zweifel kam meine Tochter rasch mit, wenn ich zu jemandem notfallmäßig zum Hausbesuch musste.“

Nun hat Hildegard Schain auch Zeit für andere Dinge, zum Beispiel für den Garten oder ihre große Leidenschaft: das Ballett. „Endlich kann ich im Atelier für Bühnentanz regelmäßig trainieren.“ Hildegard Schain genießt es aber auch, „einfach einmal zu Hause nicht getaktet zu sein, und das ohne schlechtes Gewissen.“ Für den Zustand heute, die Kombination aus Freizeit und gutachterlicher Arbeit findet sie ein Wort: „Traumhaft.“

Frank Naundorf

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