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Von Wachtberg nach Westafrika

27.06.2019 KVNO aktuell

Als 16-Jähriger beschloss er, Hausarzt zu werden – für ihn die umfassendste Möglichkeit, Patienten zu betrachten. Das tat er dann nicht nur im beschaulichen Wachtberg bei Bonn, wo in den Reihenhäuschen die Welt scheinbar in Ordnung ist, sondern auch in Benin in Westafrika, wo Menschen in Strohhütten mit Krankheiten wie Malaria oder Cholera kämpfen. "Dort sterben 18-Jährige an einer simplen Blinddarmentzündung, weil ihre Eltern kein Geld für eine Behandlung haben und niemand krankenversichert ist", sagt Dr. med. Clemens Wagner.

Seit seinem Studium setzt sich Clemens Wagner für die Gesundheit der Menschen in Benin ein. Heute finanziert er mit einem eigens gegründeten Förderverein eine Krankenstation und reist mindestens einmal im Jahr dorthin, um die Lage zu überprüfen.

Das Foto zeigt Dr. med. Clemens Wagner; Foto: Natascha Plankermann

Dr. med. Clemens Wagner (61) arbeitet in einer Gemeinschafts-praxis für Allgemeinmedizin in Wachtberg. Der Vater von zwei Kindern ist Mitglied der Vertreter-versammlung der KV Nordrhein – und engagiert in der Afrikahilfe.

Arbeiten im Ausland, das kannte der gebürtige Koblenzer von seinem Vater, der für die UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation) von Paris aus als Historiker und Archivar unterwegs war – unter anderem im Senegal. So kam es auch, dass der Sohn Französisch lernte. Das war durchaus hilfreich, um sich zu verständigen, als Wagner während seiner Famulatur und neun Jahre später als Arzt auf Tuchfühlung mit den Problemen eines Entwicklungslandes ging. Vermittelt hatte dies der Deutsche Entwicklungsdienst, dessen Aufgabe es in Zusammenarbeit mit dem Staat Benin war, strukturelle Änderungen in die Wege zu leiten.

Improvisationstalent gefragt

Im Fall von Clemens Wagner sah das so aus, dass er als 33-Jähriger zwei Jahre lang mit einem afrikanischen Gynäkologen ein kleines Krankenhaus leitete. Es lag am Niger und dort lernte der Wachtberger, was ihm als Facharzt für Allgemeinmedizin in Deutschland nie beigebracht wurde: Darmresektionen ohne Beatmungsgerät in Angriff nehmen, "mit Ketanest-Narkose, wir mussten sicherstellen, dass der Patient noch atmete". Welcher Schnitt wie gesetzt werden sollte, das schlug Wagner manchmal im OP-Saal im Fachbuch nach. "Hat besser funktioniert, als man denkt", konstatiert der Mann mit dem grauen Wuschelkopf, der so charmant unter seinem Schnurrbart hervorlächeln kann.

Impftag in Benin; Foto: privat

Einsatz für die Gesundheit in Benin: Impftag gegen Mumps-Masern-Röteln

Er bekämpfte plötzlich auftretende Cholera- und Meningitis-Epidemien, indem verdreckte Brunnen ausgepumpt sowie spontan Impfkampagnen organisiert wurden. Und er war ein Jahr lang allein im Einsatz, weil der Beniner Arzt anderen Aufgaben nachging. "Ich hatte gutes Personal. Die Krankenschwestern konnten Blinddarmentzündungen und Leistenbrüche selbst operieren, nachdem ich es ihnen gezeigt hatte." Der Doktor brauste unterdessen mit dem Motorrad zu einer der fünf Satellitenstationen des Krankenhauses, um zu überprüfen, ob es dort noch genügend Medikamente gegen Malaria oder Antibiotika gab. "Weil nicht jeder sich diese Arzneien leisten konnte, hatten wir eine schwarze Kasse, in die Überschüsse und Spenden flossen. So konnten wir Bedürftigen helfen."

In Deutschland lernte Clemens Wagner während dieser Zeit seine Ehefrau Nicole kennen. Die Gynäkologin begleitete ihren Mann nach Westafrika, die Kinder Jan und Frederike wurden geboren – und eine Idee, wie die medizinische Versorgung zumindest im Kleinen auf solide Füße gestellt werden könnte: Ein Verein sollte die Landwirtschaft in dem Dorf Adjadji in Benin, rund 80 Kilometer von der Hauptstadt Cotonou entfernt, unterstützen. Deren Erträge sollten dann eine sogenannte Gesundheitsambulanz finanzieren.

Team der Gesundheitsambulanz; Foto: privat

Das Team der Gesundheitsambulanz

Der befreundete Beniner Arzt Germain Damassoh gründete zu diesem Zweck im Jahr 2001 eine gemeinnützige Organisation vor Ort und Wagners riefen zeitgleich ihren Verein "Agromed" in Deutschland ins Leben. Doch das Ärztepaar musste erleben, dass die Saat nicht aufging. "Eine strukturierte Planung der Landwirtschaft war vor Ort nicht möglich. Ganze Ananasernten wurden so lange nicht weitertransportiert, bis sie ungenießbar waren", seufzt der Hausarzt an seinem Schreibtisch in Wachtberg.

Krankenstation eröffnet

Doch die gute Sache nahm eine glückliche Wendung: Die Gemeinschaft des Dorfes schaltete sich ein. Sie hatte schon zuvor die Schenkung von 14 Hektar Land vermittelt und bot nun an, den Bau einer neuen Gesundheitsambulanz zu unterstützen. Deren Verwaltung wollte die inzwischen 6.000 Köpfe zählende Dorfgemeinschaft selbst in die Hand nehmen – mithilfe des Geldes aus Deutschland. Gesagt, getan, und so fließen die Spenden nun ausschließlich in die Versorgung von Patienten und die Vorsorge vor Krankheiten.

Malariabehandlung bei einem Kind; Foto: privat

Eine Malariabehandlung bei einem kleinen Patienten.

Den 25 Vereinsmitgliedern, allesamt engagierte Freunde der Wagners, ist diese Entwicklung recht. Sie reisen auch zusammen mit den Ärzten aus Wachtberg nach Benin. Dort geht es dann nicht nur darum, die Buchhaltung zu überprüfen, damit die Spendengelder richtig verwendet werden – Clemens Wagner bekommt auch Patienten vorgestellt, seine Meinung ist gefragt.

Nicole Wagner unterstützt derweil in der Gynäkologie und auch befreundete Mediziner helfen, wo sie können, wenn sie die Reise begleiten. "Nach acht Tagen geht man quasi auf dem Zahnfleisch", erzählt Wagner. Denn die Schwierigkeiten werden nicht geringer, weil die Bevölkerung ständig wächst. Obwohl Reisen in Afrika im Lauf der Jahre gefährlicher wurden: Im nächsten Jahr ist ein Jahresurlaub dort geplant – gemeinsam mit den Kindern. Sohn Jan ist inzwischen selbst auf dem Weg, Mediziner zu werden, Tochter Frederike studiert Biologie und Deutsch auf Lehramt. Sie haben sich diese Reise ausdrücklich gewünscht.

Natascha Plankermann

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