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„Meine Biografie ist Teil der NS-Geschichte“

09.05.2019 KVNO aktuell

Dr. Hartmut Traub (66) erzählt in seinem Buch „Ein Stolperstein für Benjamin“ vom Schicksal seines Onkels, der 1941 in der „Heilanstalt Hadamar“ umgebracht wurde. Dr. Heiko Schmitz sprach mit ihm über die schwierige Aufarbeitung der organisierten Euthanasie in der NS-Zeit.

Herr Dr. Traub, wie sind Sie dazu gekommen, sich so intensiv mit dem Schicksal Ihres Onkels zu beschäftigen?

Es gab einen Anstoß von außen: In meiner Heimatstadt Mülheim liefen Planungen von Schülern zur Verlegung des 100. „Stolpersteins“ zum Gedenken an Opfer der NS-Euthanasie. Daraus entstand die Idee, den Stolperstein meinem Onkel zu widmen, mit dessen Leben und Schicksal ich mich daraufhin intensiv zu beschäftigen begann – zunächst im Familienalbum und in den Tagebüchern meines Vaters. So entstand ein Sog in die Geschichte. Aber es war klar, dass mein Buch keine wissenschaftliche, sondern eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema werden würde. Denn die Beschäftigung mit dem Euthanasie-Tod meines Onkels ging mir sehr nahe. Während der Arbeit wurde meine eigene Biografie zu einem Teil der NS-Geschichte und ihrer Aufarbeitung.

Das Foto zeigt den "Stolperstein" für Benjamin Traub in Mülheim an der Ruhr.

Der „Stolperstein“ für Benjamin Traub in Mülheim an der Ruhr, verlegt am 9. November 2010.

Wie kommt es, dass selbst in den Familien das Schicksal der Euthanasie-Opfer so lange verschwiegen wurde?

Das hat verschiedene Gründe. In meiner Familie spielte deren Strenggläubigkeit eine Rolle – in einem Gedicht über seine vier Söhne bezeichnete mein Großvater die Krankheit seines Sohnes Benjamin als „Besessenheit“. Er sah ihn als ein Opfer dunkler Mächte. Dazu kam die Entfremdungspolitik der Nationalsozialisten, die den Kontakt der Familien zu den teilweise weit entfernt untergebrachten Angehörigen erschwerte und die Wege zu den Aufenthaltsorten bis hin zu den Zielanstalten verschleierte. Mein Onkel war ein Jahr lang ohne Wissen seiner Eltern in Weilmünster untergebracht – er war kräftig und konnte arbeiten –, ehe er nach Hadamar kam. Nach 1945 wurde das Geschehen lange nicht aufgearbeitet, erst nach Jahrzehnten wurden die Euthanasie-Opfer als Opfer der NS-Ideologie anerkannt. Vor dem Hintergrund der politisch und gesellschaftlich unterdrückten Diskussion zu diesem Thema war es für die Familien schwierig, darüber zu sprechen.

Warum ist es so wichtig, die Verbrechen der NS-Zeit an individuellen Lebensläufen sichtbar zu machen?

Es reicht nicht, sich nur theoretisch mit der NS-Zeit auseinanderzusetzen. Mitgefühl wecken sie durch exemplarische Einzelschicksale. Denken Sie etwa an den Film „Schindlers Liste“. Zu einer konkreten Biografie finden Sie einen anderen Zugang als zu Millionen Toten. Trotzdem: Das Schicksal meines Onkels war eines von 300.000 Euthanasie-Opfern.

Das Bild zeigt Benjamin Traub bei den Hausaufgaben am Küchentisch (um 1927).

Benjamin Traub bei den Hausaufgaben am Küchentisch (um 1927).

Sie schreiben vom „Wertewandel“ in der Gesellschaft – was meinen Sie?

Ich reagiere aufgrund meiner Familiengeschichte sensibel auf aktuelle Debatten, in denen der Wert des Lebens und die Würde des Menschen nach Nützlichkeitserwägungen oder eugenischen Gesichtspunkten bestimmt werden. Ein Beispiel sind für mich die Tests auf Trisomie 21, die Gesundheitsminister Spahn zur Kassenleistung machen möchte. Zwar ist unsere Gesellschaft eine andere als die in den 1930er-Jahren und reagiert stark auf ethische Fragestellungen und diskriminierende Sprache. Aber was ist, wenn die Pränataldiagnostik und -therapie noch weiter voran schreitet, sich die ökonomischen Verhältnisse verschlechtern und extreme politische Positionen weiter an Popularität gewinnen?

Woran denken Sie, wenn Sie den Titel Ihres Buches mit dem „Stolperstein“ Ihres Onkels sehen?

Als der Verlag den Vorschlag zum Titelbild machte, musste ich schlucken. Das Motiv erinnerte mich an die finstersten Stunden meiner Recherche im Keller von Hadamar, wo ich die maschinell organisierte Ermordung von mehr als 10.000 Menschen plastisch vor Augen geführt bekam. Die Stolperstein-Idee ist wichtig, weil sie vor allem auch junge Menschen mit lokaler Geschichte konfrontiert und so biografische Bezüge herstellt. Zur pädagogischen Arbeit mit Stolpersteinen braucht es allerdings Engagement und Mut, denn die Stolpersteine finden ja nicht nur Beifall.

Dr. Heiko Schmitz führte das Gespräch.

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