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DGPPN-Wanderausstellung: Raum und Zeit für Erinnerung

09.05.2019 KVNO aktuell

Vom 12. März bis zum 15. April 2019 war im Düsseldorfer Haus der Ärzteschaft die Wanderausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ zu sehen, die von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGGPN) auf den Weg gebracht worden ist. Hochkarätige Veranstaltungen und Vorträge bildeten das Begleitprogramm.

„Die Ausstellung und die Veranstaltungen, die wir in diesem Kontext organisiert haben, bringen den Willen zum Ausdruck, sich der Vergangenheit zu stellen – und die Verwicklung und Beteiligung von Ärzten und Therapeuten an den Verbrechen der NS-Zeit zu erforschen.“ Dieses Resümee zog KVNO-Chef Dr. med. Frank Bergmann bei der Eröffnung der Abschlussveranstaltung zur Ausstellung. „Das Echo auf die Ausstellung war groß, auch in den vergangenen Wochen hat sie viel Aufmerksamkeit erfahren. Die Besucher und Gäste unseres Hauses haben sich zumeist stumm oder kopfschüttelnd mit ihr beschäftigt.“

Bergmann, selbst Psychiater und Neurologe, sprach auch über seine persönliche Betroffenheit. „Auf die Frage, wie es zum tausendfachen, organisierten und keinesfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindenden Mord an kranken und behinderten Menschen kommen konnte, hat eine banale Antwort: Es konnte geschehen, weil sich auch Ärzte in zu vielen Fällen daran beteiligt haben.“ Er verwies auf das Vorhaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zur Erforschung der Rolle ihrer Vorgängerorganisation, der „Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands“, und ihrer Protagonisten während der Zeit des Nationalsozialismus. „Ich bin dankbar dafür, dass wir dieses viel zu lange vergessene und verdrängte Thema endlich systematisch erforschen.“

Das Bild zeigt Besucher der DGPPN-Wanderausstellung

Schattenspiel: Besonders eindrucksvoll wirkt die Ausstellung mit Beleuchtung in der dunklen Warmhalle. Noch lange nach dem Ende der Eröffnungsveranstaltung ließen die Besucher Texte und Bilder auf sich wirken.

Raum und Zeit für Erinnerung

Die KV Nordrhein eröffnete die Ausstellung am 12. März 2019 mit einer Vortragsveranstaltung. Prof. Frank Schneider, ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Uniklinik Düsseldorf, zugleich Initiator der Ausstellung, führte die Zuhörer in das Thema und die Genese der Wanderausstellung ein. „Die Ausstellung wurde erstmals 2014 im Deutschen Bundestag unter Schirmherrschaft von Bundespräsident Joachim Gauck a. D. eröffnet und war seither national und international an mehr als 48 Orten zu sehen“, sagte Schneider. Die Wanderausstellung richtet sich gezielt an ein breites Publikum. Mehr als 350.000 Menschen haben sie inzwischen besucht. „Sie soll aufklären und informieren, aber auch einen Raum für Erinnerung schaffen. Sie erreicht mehr Menschen als eine Gedenkstätte“, so Schneider. Im Haus der Ärzteschaft kamen Hunderte Besucher hinzu – auch Schulklassen, Studierende und viele Beschäftigte, die im Haus der Ärzteschaft tätig sind.

Die Erinnerung an das Schicksal seines 1941 ermordeten Onkels Benjamin hält Dr. Hartmut Traub wach: Er erzählte bei der Eröffnung vom Leben und Sterben seines 1914 in Mülheim an der Ruhr geborenen Onkels, der in der „Landes-Heil- und Pflegeanstalt Hadamar“ am 2. April 1941 getötet wurde. „Benjamins Geschichte ist die Geschichte von zigtausend Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden, die durch eine krisenhafte Lebenssituation in das tödliche Räderwerk eines menschenverachtenden Systems gerieten, das – durch die Wahnidee von Volksgesundheit und Rassenreinheit getrieben – auf bedingungslose Anpassung und reibungsloses Funktionieren angelegt war.“

Das Foto zeigt Dr. Hartmut Traub, Neffe eines NS-Euthanasie-Opfers.

Dr. Hartmut Traub erzählte die ebenso berührende wie traurige Geschichte seines Onkels Benjamin Traub aus Mülheim an der Ruhr, der 1941 in Hadamar ermordet wurde und dessen Foto auf dem Ausstellungsplakat zu sehen ist. Sein Neffe hat das Geschehen als „Chronik einer Ermordung” genau rekonstruiert und warb um Aufmerksamkeit für „Stolpersteine”, die in Gehwege eingelassen sind und markieren, wo der Alltag vieler von den Nationalsozialisten Verfolgter endete – und ihr Leidensweg begann.

Vom Wert des Menschen

Bis zu 400.000 Menschen wurden zwischen 1933 und 1945 zwangssterilisiert, mehr als 200.000 wurden ermordet. Bei der Selektion der Patienten wurde der vermeintliche „Wert“ des Menschen zum leitenden Gesichtspunkt– und zum roten Faden der Ausstellung. Ärzte, Pflegende und Funktionäre urteilten nach Maßgabe von „Heilbarkeit“, „Bildungsfähigkeit“ oder „Arbeitsfähigkeit“ über die ihnen Anvertrauten. Dabei fand die Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung auffälliger, störender und kranker Menschen innerhalb des damaligen Anstalts- und Krankenhauswesens statt. Wie genau das ablief, erklärten Dr. Andrea Ditchen von der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf und Andreas Kinast in einem Autorengespräch am 18. März. Für sein Buch „Das Kind ist nicht abrichtfähig“ wertete Kinast Quellenmaterial zu einer ehemaligen „Kinderfachabteilung“ in Waldniel bei Mönchengladbach aus, in der ab 1941 unter strenger Geheimhaltung körperlich und geistig behinderte Kinder behandelt und viele von ihnen ermordet wurden.

Im Kontext dieses Abends bestand für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der KV Nordrhein unter anderem die Gelegenheit, an einer Führung durch die Mahn- und Gedenkstätte in der Düsseldorfer Altstadt teilzunehmen, in der Historikerin Ditchen auch die lokale Dimension des Geschehens verdeutlichte. Auch die Dauerausstellung in der Mahn- und Gedenkstätte erzählt Zeitgeschichte anhand persönlicher Schicksale von Menschen aus ganz unterschiedlichen Milieus und Gesellschaftsschichten und schafft damit eine direkte Betroffenheit beim Besucher – genau wie die DGPPN-Wanderausstellung.

Die Abschlussveranstaltung am 10. April bot einen Blick in den Stand der Forschung: Prof. Heiner Fangerau, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Uniklinik Düsseldorf, und Dr. Ulrich Prehn vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin waren die Referenten vor etwa 100 Zuhörern. Der Schwerpunkt lag auf der Psychiatrie als Disziplin und dem Wirken von Psychiatern und Nervenärzten während der NS-Zeit.

Das Foto zeigt Prof. Frank Schneider, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Uniklinik Düsseldorf, KVNO-Vize Dr. med. Carsten König, KVNO Vorstandsvorsitzender Dr. med. Frank Bergmann und Dr. Hartmut Traub, Neffe eines NS-Euthanasie-Opfers

Freuten sich über einen gelungenen Auftakt für die DGPPN-Wanderausstellung im Haus der Ärzteschaft: Initiator Prof. Frank Schneider, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Uniklinik Düsseldorf, KVNO-Vize Dr. med. Carsten König, KVNO-Vorstandsvorsitzender Dr. med. Frank Bergmann und Dr. Hartmut Traub, Neffe eines NS-Euthanasie-Opfers (von links).

Volk statt Individuum

Fangerau machte den Kontext der Verbrechen deutlich: „Die Medizin ist nicht einfach in etwas hineingefallen, sondern hat schon jahrzehntelang vorgedacht, was dann ab 1933 zur nationalsozialistischen Gesundheitspolitik wurde.“ Er beschrieb die damals viel beschworene „Krise der Medizin“, in der sich vor allem die Psychiater, deren diagnostische Möglichkeiten noch begrenzt waren, als „Parias“ einer zunehmend mechanistischen Medizin betrachteten, die bei der Chirurgie und Pathologie riesige Fortschritte machte. „Die Nationalsozialisten haben vielen Medizinern eine gewaltige Aufwertung versprochen durch eine neue, ganzheitliche Volksmedizin, in der aber nicht mehr das Individuum im Mittelpunkt stand.“

Dass die Vorstellungen der Nationalsozialisten in der Ärzteschaft Gehör fanden, zeigt die Tatsache, dass rund die Hälfte der deutschen Ärzte zu Mitgliedern der NSDAP wurden – 70 Prozent waren in NS-nahen Organisationen vertreten. Fangerau erinnerte an die schon um die Jahrhundertwende begonnenen Diskurse um Sterilisation, Eugenik und Euthanasie – bis hin zum „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 und dem Beginn der systematischen, bürokratisch durchorganisierten Ermordung von Patienten. Wie es zur Gleichschaltung der „Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands (KVD)” kam und welche Rolle die Organisation der Kassenärzte im NS-Gesundheitssystem sowohl beim Ausschluss „missliebiger“ und jüdischer Ärzte als auch im Zweiten Weltkrieg spielte, beschrieb Dr. Ulrich Prehn an Beispielen und Dokumenten. Er wird sich nun auch intensiv mit dem Archiv der KBV beschäftigen.

Dr. Heiko Schmitz