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Strukturfonds hilft in Wermelskirchen: Das i-Tüpfelchen

15.03.2019 KVNO aktuell

In Wermelskirchen rutschte der Versorgungsgrad im hausärztlichen Bereich unter 75 Prozent. Dann kam Andrea Hulverscheidt. Die Allgemeinmedizinerin macht viele Menschen froh: den Bürgermeister, ihren Chef Dr. med. Hans-Christian Meyer und vor allem die Patienten in Dhünn. Gefördert wurde die Anstellung aus dem Strukturfonds in Nordrhein.

16 Hausärztinnen und -ärzte versorgen die knapp 35.000 Menschen in Wermelskirchen. Acht Sitze sind frei – fast wären es neun gewesen. Doch mit Andrea Hulverscheidt trat zum 1. Januar 2019 eine Allgemeinmedizinerin in die Praxis von Dr. med. Hans-Christian Meyer ein und versorgt mit Patienten in Wermelskirchen und in Dhünn.

Dhünn ist ein kleiner Ortsteil von Wermelskirchen. Gut sechs Kilometer sind es von der Kirche in Dhünn bis zum Zentrum in Wermelskirchen. Zweimal täglich fährt ein Bus. Etwa 1500 Einwohner zählt Dhünn, noch einmal so viele leben in den Hofschaften rundherum. Ein Hausarzt kümmerte sich um sie alle – bis 2005 die Praxis schloss.

Praxis erhalten
Das Foto zeigt Dr. Hans-Christian Meyer, Hausarzt in Wermelskirchen

Dr. Hans-Christian Meyer (64), ist seit 1988 als Hausarzt in Wermelskirchen niedergelassen. Der Vater zweier Kinder arbeitet oft bis spät abends. Zum Entspannen hört er gern Musik: Jazz, Pop oder Klassik.

Dr. Hans-Christian Meyer und seine Schwester, die zusammen eine Hausarztpraxis betrieben, wollten die Menschen in Dhünn nicht allein lassen. Sie übernahmen den Standort als Zweigpraxis. „Viermal pro Woche haben wir dort eine Halbtagssprechstunde angeboten“, erzählt der 64-Jährige.

Doch dann verließ seine Schwester die Praxis. Allein konnte der Hausarzt den Betrieb aber nicht ewig aufrechterhalten, auch wenn die Sprechstunde zuletzt nur noch dreimal pro Woche in der Mittagszeit stattfand. Was tun? Den Standort aufgeben? Meyer musste darüber nachdenken.

Andrea Hulverscheidt befand sich in dieser Zeit in der Weiterbildung. Zunächst arbeitete sie im Krankenhaus in Wermelskirchen, dann als Weiterbildungsassistentin in einer Hausarztpraxis in Burscheid. Kurz vor Weihnachten 2017 meldete sich die Medizinerin auf der Suche nach einer Festanstellung bei Meyer.

Im Juni 2018 stieg sie als Weiterbildungsassistentin ein, im November 2018 bestand sie die Facharzt-Prüfung. Meyer stellte sie zum 1. Januar 2019 an und übernahm gleichzeitig einen zweiten Sitz. Fertig war das persönliche Erfolgs-Modell der beiden, das der Versorgung vor Ort extrem guttut.

Dhünn statt Dienste

Die Praxis in Dhünn bietet inzwischen Sprechstunden montags, dienstags und freitags von 8 bis 12 Uhr sowie am Donnerstagnachmittag. Die Arbeit in den Praxen gefällt der Mutter zweier Söhne: „Ich bin rundum glücklich. Die Arbeit erfüllt mich total.“ Besonders gut gefällt ihr, dass sie Patienten über einen langen Zeitraum betreuen kann. „Ich lerne den Menschen und sein soziales Umfeld gut kennen. Das ist wichtig für die Behandlung.“ Auch die große Bandbreite der Versorgung gefällt ihr. „Ich habe die richtige Entscheidung getroffen“, sagt Hulverscheidt.

Das Bild zeigt die Praxis von Dr. med. Hans-Christian Meyer und Andrea Hulverscheidt in Dhünn

Praxis von Dr. med. Hans-Christian Meyer und Andrea Hulverscheidt in Dhünn

Angesichts eines Versorgungsgrads von 75 Prozent mögen die Aussagen der Ärztin überraschen. Doch die Zahlen in der Bedarfsplanung sind nach Ansicht von Dr. med. Hans-Christian Meyer nur bedingt aussagekräftig. Eine Unterversorgung sieht er zumindest nicht – auch wenn es hin und wieder stressige Spitzen gebe. Eine „massive Mehrbelastung“ sei zum Beispiel 2016 oder 2017 kurzfristig eingetreten, als ein hausärztlicher Kollege verstarb. „Da kamen plötzlich 150 Patienten on top.“

Runder Tisch mit dem Bürgermeister

Inzwischen hat sich die Lage beruhigt. Jüngst versicherten Hausärzte bei einem Runden Tisch bei Bürgermeister Rainer Bleek, dass alle Patienten bei Hausärzten zeitnah einen Termin bekämen. Und nun ist schließlich auch Andrea Hulverscheidt da. „Das begrüße ich sehr“, sagt Bleek.

Das Foto zeigt Andrea Hulverscheidt, Fachärztin für Allgemeinmedizin

Andrea Hulverscheidt (49) ist in Wermelskirchen geboren. Sie studierte zuerst Oecotrophologie, arbeitete in verschiedenen Bereichen und begann 2006, Medizin zu studieren. Seit Ende 2018 ist sie Fachärztin für Allgemeinmedizin.

Die medizinische Versorgung sei ein wichtiges Thema: „Mit Vertretern der niedergelassenen Ärzte vor Ort und des Krankenhauses schauen wir genau auf die Situation.“ In den nächsten Jahren gehen viele Mediziner in Ruhestand. „Deswegen müssen wir niederlassungswilligen Ärztinnen und Ärzten attraktive Rahmenbedingungen bieten, zum Beispiel Bildungsangebote für die Kinder in allen Altersklassen bis hin zur Hochschule.“ Auch kurze Wege spielen eine Rolle: „Wer sich in Wermelskirchen niederlassen möchte, kann sich direkt an mich wenden“, so Bürgermeister Bleek.

Andrea Hulverscheidt gefällt das ambulante Arbeiten in Wermelskirchen. Die Allgemeinmedizinerin ist gekommen, um zu bleiben. „Ich kann mir vorstellen, die Praxis einmal zu übernehmen.“ Meyer scheint die Idee zu gefallen, anders ist das kleine Lächeln, das in diesem Moment über sein Gesicht huscht, kaum zu deuten.

Die Chemie stimmt. Das ist wichtig, denn die Praxis lebt Teamarbeit. Es gibt viel zu tun – und auch mit zwei Medizinern viel zu delegieren. Da das Einzugsgebiet groß ist, helfen auch zwei Entlastende Versorgungsassistentinnen (EVA), die Hausbesuche übernehmen, dabei Wunden versorgen oder Blut abnehmen. „Das würden Herr Dr. Meyer und ich allein niemals schaffen“, betont Hulverscheidt.

Strukturfonds greift

Meyer und Hulverscheidt ticken ähnlich, hier passt es. Ein Glücksfall. Dazu kommt, dass die Anstellung auch noch aus dem Strukturfonds der KV Nordrhein finanziell gefördert wurde. „Ich hatte davon bei einem Termin in der Bezirksstelle Köln gehört“, erzählt Meyer, „und während des Anstellungsprozesses danach gefragt.“ Mit Erfolg.

Die Voraussetzungen stimmten, Wermelskirchen war gerade in die Liste der Fördergebiete aufgenommen worden. Die KV förderte die Anstellung Hulverscheidts mit 70.000 Euro. „Das war natürlich das Tüpfelchen auf dem i.“ Für Meyer – und die Patienten in Wermelskirchen.

Frank Naundorf

Versorgung in Wermelskirchen

Wermelskirchen gehört nach den Kriterien der Bedarfsplanung zu den am schlechtesten versorgten Gebieten in Nordrhein, was die hausärztliche Versorgung betrifft. Ende 2018 sank der rechnerische Versorgungsgrad auf unter 75 Prozent. Ab dieser Schwelle muss eine Unterversorgung angenommen und die Versorgungssituation anhand von Versorgungsdaten genau geprüft werden.