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Zahl der Hochbetagten steigt: Der ältere Patient als komplexe Aufgabe

15.03.2019 KVNO aktuell

Was braucht es zu einer guten Versorgung der stetig wachsenden Zahl älterer Patientinnen und Patienten? Ganz sicher eine ausreichende Zahl an Hausärzten und Geriatern, in jedem Fall auch eine viel höhere Zahl an Pflegekräften als heute. Wie eine interdisziplinäre Zusammenarbeit aussehen kann, zeigte die Fachtagung der KV Nordrhein am 6. Februar 2019.

Die Herausforderung ist klar – und groß. Die Zahl der Pflegebedürftigen in Nordrhein- Westfalen hat zwischen 2009 und 2017 um 51 Prozent zugenommen, die Anzahl der sogenannten Hochbetagten über 80 wird sich in den kommenden 40 Jahren verdoppeln. „Wir werden nach Angaben des Robert Koch-Instituts hunderttausende zusätzlicher Pflegekräfte brauchen“, sagte Dr. med. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein, bei seiner Begrüßung im Haus der Ärzteschaft.

Die ambulante medizinische Versorgung übernehmen in Nordrhein die 5500 geriatrisch tätigen Hausärzte und Fachärzte mit „guter geriatrischer Kompetenz“. Künftig sind mehr Experten mit spezifischen Kenntnissen, Netzwerke und der Wille zu Kooperation und Delegation gefragt. Gleiche Erkrankungen, gestiegene Lebenserwartung „Wir müssen uns mehr in ältere Menschen hineindenken“, mahnte Hausarzt und KVNO-Vize Dr. med. Carsten König. „Wir haben heute bei gleichen Diagnosen wie vor Jahrzehnten eine viel höhere Lebenserwartung.“ Das ist eine Entwicklung, die viel über den medizinischen Fortschritt verrät – und neue Anforderungen an eine zunehmend komplexe Versorgung stellt.

Das Foto zeigt Dr. med. Carsten König, stellvertretender Vorsitzender der KVNO, Hausarzt Thomas Hermens, Dr. med. Frank Bergmann, Vorsitzender der KVNO, Hausärztin Dr. med. Viola Lenz und Dr. med. Burkhard John, Vorsitzender der KV Sachsen-Anhalt.

Referierten auf der Fachtagung: Dr. med. Carsten König, stellvertretender Vorsitzender der KVNO, Hausarzt Thomas Hermens, Dr. med. Frank Bergmann, Vorsitzender der KVNO, Hausärztin Dr. med. Viola Lenz und Dr. med. Burkhard John, Vorsitzender der KV Sachsen-Anhalt.

Wie man darauf reagieren kann, zeigte Hausarzt Dr. med. Burkhard John, Vorstandsvorsitzender der KV Sachsen-Anhalt, am Beispiel des „Zentrum für geriatrische Komplexbehandlung“ in Schönebeck bei Magdeburg. 1999 startete das Modellprojekt „AGR Senioren-Rehakomplex“, in dem Patienten eine bis zu 20-tägige geriatrische, multidisziplinäre Komplexbehandlung erhalten. „Wir wollen die Alltagskompetenz stärken. Die Menschen sollen in ihrem sozialen Umfeld und mobil bleiben.“ John rechnete vor, dass es 1200 solcher Einrichtungen in Deutschland bräuchte. Auf Basis der Kosten im Modellprojekt wären dazu 600 Millionen Euro im Jahr nötig. „Ein relativ kleiner Betrag, der viel bewirken könnte.“

Prävention ist wichtig Hausarzt Thomas Hermens betonte den Faktor Zeit bei der Behandlung älterer Patienten. Wichtig ist für den Geriater aus Wesel das geriatrische Assessment inklusive einer Selbsteinschätzung der Patienten, bei der auch die soziale Situation und Medikamente eine wichtige Rolle spielen.

„Geriatrie ist mehr als die Betreuung von Menschen in Pflegeheimen“, so Hermens. Die in den vergangenen Jahren eingeführten geriatrischen EBM-Ziffern hätten zumindest dafür gesorgt, dass das Thema bei allen Haus- und Fachärzten angekommen ist. Hermens Wunsch: ein systematischer „Gesundheitscheck 75plus“.

Hausärztin Dr. med. Viola Lenz, Gründerin des ersten geriatrischen Qualitätszirkels in Düsseldorf, berichtete über das Thema Sturzprävention beziehungsweise die Folgen von Stürzen, die häufig unterschätzt würden, gerade im psychosozialen Bereich: „Es gibt eine hohe Dunkelziffer und ein enormes Risiko für den Verlust an Selbstständigkeit.“ Die oft im häuslichen Umfeld gestürzten Patienten hätten ein 70-prozentiges Risiko, binnen eines Jahres erneut zu fallen.

Neurologe Dr. med. Uwe Meier plädierte für Interdisziplinarität, da die Hälfte bis zwei Drittel der älteren Patienten neurologische Diagnosen wie Demenz aufwiesen, die bundesweit rund 7000 Neurologen den Behandlungsbedarf aber nicht decken könnten. „Ein Demenz-Patient sollte aber zumindest einmal den Neurologen gesehen haben“, sagte Meier.

Wie sich mit begrenzten Ressourcen Fortschritte erzielen lassen, zeigte der Verweis auf das NPPV-Projekt in Nordrhein zur strukturierten neurologisch-psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung akut erkrankter Patienten. Der Schlüssel für eine bessere Versorgung sind Netzwerke, Bezugsärzte und -therapeuten sowie zusätzliche Mittel für die intensivere Betreuung.

Dr. Heiko Schmitz

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