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Elektronische Gesundheitsakten als "App" Vivy

21.09.2018 Gesundheitstipps, Praxisinfos

Das Thema "elektronische Gesundheitsakte" ist zunehmend Gegenstand von Diskussionen. Besondere Aufmerksamkeit erhält die digitale Akte "Vivy", die einige Krankenkassen ihren Versicherten anbieten. Es besteht für Ärzte keine Verpflichtung, die Daten auszuwerten oder zu nutzen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat erste Informationen zusammengestellt.

Die DAK, IKK classic und IKK Südwest sowie eine Reihe von Betriebskrankenkassen und die privaten Versicherer Allianz, Gothaer und Barmenia bieten ihren Versicherten die digitale Akte auf Basis von § 68 SGB V bereits an. In den nächsten Tagen sollen alle niedergelassenen Ärzte angeschrieben werden. Die App wurde von einem Berliner Start-up-Unternehmen entwickelt. Nach Aussage der Anbieter ist die Nutzung der App freiwillig. Versicherte können in der App nicht nur persönlich erhobene oder von den Krankenkassen bereitgestellte Daten bündeln, sondern auch Arztbriefe, Befunde oder Labordaten. Ein weiterer Mehrwert sei die elektronische Vernetzung von Patienten, Ärzten, Krankenhäusern, Laboren, Apotheken sowie Krankenkassen.

Keine Verpflichtung zur Verwendung der Daten

Kommt ein Patient mit einer Vivy-Gesundheitsakte zu einem anderen mit- oder weiterbehandelnden Arzt, besteht keine Verpflichtung, diese zum Teil umfangreichen Daten auszuwerten oder zu nutzen. Die elektronische Gesundheitsakte nach § 68 SGB V dient allein dem Informationsrecht des Patienten. Die Übermittlung von Arztbriefen, Befunden oder Labordaten aus der Praxis erfolgt per Web-Upload über einen Link. Web-Upload bedeutet, dass eine auf einem Computer bereitgestellte Datei auf einem anderen Rechner oder Server hochgeladen wird.

Ein Versand direkt aus dem Praxisverwaltungssystem wird erst möglich sein, wenn zum Beispiel die Schnittstelle von KV-Connect Mobile genutzt werden kann. Das soll ab nächstem Jahr möglich sein. Ärzte können dann einen etablierten Übertragungsweg nutzen; auch der Aufwand für die Bereitstellung der Dokumente dürfte damit sinken.

Das sollten Niedergelassene wissen

  • Die App Vivy ist eine elektronische Gesundheitsakte der Krankenkassen für Versicherte. Gesundheitsakten sind nicht gleichzusetzen mit elektronischen Patientenakten. Die Krankenkassen müssen ihren Versicherten in Zukunft elektronische Patientenakten bereitstellen (E-Health-Gesetz, § 291a Abs. 3 Nr. 4 SGB V). Für diese Akten gelten besonders hohe Sicherheitsanforderungen, und sie müssen von der gematik, der Betreibergesellschaft der Telematik-Infrastruktur, zugelassen werden. Auch hierfür soll es mobile Lösungen geben, sodass Patienten nicht nur über ihre elektronische Gesundheitskarte, sondern beispielsweise auch auf dem Smartphone ihre Daten verfügbar haben. Für Gesundheitsakten wie Vivy gelten diese strengen Zulassungsverfahren nicht; sie müssen aber konform zu den geltenden Datenschutzbestimmungen sein.
  • Ein Arzt kann die Möglichkeit einer elektronischen Gesundheitsakte wie Vivy nutzen, wenn der Patient dies ausdrücklich wünscht. Vivy informiert eigenen Angaben zufolge den Patienten darüber, wenn Ärzte einer Dokumentenanfrage nicht nachkommen oder generell nicht von Vivy kontaktiert werden wollen. Informationen zum Auskunftsrecht: Patienten haben Anspruch auf Kopien ihrer Patientenakte. Ihnen ist nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch auf Verlangen "unverzüglich" Einsicht in die vollständige Patientenakte zu gewähren. Sie können auch elektronische Abschriften von Patientenakten verlangen (§ 630 Absätze 1 und 2 BGB). Auch nach der Datenschutz-Grundverordnung besteht Anspruch auf Auskunft. Die Art der Zurverfügungstellung von Daten können aber die Ärzte bestimmen. So kann es aus Zeitgründen sinnvoll sein, auf eine Kopie zu verweisen. Auch datenschutzrechtliche Bedenken spielen eine Rolle.

Ärzte, die sich für Vivy entscheiden, sollten Folgendes beachten:

  • Sie benötigen von ihren Patienten eine Einverständniserklärung/Schweigepflichtentbindung, dass sie angeforderte Dokumente per Web-Upload an Vivy senden dürfen.
  • Der Patient wendet sich mit seinem Wunsch nach Befunddaten nicht direkt an den Arzt, sondern an einen Customer Service von Vivy. Dieser nimmt telefonisch Kontakt mit der Praxis auf und informiert diese über die Anfrage des Patienten. Dabei werden dem Arzt zwei Möglichkeiten für die Bereitstellung der Dokumente angeboten: Entweder kommt der Patient in die Praxis und übergibt dem Arzt den temporär gültigen Web-Link oder Vivy schickt die Anfrage mit dem Web-Link per E-Mail an die Praxis sowie die Einverständniserklärung/Schweigepflichtentbindung des Patienten. Nach Aussage von Vivy besteht ein hohes Sicherheitsniveau. Auch wenn die Praxis vorab telefonisch konsultiert wird, sollte der Arzt bei E-Mail-Anfragen wegen möglicher Phishing-Versuche vorsichtig sein. Im Zweifel sollten vom Patienten angeforderte Daten über einen Vivy-Link beziehungsweise QR-Code, den der Patient persönlich dem Arzt übergibt, vom Arzt versendet werden.
  • Das Bereitstellen von Kopien oder elektronischen Ausdrucken von Arztbriefen, Befunden oder Labordaten ist keine Leistung der vertragsärztlichen Versorgung. Das heißt, eine Abrechnung und Vergütung über den EBM ist nicht möglich. Allerdings hat der Patient dem Behandelnden die entstandenen Sach- und Personalkosten zu erstatten. Da die Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) dafür derzeit keine Gebührenziffer enthält, können sich Ärzte bei den Kosten für Kopien und Ausdrucke am Gerichtskostengesetz orientieren. Danach könnten 50 Cent je Dokument als angemessen betrachtet werden.
  • Der Arzt sollte wie bisher überprüfen, dass die an den Patienten herausgegebenen Unterlagen keine Rechte anderer Personen verletzen. Der Arzt verstößt nicht gegen die Schweigepflicht, wenn er dem Patienten die gewünschten Daten per Web-Upload gibt und eine Einverständniserklärung/Schweigepflichtentbindung vorliegt, unabhängig davon, ob die vom Patienten gewünschte Übermittlungsart aus Sicht des Arztes sicher oder unsicher ist. Der Patient entscheidet.

Finanzierung unklar

Die Finanzierung des ärztlichen Aufwands bei der Nutzung von elektronischen Gesundheitsakten ist nicht geklärt und mehr als unbefriedigend. Die KBV wird zur Vergütung über die GOÄ die Bundesärztekammer kontaktieren. Es gibt derzeit keine gesetzliche Vorgabe oder Vereinbarung, dass die Krankenkassen die Kosten für die Integration von Gesundheitsakten in die Praxisverwaltungssysteme tragen müssen. Nach jetzigem Stand müsste der Arzt die Kosten selbst tragen oder in Absprache mit der Krankenkasse des Patienten die Kostenerstattung klären. Anders ist das bei der elektronischen Patientenakte: Hier hat die KBV mit dem GKV-Spitzenverband Verhandlungen aufgenommen.

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