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"Atempause erzwungen – Strukturdebatte muss folgen"

05.12.2018 KVNO aktuell

Die Laborreform ist seit 1. April 2018 in Kraft. Nun liegen die Ergebnisse der Abrechnung des zweiten Quartals vor. Über diese sprachen wir mit Dr. med. Jens Wasserberg, Leiter des Arbeitsausschusses Labor der Vertreterversammlung der KV Nordrhein.

Die Laborreform sollte den Anstieg der Kosten für Laborleistungen stoppen und eine tragbare Lösung für die Finanzierung des Labornachschusses für Haus- und Fachärzte schaffen. Sind diese Ziele erreicht worden?

Die zum 1. April 2018 in Kraft getretene Laborreform hat die bisher stetig ansteigende Unterdeckung der Laborkosten zulasten der Vertragsärzteschaft zumindest vorerst gestoppt. Die Auswertungen aus dem zweiten Quartal 2018 haben gezeigt, dass in diesem Quartal die Laborkosten von dem Betrag gedeckt waren, den die Kassen dafür zur Verfügung gestellt haben. Dies war in den letzten Jahren bis auf eine Ausnahme nicht der Fall.

Allerdings ist das zweite Quartal des Jahres immer ein Quartal mit eher geringen Laborkosten, sodass sich das Augenmerk auf das Quartal 1/2019 richten muss. Dann wird sich zeigen, ob das Millionen-Defizit des Vorjahresquartales verhindert werden kann. Jedenfalls dürfte das Delta nach heutigem Stand deutlich geringer ausfallen, sodass beide Versorgungsebenen im Vergleich zum Status vor der Laborreform entlastet werden.

Das Bild zeigt Herrn Dr. med. Jens Wasserberg, Allgemeinmediziner in Bedburg.

Dr. med. Jens Wasserberg ist als Allgemeinmediziner in Bedburg niedergelassen und Mitglied der Vertreterversammlung der KV Nordrhein; er leitet den Arbeitsausschuss Labor (Foto: KVNO | Malinka).

Haben Sie einige Ergebnisse des zweiten Quartals überrascht? Was fanden Sie bemerkenswert?

Überraschend war aus meiner Sicht lediglich, dass die hochkomplizierte Umgestaltung des Laborbonus – welche in meinen Augen ohnehin eher sinnfrei war – kaum Umverteilungseffekte gebracht hat, bis auf einige wenige Fachgruppen.

Es war zu erwarten, dass das Defizit ausgeglichen werden würde, da die Absenkung der Laborvergütung um zirka 10 Prozent exakt dem Delta entsprochen hatte, das es zu kompensieren galt. Umverteilungseffekte zwischen Laborärzten und Eigenerbringern durch den Wegfall der alten Laborbudgets gab es eher weniger, aber das dürfte auch ein noch nicht abgeschlossener Prozess sein.

Auf Bundesebene wurde von der ersten Stufe der Reform gesprochen, die am 1. April 2018 in Kraft getreten ist. Sind weitere Schritte nötig?

Es ist in meinen Augen absehbar, dass die Laborkosten wieder ansteigen werden und in einigen Quartalen wieder Defizite entstehen können. Wir haben durch diesen ersten Schritt eine Atempause erzwungen, der eine Strukturdebatte folgen muss. Die Erbringung von Laborleistungen ist unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten eventuell noch optimierbar. Solange die Kassen nur ausreichend und wirtschaftlich bezahlen, solange kann es keine unbegrenzten Leistungen geben, auch nicht im Labor.

Wir haben einige kostenintensive Laborparameter identifiziert, deren Veranlassungen zuweilen extrem unterschiedlich gehandhabt werden. Wir wollen sehen, ob durch Diagnoseempfehlungen Einsparungen zu realisieren sind, die nicht die Qualität der Behandlung verringern. Ich bin durchaus optimistisch, dass es da Ansätze gibt. Ein Beispiel hierfür sind Vitaminbestimmungen, deren Kosten um zirka 1.000 Prozent gestiegen sind.

Mit welchen Fragen bzw. Herausforderungen beschäftigt sich der Arbeitsausschuss Labor in Nordrhein?

Die aktuelle Fragestellung betrifft die wirtschaftliche Erbringung von Labordiagnostik und die Möglichkeiten, möglichst ohne Qualitätsverluste die Kosten dem Geld anzupassen, das die Kassen bereitstellen. Begrenztes Geld erzwingt begrenzte Leistung.

Wie lassen sich solche Begrenzungen regeln?

Die Laborerbringung und Veranlassung ist ein sehr praxisspezifischer Prozess, der sich nicht sinnvoll zentralistisch regeln lässt. Sollte es aber eine entbehrliche Laborerbringung zulasten der Kollegenschaft geben, muss diese identifiziert und eingegrenzt werden. Dort, wo die Kollegen durch gezielte Informationen ihr Diagnoseverhalten optimieren können, steckt in meinen Augen auch ein gewisses Potenzial. Wenn die KV den Kollegen belastbare Diagnoseempfehlungen an die Hand geben kann, ist eine eventuelle Problematik mit zu optimistischen Erwartungen der Patienten eventuell einfacher zu moderieren. Dafür haben wir in der KVNO aktuell eine Serie für Labordiagnostik ins Leben gerufen.

Reicht das?

Ob dies alles ausreicht, um die Absurdität eines unbegrenzten politischen Versprechens an die Patienten einerseits und einem Budget für die Ärzteschaft andererseits zu kompensieren, darf bezweifelt werden. Die Zeiten, in denen die Ärzteschaft diesen Widerspruch durch steigende Selbstausbeutung abgefangen hat, sollten aus meiner Sicht allerdings vorbei sein.

Das Gespräch führte Frank Naundorf.