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KBV-Herbsttagung: Impulse für die Sicherstellung

14.11.2018 KVNO aktuell

Beinahe alle Top-Themen und gesundheitspolitischen Großprojekte rund um die Sicherstellung der ambulanten Versorgung kamen bei der Herbsttagung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) am 10. Oktober 2018 zur Sprache. Themen waren etwa das G-BA-Gutachten zur Bedarfsplanung, Pläne zu einer integrierten Notfallversorgung, Projekte aus dem Innovationsfonds wie NPPV in Nordrhein sowie „Intersektorale Gesundheitszentren“.

Um den Status quo und die Zukunft der Sicherstellung der ambulanten Versorgung ging es bei der zweiten Herbsttagung der KBV mit Gästen vorrangig aus dem KV-System und der Wissenschaft. Der Schwerpunkt lag auf der intersektoralen Versorgung, der integrierten Notfallversorgung und der Bedarfsplanung. Erstmals wurden öffentlich zentrale Aspekte des Gutachtens des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zur Weiterentwicklung der Bedarfsplanung vorgestellt, zu dem auch der Sachverständigenrat Gesundheit und der GKV-Spitzenverband erste Stellungnahmen abgaben. 

Unter den Referenten war auch Dr. med. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, der das nordrheinische Modell zur Verbesserung der neurologisch-psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung (NPPV) vorstellte. „Angesichts der schwierigen Ausgangslage wollen wir schwer erkrankten Patienten mit akutem Behandlungsbedarf durch eine strukturierte Versorgung einen schnelleren Zugang ins System ermöglichen“, sagte Bergmann.

Dabei gehe es vor allem um zeitintensive Erstkontakte, Vernetzung und Koordination der an der Behandlung beteiligten Ärzte und Therapeuten, IT-unterstütztes Management und mehr Kapazitäten, etwa durch Gruppenangebote. Ganz neu sei die Etablierung eines festen Bezugsarztes oder -therapeuten. „Die Patienten müssen sich nicht umstellen, werden aber besser versorgt und sind nach ersten Evaluationen sehr zufrieden mit dem Angebot“, sagte Bergmann. Die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein rechnet mit 400 bis 800 teilnehmenden Ärzten und Psychotherapeuten sowie bis zu 14.000 Patienten, die vom Projekt profitieren.

Neue Gesundheitszentren

Die KBV stellte ein neues Konzept und Gutachten zum Umbau und Erhalt kleinerer Klinikstandorte vor: Besonders in ländlichen Regionen soll es „Intersektorale Gesundheitszentren“ (IGZ) geben – ambulante Einrichtungen mit stationären Zusatzangeboten. „Wir wollen die Versorgung vor Ort erhalten und gleichzeitig Kapazitäten besser nutzen“, erklärte KBV-Vorstandsvorsitzender Dr. med. Andreas Gassen. 

Hierfür hat ein Gutachter-Team der Universität Bayreuth in einem ersten Schritt 75 „idealtypische“ Standorte in Deutschland identifiziert. „Die Zentren sollen auch über Bettenabteilungen verfügen, in denen Patienten bei Bedarf über Nacht bleiben können“, erläuterte Gassen. Hintergrund sei vor allem, dass Patienten häufig nur deshalb in Kliniken geschickt würden, weil es vor Ort kein anderes niederschwelliges Angebot der ärztlichen Überwachung und Pflege gebe. Das IGZ soll eine allgemeinmedizinische, internistische und chirurgische Grundversorgung anbieten, die modular erweitert werden kann, etwa durch Angebote wie das ambulante Operieren, verschiedene Fachgebiete sowie eine angegliederte Portalpraxis.

Versorgungslücke schließen

„Damit könnten wir den Patienten eine Alternative zum Krankenhaus bieten und die Lücke zwischen einer teuren, medizinisch nicht erforderlichen vollstationären Versorgung und dem ambulanten Pflegedienst schließen“, sagte Dr. med. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV. Um die „Intersektoralen Gesundheitszentren“ in Deutschland zu etablieren, bedarf es allerdings rechtlicher Anpassungen, zum Beispiel bei Honorierung und Bedarfsplanung: „Wenn bisher stationäre Leistungen künftig in einem IGZ ambulant erbracht werden, müssen auch die Budgets und Arztkapazitäten angepasst werden“, betonte Gassen.

Dr. Heiko Schmitz

TSVG nimmt konkrete Formen an

Das Bundeskabinett hat Anfang Oktober trotz aller Proteste der Niedergelassenen den Entwurf eines „Terminservice- und Versorgungsgesetzes“ (TSVG) beschlossen. Gegenüber dem Referentenentwurf aus dem Bundesgesundheitsministerium gab es noch 1.626 Änderungen im Detail. So soll etwa der Zuschlag für Hausärzte bei der Vermittlung eines Kassenpatienten an einen Facharzt nun mindestens fünf statt zwei Euro betragen. Der grundsätzlichen Kritik aus der Ärzteschaft wurde aber nicht Rechnung ge- tragen. Leider erkenne der Gesetzgeber das Prinzip „Mehr Geld für mehr Leistung“ nur selektiv für wenige ausdrücklich genannte Leistungen an, so KBV-Chef Dr. med. Andreas Gassen. Erweiterte Sprechstundenzeiten, die offenen Sprechstunden und ihre gesonderte Verwaltung und Abrechnung sowie die Erweiterung der Terminvermittlung durch Servicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen zögen vielmehr einen „detaillierten Regelungswahn“ nach sich.

Die KBV-Vertreterversammlung (KBV-VV) hatte überdies direkt nach Bekanntwerden des Kabinettsentwurfs einstimmig eine Resolution verabschiedet, die das Gesetz als „Angriff auf Selbstständigkeit und Freiberuflichkeit“ bezeichnet. Aufgrund der Vorgaben von Abrechnungs- und Vergütungsregeln durch die Politik sei der Entwurf „gezeichnet von einem tiefen Misstrauen und einer Missachtung des freien Berufes“.

Eine weitere Resolution wendet sich gegen einen neu aufgenommenen Paragrafen, der einen gestuften Zugang zur Psychotherapie vorsieht. Die KBV-VV fordert eine Streichung dieser Vorschrift, die neue Zugangshürden zur Psychotherapie schaffe. Sie plädiert stattdessen für eine bessere Strukturierung der Versorgung psychisch Erkrankter.