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Elektronische Patientenakten: Insellösungen zusammenbringen

14.11.2018 KVNO aktuell, Praxisinfos

Vorweg das Wichtigste: Es gibt einen Unterschied zwischen der derzeit bereits von einigen Krankenkassen veröffentlichten elektronischen Gesundheitsakte (eGA) und der von der Bundesregierung bis 2021 festgelegten Zielsetzung einer einheitlichen elektronischen Patientenakte (ePA). Die eGA ist eine patientengeführte Akte, die derzeit in Form vieler Insellösungen besteht, die ePA soll bundesweit einheitlich und arztgeführt sein. Die eGA kursiert bereits seit Oktober 2017 in Form vom AOK-Gesundheitsnetzwerk, TK-Safe und Vivy.

Die institutionsübergreifende, für alle Versicherten zugängliche elektronische Patientenakte (ePA) ist in Deutschland noch Theorie. Derzeit liegen die wichtigen medizinischen Daten noch bei den jeweiligen Einrichtungen und Leistungserbringern sowie die Abrechnungsdaten bei den Kassenärztlichen Vereinigungen und den Krankenkassen.

Das Bundesgesundheitsministerium hat sich Mitte Oktober 2018 mit Vertretern der Ärzteschaft und der Krankenkassen zusammengesetzt und über die Einführung der ePA und einheitliche Standards gesprochen. Patienten sollen in der ePA ihre Daten einsehen und jederzeit darauf zugreifen können. Zudem sollen sie selbst bestimmen, welcher Arzt oder welche Einrichtung für bestimmte Daten freigeschaltet wird.

Der vor Jahren festgesetzte Plan, alles über die elektronische Gesundheitskarte (eGK) und mithilfe von Lesegeräten und PINs laufen zu lassen, ist mittlerweile von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn als nicht mehr zeitgemäß eingestuft worden. Er fordert inzwischen die Nutzung über mobile Geräte, sprich Smartphones.

Das Bild zeigt Apps rund um ein Handy.

Zum 1. Januar 2021 soll die elektronische Patientenakte für alle Versicher ten kommen, in der nicht nur Patienten ihre Daten sehen und pflegen, sondern auch Niedergelassene und Krankenhäuser Daten hochladen können. Somit befinden sich alle Daten aus den verschiedensten Einrichtungen und Informationsquellen zusammen in einer Akte.

Standards bis Ende 2018 definiert

Nach dem Treffen im Oktober wurde in einem sogenannten „letter of intent” festgelegt, dass die Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH (Gematik) die grundlegende technische Architektur und die Schnittstellen für die ePA festlegt. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) fixieren die Formate, in denen medizinische Daten wie Laborwerte oder Röntgenaufnahmen gespeichert werden. Alle Institutionen haben bis zum Jahresende Zeit, ihre Standards zu definieren.

Bereits veröffentlichte Aktenvarianten der Krankenkassen müssen künftig entsprechend technisch angepasst werden, damit sie in die ePA eingegliedert werden können. Die Patientenakten sollen dann so zueinander passen, dass man bei einem Kassenwechsel alle Daten problemlos mitnehmen kann.

Außerdem gibt es in der ePA drei Fächer:

  • eines für medizinische Dokumentationen wie Röntgenbilder
  • ein Patientenfach für eigene erfasste Daten wie Fitnesstrackerdaten
  • ein individuelles Fach der jeweiligen Krankenversicherung; in dieses sollen die bereits entwickelten Lösungen der Krankenkassen eingebunden werden, die zum Beispiel für Bonusprogramme der Kassen genutzt werden können.

Wichtig bei der ePA ist: Die Datenhoheit liegt bei den Patienten. Sie entscheiden, ob sie diese Form der digitalen Akte nutzen wollen und wer für welche Informationen freigeschaltet wird.

Umsetzung bis 2021

Im Referentenentwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes – kurz TSVG – ist festgelegt, dass „die Krankenkassen verpflichtet sind, ihren Versicherten spätestens ab dem 1. Januar 2021 eine von […] Gematik zugelassene elektronische Patientenakte zur Verfügung zu stellen”. Das TSVG könnte nach dem derzeitigen Fahrplan des Bundesministeriums am 1. April 2019 in Kraft treten.

Einige Krankenkassen sind dieser Verpflichtung zuvorgekommen und haben bereits seit Oktober 2017 in Testregionen eine patientengeführte Gesundheitsakte eingeführt. Zuletzt hat im September 2018 die Firma Vivy, hinter der die IT-Firma Bitmarck steckt, ihre Akte für die Versicherten der DAK sowie der Innungs- und Betriebskrankenkassen freigeschaltet.

Die Patienten können darin Daten eintragen, etwa den Stand ihres Impfausweises, und sich an Kontrolltermine oder Medikamenteneinnahmen erinnern lassen. Zudem sollen alle Ärzte angeschrieben und eingeladen werden, sich an Vivy zu beteiligen.

Beim TK-Safe der Techniker Krankenkasse können Versicherte sehen, wann sie bei welchem Arzt waren und was ihnen dort verschrieben wurde – unabhängig davon, ob der jeweilige Arzt mitmacht. Die App der TK ist für einige Versicherte seit April 2018 verfügbar, aber sie befindet sich noch in der Testphase.

Die AOK hat im Oktober 2017 als erste Krankenkasse ihre eGA herausgebracht. Sie wird bis heute in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern getestet und steht noch nicht allen AOK-Versicherten zur Verfügung. Bei der AOK-Variante stehen das Aufnahme- und Entlassmanagement sowie der Austausch von Dokumenten zwischen Kliniken und niedergelassenen Ärzten im Vordergrund.

Da die Varianten der TK und AOK noch getestet werden, ist derzeit nur Vivy für alle Versicherten der DAK sowie einiger Betriebs- und Innungskrankenkassen verfügbar. Auch die Barmer plant für das kommende Jahr eine europaweite Ausschreibung für die Entwicklung einer Patientenakte.

In einer Drucksache hat die Bundesregierung den Kassen die Spielräume aufgezeigt: „Die Regelung in § 68 SGB V ist […] eine reine Finanzierungsregelung. Mit ihr wurde den Krankenkassen die Möglichkeit gegeben, bereits im Vorfeld der Zurverfügungstellung von Patientenakten nach § 291a SGB V ihren Versicherten zur Verbesserung der Qualität und Wirtschaftlichkeit der Versorgung am Markt angebotene, das heißt von der Industrie entwickelte Aktenlösungen zu finanzieren und damit auch bereits erste Erfahrungen im Umgang mit entsprechenden Akten zu gewinnen.” Somit ist klar geregelt, dass bereits vor dem Jahr 2021 Aktenlösungen zur Verfügung gestellt werden dürfen. Außerdem könnten zuvor laufende Projekte einzelner Kassen wichtige Impulse zur geplanten Nutzung der elektronischen Patientenakten in der Telematik-Infrastruktur liefern.

In den Praxen kaum ein Thema

Egal, welche Form der Aktenlösungen es gibt, das Ziel ist meist gleich: Die Qualität der medizinischen Versorgung soll sich verbessern, etwa indem Fehlmedikationen oder Doppeluntersuchungen vermieden werden. Zudem sollen Patienten eine größere Gesundheitskompetenz erwerben.

In den Arztpraxen sind die eGA bis dato kein großes Thema. Dr. med. Peter Kirschner, Hausarzt aus Köln, sagt: „Bisher haben wir noch keinerlei Erfahrung damit in der Praxis gemacht.” Weder Vivy noch die Variante der TK seien seitens der Patienten bisher erwähnt worden.

Auch Dr. med. Ralf Raßmann, Allgemeinmediziner aus Düsseldorf, erklärt, dass er bisher keine Patienten mit solchen Apps bei sich in der Praxis hatte. „Aber ich bin schon sehr gespannt, denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Patienten damit in die Praxis kommen.” Er wisse dann aber auch nicht, wie seine Daten etwa bei einem Arztwechsel übertragen werden können. Dazu müssten noch Schnittstellen entwickelt werden.

Für die Praxen ist derzeit wichtig zu wissen: Kommt ein Patient mit einer Vivy-Gesundheitsakte, besteht keine Verpflichtung, die zum Teil umfangreichen Daten auszuwerten oder zu nutzen. Die eGA dient allein dem Informationsrecht des Patienten. Sollte ein Arzt jedoch Daten auswerten oder zur Verfügung stellen, ist eine Abrechnung und Vergütung über den EBM nicht möglich. Allerdings hat der Patient dem Behandelnden die entstandenen Sach- und Personalkosten zu erstatten. Da die Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) dafür derzeit keine Gebührenziffer enthält, können sich Ärzte bei den Kosten für Kopien und Ausdrucke am Gerichtskostengesetz orientieren. Danach könnten 50 Cent je Dokument als angemessen betrachtet werden.

Bei der 2021 kommenden elektronischen Patientenakte hat die KBV mit dem GKV-Spitzenverband schon jetzt die Verhandlungen aufgenommen. Bereits im Februar 2018 sagte Dr. Thomas Kriedel, Vorstandsmitglied der KBV, die KBV werde eine entsprechende Honorierung und Kostenerstattung für den Mehraufwand durch die ePA fordern.

Die Ärzteschaft scheint sich jedoch viel von den digitalen Anwendungen der TI und der ePA zu erhoffen. Die KBV hat jüngst die Umfrage „Praxisbarometer Digitalisierung” unter den Niedergelassenen durchführen lassen. Das Ergebnis: Die größten Chancen sehen die Praxen in den geplanten oder bereits vorhandenen Anwendungen

  • eMedikationsplan,
  • eArztbrief,
  • digitaler Notfalldatensatz,
  • digitale Verordnungen,
  • digitaler Impf- und Mutterpass.

Viele dieser Anwendungen gibt es nun bereits in den eGA-Varianten und sie sind ebenfalls in der elektronischen Patientenakte vorgesehen. Spätestens bis 2021 sollen dann alle bereits getesteten Systeme bundesweit über die Telematik-Infrastruktur eingebunden sein. Dann sollen alle derzeit bestehenden Insellösungen in einer Plattform zusammenkommen. Aufgrund der bisherigen Erfahrungen mit den Fristsetzungen der Telematik-Infrastruktur ist zu bezweifeln, dass die ePA am 1. Januar 2021 starten wird.

Marscha Edmonds

Elektronische Gesundheitsakten der Krankenkassen

TK-Safe

Anbieter: Techniker Krankenkasse
Art: patientengeführte elektronische Gesundheitsakte
Status: Testphase
Nutzer: 50.000
Zugang: über eine bereits für alle Versicherten vorhandene App der TK
Technische Firma: IBM

Was kann die eGA?

  • verschriebene Medikamente inklusive Informationen zum Medikament
  • Arztbesuche sowie Diagnosen und Kosten
  • Art der Behandlung und Gebührenordnungsposition

Patienten können:

  • Arztbesuch eintragen
  • Fotos und PDFs zur Dokumentation hochladen
  • Impfungen eintragen
  • Medikamente eintragen
  • Vorsorgeuntersuchungen eintragen

 

Vivy

Anbieter: DAK, Innungs- und Betriebskrankenkassen
Art: patientengeführte elektronische Gesundheitsakte
Status: für Versicherte bestimmter Krankenkassen frei zugänglich
Nutzer: über 200.000 Nutzer
Zugang: über eine App
Technische Firma: Bitmarck

Was kann die eGA?

  • Erinnerung an Vorsorgetermine
  • Erinnerung an Medikamenteneinnahmen
  • Medikationsplan

Patienten können:

  • Impfpass eintragen
  • Notfalldaten eintragen
  • Medikamente eintragen
  • Gesundheitscheck machen

 

Digitales Gesundheitsnetzwerk

Anbieter: AOK
Art: arzt- und patientengeführte elektronische Gesundheitsakte
Status: Testphase in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern
Nutzer: über 7.000 Nutzer
Zugang: per App oder Desktop
Technische Firma: Tiani Spirit und Cisco Systems

Was kann die eGA?

  • Medikamente einsehen
  • Ärzte/Krankenhäuser können strukturierte Dokumente wie Ultraschallbefunde, Laborbefunde, OP-Berichte oder Entlassbriefe in die Akte laden

Patienten können:

  • Mutterpass eintragen
  • Berichte zu früheren Geburten eintragen
  • Ergebnisse ambulanter Vorsorgeuntersuchungen eintragen
  • Allergien eintragen
  • Impfpass eintragen