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Gutachten des Sachverständigenrats: Sektorengrenzen überwinden

04.09.2018 KVNO aktuell

Fast 800 Seiten umfasst der Bericht „Bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung“, den der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) am 2. Juli 2018 dem Bundesgesundheitsministerium übergeben hat.

„Unser System hat Stärken: Das sind zum Beispiel die Zugänglichkeit und ein insgesamt hohes Leistungsniveau“, betont der Vorsitzende des Rates, Prof. Ferdinand Gerlach. Dennoch gebe es weiterhin Über-, Unter- und Fehlversorgung. Diese könnten nach Einschätzung der Gutachter behoben werden, wenn Angebot und Nachfrage gezielter gesteuert würden.

Die Planung einer bedarfsgerechten Versorgung soll sich künftig weniger an der Zahl der Ärzte, sondern an deren effektivem Beitrag zur Patientenversorgung orientieren. Das Alter der Ärzte sei ebenso zu berücksichtigen wie die Zunahme von Angestelltenverhältnissen. Dies sind nur zwei von den mehr als 70 Empfehlungen der Gutachter des SVR.

Nachbesetzungsverfahren

Ebenso spricht sich der Rat für eine Reform des Nachbesetzungsverfahrens von Vertragsarztsitzen aus. Praxen sollen in attraktiven städtischen Regionen nicht mehr zu einem gegebenenfalls überhöhten Preis veräußert werden können. Da es bisher an Transparenz fehlt, sollen Übernahmepreise regional ausgewertet und veröffentlicht werden.

Nachbesetzungen von Arztpraxen in absehbar unterversorgten Gebieten sollen bereits fünf Jahre vor Aufgabe des Vertragsarztsitzes möglich sein. Zur Sicherstellung der Versorgung sollten Landärzte nach einer weiteren Empfehlung bis zu 50 Prozent Zuschläge auf Grundleistungen erhalten.

„Für mich erschließt sich nicht, wie diese Reform bewirken soll, dass sich mehr Ärzte in strukturschwachen Gebieten niederlassen“, sagt KVNO-Vorsitzender Dr. med. Frank Bergmann. „Der Vorschlag, Arztpraxen schon fünf Jahre vor Aufgabe des Vertragsarztsitzes nachzubesetzen, klingt theoretisch gut, wirft aber Fragen zur Praktikabilität auf. Dies gilt auch für eine weitere Maßnahme, die der Rat vorschlägt, nämlich die kassenärztliche Zulassung zeitlich zu limitieren: etwa auf 30 Jahre bei MVZ oder Berufsausübungsgemeinschaften und bei einzelnen Vertragsärzten bis zur Beendigung ihrer Tätigkeit.“

Sektorenübergreifende Versorgung

Um den Grundsatz „ambulant vor stationär“ konsequent zu verwirklichen, bedarf es aus Sicht der Gutachter vor allem einer sektorenübergreifenden Vergütungsstruktur. Unabhängig vom Ort der Leistungserbringung soll das Prinzip „gleicher Preis für gleiche Leistung“ gelten. Die Gutachter plädieren dafür, einen Katalog „hybrider Leistungen“ zu definieren. Erste Erfahrungen mit diesem Instrument gibt es in einem Modellprojekt der Techniker Krankenkasse in Thüringen.

Notfallversorgung

Notrufe sollen in „Integrierten Leitstellen“ (ILS) von erfahrenen Fachkräften und unterstützt durch weitergebildete Ärzte entgegengenommen werden. In den ILS soll eine Ersteinschätzung erfolgen und der „situativ jeweils beste Versorgungspfad“ bestimmt werden.

In den Empfehlungen des Rates werden die Praxen des Kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes vollständig in Integrierten Notfallzentren (INZ) angesiedelt. Die INZ befinden sich in einem Krankenhaus; sie sind interdisziplinär und sektorenübergreifend organisiert und rund um die Uhr erreichbar. Im Hinblick auf die Etablierung der Bereitschaftsdienste im Land ist die KV Nordrhein bereits auf einem guten Weg. „90 Prozent unserer 75 Notdienstpraxen befinden sich an oder in Krankenhäusern“, so Bergmann.

Patienten sollen im INZ an einem zentralen Tresen empfangen werden. Hier könnte beispielsweise ein bei der KV beschäftigter Arzt die weitere Einschätzung des Behandlungsbedarfs übernehmen. Je nach Situation soll die Weiterbehandlung dann ambulant oder stationär erfolgen.

Patienten-Steuerung

Der Hausarzt als „Lotse“ soll Patienten den Weg durch das Gesundheitssystem bahnen. Daher verwundert die Empfehlung des Rates kaum, die „hausarztzentrierte Versorgung“ (HzV) auszuweiten. Krankenkassen sollen verpflichtet werden, ihren Versicherten einen vergünstigten Wahltarif für die Teilnahme am HzV-Modell anzubieten.

Dies würde bedeuten, dass die Versicherten auf die freie Arztwahl verzichten und sich an einen Hausarzt binden. Daneben soll die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung frühzeitig durch mehr Gesundheitsbildung in der Schule und durch evidenzbasierte Patienteninformationen gestärkt werden.

Psychische Erkrankungen

Wie eine gezieltere Steuerung von Patientenwegen aussehen kann, verdeutlicht der SVR an der Versorgung von Patienten mit psychischen Erkrankungen. Um unnötige stationäre Behandlungen zu vermeiden und Wartezeiten zu verringern, sollen ambulante und teilstationäre Kapazitäten ausgebaut werden.

In der Regel soll der Hausarzt erster Ansprechpartner der Patienten sein. Bei schweren psychischen Erkrankungen kann die Koordination auch durch einen niedergelassenen Psychiater, Psychotherapeuten oder eine Institutsambulanz übernommen werden. Grundsätzlich soll der höhere Koordinationsaufwand besser vergütet werden. In diesem Kontext spricht sich der Rat dafür aus, erfolgreiche Modelle des Innovationsfonds in die Regelversorgung zu übertragen.

„Die gestufte und koordinierte Versorgung von Menschen mit psychischen und neurologischen Erkrankungen ist in Nordrhein bereits Realität“, so Bergmann. Seit Dezember 2017 können Patienten über das vom Innovationsfonds geförderte Projekt „Neurologisch-psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung“ (NPPV) versorgt werden.

Der Sachverständigenrat wird das Gutachten zunächst zentral in Berlin und anschließend in vier Regionalkonferenzen vorstellen. Die Regionalkonferenz West findet am 27. November 2018 in Düsseldorf statt.

Dr. Heike Zimmermann | Theresia Smolka