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Impflücken schließen: Methodisch gegen Masern

04.09.2018 KVNO aktuell, Praxisinfos

Die Masern sind auf dem Vormarsch – und werden fälschlicherweise noch immer als Kinderkrankheit wahrgenommen. Dabei können sich auch Erwachsene infizieren. Es gilt: Je älter die Personen sind, desto größer sind die Risiken des fehlenden Impfschutzes.

Seit Anfang 2018 verzeichnen etliche Gesundheitsämter in Nordrhein mehr Meldungen von Masernfällen. In Köln waren es insgesamt 138 bestätigte Meldungen bis Juli dieses Jahres – deutlich mehr als im Vorjahr. Unter den Betroffenen sind nicht nur kleine Kinder, sondern auch Menschen im mittleren und hohen Alter – der älteste Erkrankte war 82 Jahre alt.

Zwischen Ende Dezember 2017 und Anfang April 2018 erkrankten 333 567 Menschen an einer Grippe, meldete die Arbeitsgemeinschaft Influenza – die Dunkelziffer dürfe noch deutlich höher liegen. Fast ein Fünftel der registrierten Grippepatienten musste stationär behandelt werden. 1665 Patienten starben an den Folgen der Infektion, die meisten waren über 60 Jahre alt.

Die Grafik zeigt Impfempfehlungen für Erwachsene.
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Impfempfehlungen für Erwachsene

Risiko steigt mit dem Alter

In der Impfsaison 2016/17 gab es nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) die meisten Influenza-Fälle in der Altersgruppe der 35- bis 59-Jährigen und in der ab 60-Jährigen (30 beziehungsweise 31 Prozent). In der Saison 2016/17 lag die Zahl der hospitalisierten Patienten 16 Mal höher als in der relativ milden Saison 2013/14.

Überraschend ist die hohe Betroffenheit der Älteren nicht: Mit zunehmendem Alter verändert sich das Immunsystem. Die Immunabwehr sinkt, das Immunsystem wird weniger leistungsfähig. Dies gilt sowohl für die zelluläre als auch für die humorale Immunantwort. Aufgrund des schwächeren Immunsystems
erkranken ältere Menschen häufig schwerer als jüngere. Zudem leiden ältere Menschen oft unter chronischen Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder Diabetes mellitus.

Die Auswirkungen einer Infektion sind dann meist schwerer als bei gesunden Gleichaltrigen.

Dr. med. Patricia Shadiakhy | Dr. Heike Zimmermann

„Das Thema Impfen bleibt spannend“

Dr. med. Ulrike Haars ist seit 1. Januar 2018 niedergelassen in einer infektiologischen Schwerpunktpraxis in Krefeld, die auch als Gelbfieberimpfstelle zugelassen ist. Die Fachärztin für Innere Medizin und Infektiologie kennt alle Facetten des Impfens und setzt sich unter anderem für eine Leitlinie zum Impfen bei Menschen ein, deren Immunsystem supprimiert ist.

Das Bild zeigt Dr. Ulrike Haars im Gespräch.

Infektiologin Dr. Ulrike Haars plädiert für konsequentes Impfen – auch bei Schwangeren und älteren Patienten.

Warum sollten Erwachsene noch gegen Masern geimpft werden?

Masern sind hoch ansteckend und nicht nur in Nachbarländern wie Italien und Frankreich wieder auf dem Vormarsch, sondern auch in einigen „Hotspots“ in Deutschland – in erschreckendem Umfang und mit zum Teil tragischen Folgen. Über 40 Prozent der gemeldeten Masernfälle in der Saison 2017/2018 kamen aus Nordrhein-Westfalen. Wir müssen den Impfschutz in den Praxen prüfen und fehlende Immunisierungen nachholen. Der Schutz ist nur mit der zweiten Impfung vollständig. Bei nach 1970 Geborenen gilt: Wenn keine Impfdokumentation vorliegt oder nur einmal geimpft wurde, sollte einmalig Masern-Mumps-Röteln nach­geimpft werden.

Welche Impfungen sollten Praxen bei älteren Patienten darüber hinaus im Blick haben?

Neben den Standardimpfungen für Erwachsene ab 60 Jahren wie Pneumokokken oder der jährlichen Influenzaimpfung sollten Praxen an Auffrischimpfungen wie Diphtherie, Tetanus und Pertussis denken. Ganz wichtig ist auch der Schutz vor „Herpes Zoster“, also der Gürtelrose, von der vor allem über 50-Jährige betroffen sind. Seit diesem Jahr gibt es einen neuen Totimpfstoff, der für Patienten ab 50 Jahren zugelassen ist. Die Zoster-Impfung ist allerdings noch keine Pflichtleistung der Krankenkassen.

Haben Sie schon Komplikationen nach Masernerkrankungen bei Patienten erlebt?

Ja, bei Menschen aus Hochprävalenzländern. Besonders ist neben der Masernpneumonie auch eine besondere Form der Enzephalitis, die subakute sklerosierende Panenzephalitis – kurz SSPE –, gefürchtet, die zu schweren Hirnschäden führt. Je nach Region besteht bei Flüchtlingen teilweise ein guter Impfschutz, doch bei fehlender Dokumentation sollte trotzdem einmal nachgeimpft werden.

Wie sieht es aus mit dem Gemeinschafts-/Herdenschutz?

Erwachsene können durch eine Infektionskrankheit auch Babys und Kleinkinder gefährden, wenn diese nicht oder nicht ausreichend geimpft sind. Das gilt vor allem für Pertussis. Das Tückische ist, dass Erwachsene erkranken können, ohne es zu merken. Stecken sie dann noch nicht impffähige Säuglinge an, kann dies sogar tödliche Folgen haben. Deshalb empfehle ich, den Impfschutz der Eltern zu prüfen und auch Schwangere zu impfen, damit sich die Antikörper der Mutter als „Nestschutz“ auf das Kind übertragen können.

Das Gespräch führte Dr. Heiko Schmitz.