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„Viele Länder werden nachziehen“

04.09.2018 KVNO aktuell

Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann stellt sich gegen den drohenden Mangel an Hausärzten auf dem Land. Als erstes Bundesland führt Nordrhein-Westfalen (NRW) die Landarztquote ein. Mit KVNO aktuell sprach er über diese Initiative und was das Land sonst noch unternimmt, um Mediziner aufs Land zu lotsen.

Das Landeszentrum Gesundheit NRW wird die Auswahl durchführen. Nach welchen Kriterien wird das Auswahlverfahren erfolgen?

Die Landesregierung hat am 11. Juli 2018 den Entwurf des Landarztgesetz Nordrhein-Westfalen in den Landtag eingebracht. Das Ziel ist die Einführung einer Landarztquote zum WS 2019/2020. Im Gesetzentwurf haben wir vier Kriterien vorgesehen, nach denen die Auswahl der Bewerberinnen und Bewerber erfolgen soll:

1. nach der in der Hochschulzugangsberechtigung ausgewiesenen Qualifikation (Durchschnittsnote)
2. nach dem Ergebnis eines strukturierten fachspezifischen Studierfähigkeitstests
3. nach der Art und Dauer einer einschlägigen Berufsausbildung, Berufstätigkeit oder praktischen Tätigkeit, die über die besondere Eignung für den Studiengang Humanmedizin Aufschluss geben können
4. nach einem strukturierten Auswahlgespräch

Hier setzen wir vor allem die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem letzten Jahr um, nach dem die Durchschnittsnote nicht mehr allein ausschlaggebend sein soll.

Die Entscheidung für die Tätigkeit als Landarzt treffen junge Menschen, die meisten 18 oder 19 Jahre alt. Kann man in diesem Alter wirklich schon sicher sagen, wie man mit 30 oder gar 40 arbeiten will?

Aus vielen persönlichen Gesprächen und Briefen weiß ich: Es gibt viele Studienbewerberinnen und -bewerber, die ganz genau wissen, dass sie einmal als Hausärztin oder Hausarzt tätig werden möchten. Gerade diese hoch motivierten Studentinnen und Studenten, die einer längerfristigen Tätigkeit in ländlichen Regionen offen gegenüberstehen, möchte ich unterstützen.

Das Bild zeigt NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann; Foto: Jördis Zähring

Karl-Josef Laumann (CDU) ist seit 30. Juni 2017 Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein- Westfalen. Von 1990 bis 2005 war Karl-Josef Laumann Abgeordneter des Deutschen Bundestages. Von 2005 bis 2010 war er in NRW erstmals Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales, von 2010 bis 2013 Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion. Vor der erneuten Übernahme des Ministeramts in Düsseldorf war Laumann als Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit Patientenbeauftragter und Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung. Laumann ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Sie sollen durch die Landarztquote die Möglichkeit zu einem Studium erhalten, zu dem sie ansonsten gar nicht oder eventuell erst später einen Zugang erhalten würden. Denjenigen, die andere berufliche Vorstellungen haben oder sich nicht frühzeitig binden wollen, stehen nach wie vor Medizinstudienplätze im Rahmen des regulären Auswahlverfahrens zur Verfügung.

Der Ärztemangel ist eine Herausforderung, die auch für andere Fachgruppen als die Allgemeinmedizin gilt. Greift die Regelung daher nicht zu kurz? Oder verschiebt das Problem nur innerhalb der Versorgungsbereiche?

Derzeit stehen nach dem Staatsvertrag 7,6 Prozent der Medizinstudienplätze in Nordrhein-Westfalen als Vorabquote zur Verfügung. Würden wir den Adressatenkreis der Landarztquote erweitern, würde dies den Wirkungsgrad der vorgesehenen Regelung für den ländlichen Raum erheblich verringern.

Es ist so: In ländlichen Regionen in Nordrhein-Westfalen ist der Mangel an Hausärztinnen und Hausärzten bereits heute spürbar. Allein in Westfalen-Lippe ist jeder zweite Hausarzt über 60 Jahre alt. Darauf müssen wir reagieren, sonst fehlen uns in einigen Jahren die Ärzte.

Das Studium der Humanmedizin erfreut sich zwar nach wie vor großer Beliebtheit – die Zahlen der Bewerberinnen und Bewerber übersteigen die Anzahl der zur Verfügung stehenden Studienplätze um ein Vielfaches. Jedes Jahr gehen aber rund 400 Hausärzte in den Ruhestand. Von den jedes Jahr rund 2000 ausgebildeten Ärztinnen und Ärzten werden allerdings nur circa zehn Prozent Allgemeinmediziner. Die Nachwuchssorgen sind also im Hausarztbereich am größten, und hier soll die Landarztquote ansetzen.

Darüber hinaus bauen wir den Bereich Allgemeinmedizin flächendeckend aus. Nicht nur ist es mein Ziel, dass jede medizinische Fakultät im Land eine W3-Professur für Allgemeinmedizin einrichtet, wir setzen uns grundsätzlich für eine Erhöhung der Studienplatzzahlen im Bereich Medizin ein.

Mit der Schaffung von 25 zusätzlichen Studienplätzen im Rahmen des Projekts „Medizin neu denken“ in Bonn und Siegen ab WS 2018/19 sowie dem Aufbau einer neuen Medizinischen Fakultät OWL in Bielefeld mit 300 Studienanfängerinnen und -anfängern jährlich im Endausbau werden wir hierfür einen wesentlichen Beitrag leisten. Ich hoffe aber, dass auch andere Bundesländer hier mitziehen und Studienplätze ausbauen werden.

Die Quote ist auch in anderen Bundesländern auf der Agenda. Was erwarten Sie: Wie viele Länder werden in diesem Jahr noch nachziehen?

Das Interesse anderer Ländern am Gesetzgebungsverfahren in Nordrhein-Westfalen ist sehr groß. Ich gehe daher davon aus, dass viele Länder nachziehen werden. Im Rahmen einer länderübergreifenden Arbeitsgruppe zur Landarztquote sind wir mit anderen Ländern in engem Kontakt. Hier findet ein aktiver Austausch statt.

Die „Landarztquote“ ist eine Maßnahme, um die Versorgung auf dem Land zu sichern. Das Land tut aber noch mehr. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten weiteren Maßnahmen?

Neben der Einführung der Landarztquote und der geplanten Erhöhung der Medizinstudienplätze in NRW bieten wir mit dem Hausarztaktionsprogramm finanzielle Anreize, um Hausärztinnen und Hausärzten die Tätigkeit in
ländlichen Regionen attraktiver zu machen. Im Rahmen dessen fördern wir eine Niederlassung in einer unterversorgten oder von Unterversorgung bedrohten Region mit bis zu 60.000 Euro aus Landesmitteln.

Darüber hinaus wollen wir anderen Facharztrichtungen die Möglichkeit bieten, sich nochmal neu Richtung Allgemeinmedizin zu orientieren, ohne beispielsweise negative finanzielle Konsequenzen befürchten zu müssen.

Daher legen wir ein Programm zum Quereinstieg auf, in dem erfahrene Ärztinnen und Ärzte ohne Gehaltsverzicht unter bestimmten Voraussetzungen eine verkürzte Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin absolvieren können, um anschließend hausärztlich tätig zu werden.

Die Fragen stellte Frank Naundorf.