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Bedenkliche Tendenz: Gewalt gegen Ärzte nimmt zu

27.06.2018 KVNO aktuell, Praxisinfos

Ärztinnen und Ärzte werden zunehmend beschimpft, bedroht und tätlich angegangen. Jeder vierte an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmende Mediziner hat in seinem Berufsleben schon Erfahrung mit körperlicher Gewalt von Patientenseite gemacht. Das zeigen neueste Erhebungen. Auch den Deutschen Ärztetag im Mai dieses Jahres beschäftigte das Thema. Welche Hilfestellungen sind möglich und wo sollte die Politik Unterstützung bieten?

Bundesweit kommt es täglich in mindestens 75 Fällen zu körperlicher Gewalt gegen niedergelassene Mediziner und ihre Praxisteams. Vier von zehn ambulant tätigen Ärzten sind täglich Opfer von verbaler Gewalt – dies sind 2.870 Fälle. Die Daten basieren auf ersten Auswertungen der im Februar 2018 gestarteten telefonischen Umfrage des Instituts für angewandte Sozialwissenschaften (infas) bei 11.000 Niedergelassenen zu deren Arbeitssituation.

Im Rahmen dieses Ärztemonitors von Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und NAV-Virchow-Bund wurden auch Antworten zur Sicherheit im Patientenkontakt erhoben. Die Umfrage zeigt: Je größer die Praxis ist, desto häufiger sieht sich das Team mit verbaler Gewalt konfrontiert, während die körperliche Gewalt zunimmt, je kleiner die Praxis ist.

Das Bild zeigt einen Mann, der seine Hand hochhält als Stopp-Signal.

Inzwischen gibt es bundesweit täglich 75 Fälle körperlicher Gewalt gegen niedergelasene Ärzte, Psychotherapeuten oder das Praxispersonal.

Auch Schlechtreden schürt Aggression

KBV-Chef Dr. med. Andreas Gassen sieht die Entwicklung, bei der zunehmend die Grenzen des Respekts und des Anstands überschritten werden, mit Bestürzung. Gleichzeitig appelliert er an Politik und Krankenkassen, die Konsequen­zen der populistischen Kritik („Ärztebashing“) gegenüber der Ärzteschaft zu bedenken. Man müsse sich nicht wundern, wenn die verbale Kriminalisierung eines kompletten Berufsstands auch zur Gewalt in Praxen führe, so Gassen.

Noch frisch in Erinnerung ist die Attacke eines Mannes, der im vergangenen März in der Notfallpraxis am Evangelischen Krankenhaus in Düsseldorf den behandelnden Arzt mit Reizgas und einem Messer angriff. Glücklicherweise wurde der Arzt nur leicht verletzt. Eine Tat, auf die auch Dr. med. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein, betroffen reagierte und sein Bedauern darüber äußerte, dass leider Ärzte, wie auch Rettungsdienste und andere medizinische Fachkräfte, zunehmend Gewalt ausgesetzt sind.

Dr. med. André Schumacher, Schatzmeister des Vereins Notdienst Düsseldorfer Ärzte e. V. und Kreisstellenvorsitzender der KV Nordrhein in Düsseldorf, berichtet, dass es Überlegungen gibt, das interne Notrufsystem für medizinisches Personal zu verbessern. „Wir prüfen aktuell, welche technische Lösung hier geeignet ist.

Zum Beispiel könnte durch ein am Körper tragbares Gerät manuell ein entsprechender lauter Alarm ausgelöst werden, oder ein Sensor überträgt ein Signal an eine bestimmte zentrale Stelle, die Hilfe leistet – gegebenenfalls auch eine Kombination von beiden Systemen. Natürlich haben wir auch überlegt, welche weiteren Möglichkeiten für die Mitarbeiter nützlich wären, wie ein Deeskalationstraining oder Selbstverteidigungskurse“, so Schumacher.

Eine bundesweite Befragungsstudie, die 2015 im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichtet wurde, zeigt ähnliche Ergebnisse. Die Erhebung der Daten erfolgte im Rahmen eines Promotionsvorhabens an der Medizinischen Fakultät der Technischen Universität München. Demnach sind 91 Prozent der Hausärzte schon einmal Opfer aggressiven Verhaltens geworden.

23 Prozent der Mediziner erlebten schwerwiegende Aggressionen und Gewalt, elf Prozent berichteten von heftigen Zwischenfällen im Verlauf eines Jahres. Unsicher fühlten sich die Ärzte am ehesten während der Bereitschaftsdienste und bei Hausbesuchen. Dies betraf zwei Drittel der Ärztinnen und ein Drittel der Ärzte. Beleidigungen und Beschimpfungen waren mit Abstand die am häufigsten berichteten Vorfälle. Danach folgten Sachbeschädigung oder Diebstahl sowie Rufschädigung oder Verleumdung. Insbesondere Ärztinnen waren auch sexuellen Belästigungen ausgesetzt.

Ansätze zum Umgang mit Gewalt

Auf welche Weise kann man dem Problem begegnen? Ein Ansatz könnte sein, dass Thema in die ärztliche Aus- und Weiterbildung zu integrieren, um einen geeigneten Umgang mit Aggression zu erlernen. Australien und Kanada beispielsweise kennen ein Sicherheitsprogramm für Allgemeinärzte. Auch die Sicherheit für Mediziner im Bereitschaftsdienst und bei Hausbesuchen könnte verbessert werden, zum Beispiel durch Notrufsysteme für die medizinischen Mitarbeiter.

Geplant ist zudem ein EU-weites Projekt, bei dem alle europäischen Länder Angriffe auf Ärzte einheitlich dokumentieren können. Die Bundesärztekammer entwickelt derzeit gemeinsam mit einigen europäischen Ländern hierzu ein entsprechendes Formular.

Nicht zuletzt ist der Gesetzgeber gefordert. Mehrfach haben Ärztevertreter von KBV, KVen, Ärztekammern und Verbänden – zuletzt der 121. Deutsche Ärztetag Anfang Mai in Erfurt – an die Politik appelliert, Ärztinnen und Ärzte unter besonderen Schutz zu stellen und dies in das Strafgesetzbuch aufzunehmen. Das 52. Gesetz zur Änderung des Strafgesetzbuches zur Stärkung des Schutzes von Vollstreckungsbeamten und Rettungskräften war am 30. Mai vergangenen Jahres in Kraft getreten. Das Gesetz besagt, dass Angriffe auf Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungsdienstmitarbeiter mit einem höheren Strafmaß geahndet werden.

Sigrid Müller

Mehr Schutz für Ärzte

Die Abgeordneten des 121. Deutschen Ärztetages forderten den Gesetzgeber auf, Ärztinnen und Ärzte in Klinik und Praxis in den neuen Straftatbestand „Tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte“ (§ 115 Strafgesetzbuch) mit aufzunehmen. Notwendig sei zudem eine öffentlich wirksame Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Die Bundesärztekammer soll außerdem eine bundesweite Befragung zu Gewalt gegen Ärzte veranlassen.