Logo der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein

Navigation

Forschungsprojekt „Accountable Care in Deutschland“ startet: Patienten gemeinsam versorgen

27.06.2018 KVNO aktuell, Praxisinfos

Kaum ein Arzt oder Psychotherapeut könnte mit Gewissheit sagen, welche Kollegen an der ambulanten Behandlung seiner Patienten beteiligt sind. Vermutlich sind es mehr, als viele vermuten. Denn die Zusammenarbeit im Kreis der Kollegen verläuft längst nicht immer in geregelten oder gar koordinierten Bahnen.

Aus Überweisungen werden beim Empfänger Originalfälle, Arztbriefe sind inhaltsleer oder fehlen ganz. Und Patienten konsultieren Ärzte und Psychotherapeuten auf eigene Faust: 19 jährliche Arztbesuche je Bundesbürger kommen nicht von ungefähr. Die Folgen: unwirtschaftliche oder gar schädliche Parallelbehandlungen, Polymedikation und vermeidbare Brüche im Versorgungsablauf.

Über das Ausmaß dieser ungesteuerten Behandlung konnte bisher nur spekuliert werden. Das Forschungsprojekt „Accountable Care in Deutschland“ (ACD) möchte Licht ins Dunkel bringen und Ärzten und Psychotherapeuten zu mehr Transparenz über das Behandlungsgeschehen verhelfen – ganz im Sinne des Projektnamens, den man mit „verantwortliche Versorgung“ übersetzen könnte.

Die Grafik zeigt das Logo von Accountable Care in Deutschland

Am Anfang steht die Analyse

Als Ergebnis einer „Netzwerk-Analyse“ durch die wissenschaftlichen Projektpartner werden zunächst jene Arztpraxen einer Region ermittelt, die eine nennenswerte Zahl von Patienten gemeinsam behandeln. Sie bilden ein informelles Netzwerk – etwa im Unterschied zu organisierten Praxisnetzen, die sich auch formal konstituiert haben.

In einem zweiten Schritt erhalten diese Netzwerke ein konkretes Unterstützungsangebot: Während der zweijährigen Projektphase finden halbjährliche Treffen der Mitglieder eines Netzwerks statt. Dort können Aspekte der kollegialen Zusammenarbeit beraten werden – mit dem Ziel, aus ungesteuerten „Versorgungssequenzen“ gemeinsam „Ver­sorgungspfade“ für die Patienten eines Netzwerks zu entwickeln und zu vereinbaren.

Als Hilfestellung für diesen Prozess erhalten die Teilnehmer je Quartal einen Feedback-Bericht mit Informationen zu netzwerktypischen Verläufen der Patientenbehandlung. Begleitet werden die Treffen durch einen ärztlichen Kollegen in der Rolle eines Moderators.

Feedback-Bericht für Netzwerke

Feedback-Berichte sind vielen Ärzten aus den Disease-Management-Programmen vertraut. Sie sind dort ein bewährtes Instrument, um das eigene Behandlungsverfahren zu reflektieren und die Arbeit in DMP-Qualitätszirkeln effektiv zu strukturieren. Dieser Ansatz hat daher Eingang in das Projekt „Accountable Care“ gefunden. Freilich mit einem wesentlichen Unterschied: Diese Berichte enthalten keine Informationen mit Praxis- oder Patientenbezug, sondern bereiten das Behandlungsgeschehen eines Netzwerks möglichst anschaulich auf.

Auch ansonsten wird der Datenschutz im Projekt großgeschrieben: Personenbezo­gene Daten werden stets pseudonymisiert oder anonymisiert verarbeitet. Die Datenschutzbehörden der vier Länder, in denen ACD an den Start geht, haben das Projekt mit größter Sorgfalt geprüft und ohne Vorbehalt genehmigt.

Im Zentrum der Arbeit der Netze sollen „ambulant-sensitive Diagnosen“ stehen, also jene Erkrankungen, die häufig stationär behandelt werden, obwohl eine ambulante Versorgung grundsätzlich möglich wäre. Dazu zählen Herz-/Kreislauf­erkrankungen, Diabetes, COPD und Depressionen. Hier erhoffen sich die Initiatoren Erkenntnisse, ob und in wie weit die gezielte Unterstützung von Versorgungsnetzwerken dazu beitragen kann, die Versorgungsqualität und die Arbeitszufriedenheit der Beteiligten zu verbessern.

„Accountable Care“ ist ein gemeinsames Projekt der KVen Nordrhein, Westfalen-Lippe, Hamburg und Schleswig-Holstein. Beteiligt sind ebenso die AOKen Rheinland/Hamburg und Nordwest sowie Partner aus der Wissenschaft: das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung, das Institut für Allgemeinmedizin der Universität Düsseldorf, die Medizinische Hochschule Hannover und die LMU München. Letztere übernimmt als Konsortialführung die Gesamtkoordination. Das Projekt wird vom Innovationsfonds aus Mitteln des Bundes sowie der Gesetzlichen Krankenversicherung finanziert.

Start im September

Der Vorstand der KVNO ist von „Accountable Care“ überzeugt. Vorsitzender Dr. med. Frank Bergmann: „Der Ansatz, vernetzte Strukturen zu erkennen und die Kollegen in ihrer Zusammenarbeit zu stärken, bietet große Chancen. Schließlich ist die mangelnde Koordination der Patientenbehandlung seit Jahren eine der offenen Flanken unseres ansonsten hervorragenden Gesundheitssystems.“

Ebenso wirbt Dr. med. Carsten König, stellvertretender KVNO-Vorsitzender, für „Account­able Care“: „Das Projekt ist Versorgungsforschung im besten Sinne. Es lebt von einem möglichst breiten Engagement – als Mitglied eines Netzwerks oder als Moderator. Im Juli wollen wir Kolleginnen und Kollegen erstmals zu Treffen „ihres“ Netzwerks einladen. Eine rege Beteiligung wäre eine schöne Bestätigung, dass die Qualitätsentwicklung ein ureigenes ärztliches Thema ist.“ Der Start der Netzwerkarbeit ist für September geplant.

Barbara Gentges | Johannes Reimann